Turandot Leipzig

Dieter David Scholz

 

 

Photos Tom Schulze / Oper Leipzig

Spiegelung einer archaisch grausamen Welt von Vorgestern in beängstigend futuristischen Bildern eines diktatorialen Heute.

 

Giacomo Puccinis "Turandot" an der Oper Leipzig

Premiere 22.10.2016

 

„Turandot“ ist die letzte Oper von Giacomo Puccini. Er hat sie 1924 geschrieben, sie blieb unvollendete. Ein Jahr später wurde sie mit dem nachkomponierten Finale von Franco Alfano von Arturo Toscanini an der Mailänder Scala uraufgeführt und wurde schnell an allen großen Bühnen der Welt nachgespielt. In der Oper Leipzig war nach 40 Jahren Abstinenz wieder eine Neuinszenierung zu erleben.

 

Puccinis letzte Oper basiert auf einem persischen Märchen aus den „Erzählungen aus Tausend und einer Nacht“. Die Handlung spielt im alten China. Regisseur Balázs Kovalik, der zuletzt in Leipzig "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss herausbrachte, siedelt Puccinis „Welt-abschiedswerk“ allerdings nicht im alten China an, sondern in einer modernen, futuristisch anmutenden, sterilen Gegenwart an. Er zeigt eine anonymisierte, entindividualisierte Gesellschaft unter einem autoritären Regime. Das Volk steckt in schwarzen Overalls mit tief ins Gesicht hängenden Kapuzen und schreitet im Gleichmarsch über die Bühne. Heike Scheele hat für diese unkonventionelle Lesart des Stücks eine schwarz-weiße Architektur entworfen, die mit ihren wabenartigen Schaufassaden an Kaufhaus-Architektur sozialistischer Systeme erinnert. Ein großer Propeller in Form einer überdimensionierten Schiffsschraube verschlingt im Hintergrund wie ein Fleischwolf die Masse Mensch.

 

Kovalik hat allen verzuckerten Chinakitsch von der Bühne verbannt, um in beängstigend visionären Bildern eines diktatorialen Heute die archaisch grausame Welt von Vorgestern zu spiegeln, die Welt einer sich selbst entfremdeten und manipulierten, und eben dadurch verrohten Massengesellschaft. Bei der sciencefictionhaften Kostümierung der Ordnungshüter denkt man allerdings unfreiwillig an Androiden aus Weltraum-Kinospektakeln. Nur in der grossen Szene der drei Minister im zweiten Akt gestattet sich Kovalik eine Reminiszenz ans Alte China. Eine traditionelle, altchinesische Badestube schiebt sich in die moderne Archi-tektur. Man raucht Opiumpfeife, trinkt Reisschnaps, entkleidet sich schamhaft und lässt sich genüsslich massieren. Überhaupt ist viel nacktes Fleisch und Unterwäsche in dieser Insze-nierung zu sehen. Aber auch blutige Tötungsrituale werden nicht ausgespart.

 

In seiner sorgfältigen Personenführung wirft Kovalik auch einige interessante Schlaglichter auf die Titelfigur, um sie dem üblichen Rollen-Stereotyp zu entreißen, was ihm allerdings nur ansatzweise gelingt, denn die amerikanische Sopranistin Jennifer Wilson verfügt zwar über die für die Partie notwendigen Trompetentöne, aber ihre körperlich ausladende Erscheinung ist alles andere als glaubwürdig, zumal sie von Sebastian Ellrich unvorteilhaft als Lederdomina kostümiert wurde. Leonardo Camis jugendlich-sportiver Calaf hingegen singt die Partie des unbekannten Prinzen, der die drei Rätsel der eisumgürteten Prinzessin löst, mit erfrischend natürlichem Tenor, mit dem nötigen Schmelz und mit ausreichend metallischer Durchschlags-kraft. Geradezu mädchenhaft ist Olenar Tokars Liù. Sie singt diese liebenswerte Partie mit belcantischem, warmem Sopran. Aber auch alle übrigen Partien sind sehr überzeugend besetzt. Vorzüglich ist auch der von Alessandro Zuppardo einstudierte Chor der Oper Leipzig.

 

Am Pult des Gewandhausorchesters steht Matthias Foremny. Glänzend bewältigt er den geforderten dirigentischen Spagat zwischen dem „Nichtmehr“ und dem „Noch“ des Werks, in dem Puccini zwar nicht seine gefühlsintensiv spätromantische Handschrift verleugnet, sich aber doch schon weit in die Ausdruckswelt der musikalischen Moderne vor wagt. Matthias Foremny dirigiert einen unsentimentalen Puccini. Sein Diri¬gat ist kristallklar, scharf konturiert, hochexpressiv. Streckenweise klingt diese „Turandot“ geradezu brutal modern, was die szenische Interpretation beglaubigt. Das Gewandhausorchester sorgt für überwältigenden Sound. Ein großer Abend!

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