Tschaikowskys Mazeppa in Gera

Dieter David Scholz

 

 

Foto: Sabina Sabovic

 

Tschaikowskys „Mazeppa“. Ein Kriegsstück

 

 

"Eugen Onegin" und "Pique Dame" sind die beiden Opern Tschaikowskys, die immer wieder auf den Spielplänen der Opernhäuser stehen. Die Oper "Mazeppa" oder "Masepa", wie sie im Original heisst, ist eher selten auf den Bühnen anzutreffen. In Gera fand am 28.04.2017 die Premiere einer Neuproduktion statt, nachdem das Werk dort zum letzten Mal 1948/49 gezeigt wurde. Inszeniert hat der Intendant des Hauses, Kay Kuntze. Am Pult stand GMD Laurent Wagner.

 

Mazeppa wird noch heute in der Ukraine als Volksheld und Freiheitskämpfer verehrt, in Russland gilt er hingegen als Verräter und Gegenspieler Zar Peters des Ersten. Ein brisanter Stoff, der gerade angesichts des heutigen Konflikts Russlands mit der Ukraine von besonderer Aktualität ist. Kay Kuntze hat die Aktualität in seiner Inszenierung mit reflektiert, aber er hat das Stück, das im 18. Jahrhundert spielt, nicht aktualisiert in dem Sinne, dass er es in unserer Gegenwart angesiedelt hat, was sich anböte.

Es geht in dem Stück um die Schlacht von Poltava 1709, also um den Freiheitskampf der Ukrainer. es geht aber auch um die Liebesgeschichte zwischen dem greisen Oberbefehlshaber der ukrainischen Kosaken, Mazeppa, und der 15-jährigen Tochter seines Freundes, des reichen Gutsbesitzers Kotschubej. Nachdem Mazeppa mit Maria durchgebrannt ist, lässt Kotschubej Mazeppa beim Zaren diskreditieren. Der Zar glaubt aber irrtümlich an Mazeppas Loyalität und übergibt Kotschubej in Mazeppas Macht. Der lässt ihn schließlich foltern und hinrichten.

 

Kuntze zeigt diese Oper aber nicht als historisches, sondern als modernes, grausames Stück zweier egomaner Politiker, ohne es präzise zu verorten. Bei Kuntze sind Mazeppa und Kotschubej zwei grausame alte Machos, die mit allen politischen und militärischen Mitteln ihren Dickschädel durchsetzen wollen und am Ende beide untergehen. Parallelen zur Gegenwart drängen sich auf. Aber Kuntze zeigt dieses Stück eher in Räumen, die an stalinistische Volkspaläste erinnern. Martin Fischer hat ihm dafür eine eindrucksvolle Architektur auf die Drehbühne gestellt, die vielfältige Verwandlungen und Auftrittsmöglichkeiten bietet. Eine kalte Repräsentationsarchitektur, in der das menschliche Individuum untergeht.

 

Dass „Mazeppa" nicht nur ein Stück über Gewalt, sondern auch über Leidenschaft ist, kommt in der Inszenierung zu kurz. Aber schon bei Tschaikowsky ist das Stück asymmetrisch. Es ging Tschaikowsky weniger um tatsächliche historische Vorgänge und um Politik als um mensch-liches Innenleben. Um die verborgene Sensibilität, ja Liebesbedürftigkeit selbst grausamer Machtmenschen. Und um die Liebe eines kleinen Mädchens zu einem alten Mann, der dem gängigen erotischen Männlichkeitsideal so gar nicht entspricht. Es geht aber auch um Männlichkeit contra Weiblichkeit, Gefühl contra Macht. Nicht ohne Grund hat Tschaikowsky eine unglaublich auffahrende, leidenschaftliche Musik zu diesem Stück geschrieben. Die Personen sind allerdings im Libretto holzschnittartiger gezeichnet als in der Musik. Schon diese Liebe eines kleinen Mädchens zu einem greisen Mann ist kaum zu verstehen, geschweige denn glaubwürdig auf der Bühne darzustellen. Nun gut, man könnte sagen, das ist eine schöne Idee, die Geschlechterrollen in Frage stellt. Aber diese Idee vermittelt sich in der Inszenierung von Kay Kuntze überhaupt nicht. Seine Personenführungist wenig psychologisch einfühlsam, eher plakativ. Kuntze erzählt vor allem ein rüdes Kriegsstück, er will zeigen, wie Macht funktioniert und wie das Mittel des Kriegs verwendet wird, private Dinge auszutragen und umgekehrt, wie das private in den Krieg hineinführt. Er zeigt zwei präpotente alte Männer deren Egomanie und Machtwille die Welt in den Krieg stürzt und rücksichtslos Menschen opfert. Entsprechend ist die Ausstattung der Inszenierung: Kuntze und Fischer zeigen Uniformen, Soldaten mit Maschi-nengewehren, Demonstrantenaufmärsche, politisch instrumentalisierte Kinderparaden, es gibt Feuer, Qualm und allerhand pyrotechnische Effekte auf der Bühne. Auch Folterszenen werden vorgeführt. Es fließt viel Blut. Gemordet wird auch. Vieles, was man aus Action- und Kriegsfilmen, aber aus Nachrichtenbildern kennt.

 

Was die sängerische Besetzung angeht: Insgesamt finde ich die Besetzung für ein Haus wie Gera recht überzeugend. Um nur die wichtigsten Partien zu nennen: Johannes Beck ist als Mazeppa zwar viel zu jung, aber als Heldenbariton hat er die nötige glaubwürdige Autorität. Auch der Bassist Ulrich Burdack als sein Gegenspieler Kotschubej ist in seiner schlichten Robustheit rollendeckend. Der Tenor Hans-Georg Priese in der Rolle des Jugendfreunds und Verehrers Marias hat mit seiner Partie bzw. seiner Stimme zu kämpfen. Was man von der Sängerin der Maria nicht behaupten kann. Anne Preuß, die sehr reif ist für eine Fünfzehnjährige, singt eher mit zu viel Volldampf, allerdings gelingt ihr die vom Wahnsinn gezeichnete Schlussszene durchaus anrührend. Da nimmt sie sich klugerweise zurück. Aber gerade da holt der Regisseur den Holzhammer aus seinem Regiebesteck. Um den aufkommenden Wahnsinn Marias zu veranschaulichen hätte es der aus der Unterbühne aufsteigenden, girlandengesäumten Kindheitserinnerungen, der vorbeimarschierenden Traumgestalten, menschlicher Werwölfe und einem etwas penetranten Spiel mit dem Schaukelpferd als Symbol des Kindlichen wirklich nicht bedurft.

 

Alles andere als Kindlich ist die Musik Tschaikowsys. Im Gegenteil: Er greift bei „Mazeppa“ in die Vollen. Eine grandiose Musik. Laurent Wagner dirigierte die Oper fabelhaft. Er vermeidet alles Süßliche und falsch Pathetische, das so oft an Tschaikowskys Musik klebt. Er dirigierte einen kraftvollen, entschlackten, straffen, sehr dramatischen, außerordentlich durchsichtigen Tschaikowsky. Diese Lesart ist außerordentlich mitreißend, glasklar und doch voller Emotio-nalität, aber eben keiner falschen Gefühligkeit. Das Philharmonische Orchester Altenburg –Gera folgt der Stoßrichtung Laurent Wagners mit erstaunlicher Präzision und großer Klangpracht. Auch der Chor singt akkurat. So sehr die Aufführung szenisch zu wünschen übrig lässt, so überaus faszinierend ist sie musikalisch.

 

Beitrag auch in MDR Kultur