Tristan und Isolde Bruessel

Dieter David Scholz



Photo: Van Rompay / Segers La Monnaie De Munt


Théâtre de La Monnaie, Premiere Brüssel 2.05.2019


"Tristan und Isolde" - Ein Designerstück, sonst nichts?


Richard Wagner wollte mit dem "Tristan" beispielhaft Liebe als "furchtbare Qual" darstellen, einerseits als "den schönsten aller Träume", andererseits als furchtbarstes aller Missverständ-nisse, denn Tristan und Isolde singen zwar viel von der Aufhebung von Du und ich, von Ver-einigung und Verschmelzung, aber sie sterben doch jeder für sich, und jeder einsam. Tristan bringt sich um, er reißt sich seine Wunden auf und verblutet. Isolde endet im Wahnsinn, von akustisch-optischen "Liebestod"-Halluzinationen begleitet. Doch die Wagnersche Dialektik, Utopie und Realität des Eros auf die Bühne zu bringen, ist Ralf Pleger, der mit diesem

"Tristan" als Operregisseur debütiert, völlig fremd.


Im Zentrum seiner Konzeption steht der Liebestrank. Er ist für ihn nicht nur Aphrodisiakum (ganz zu schweigen von seiner salvatorischen gesellschaftlichen Funktion), sondern eine starke Droge, die das Bewusstsein von Tristan und Isolde erweitert. Sie nehmen die Realität nicht mehr wahr, sondern eine andere Welt, jenseits von unserer. Dass Pleger glaubt, das ganze Stück, von Anfang bis Ende, also schon vor dem Trinken des Liebestranks am Ende des ersten Aktes, als Drogentrip zeigen zu dürfen, ist nicht logisch. Und so wohnt man einem drei Akte währenden Drogentrip bei, einem psychedelischen Traum, einer unrealen Phantasie, allerdings ohne Psychologie, ohne Erotik und Liebe als biologisches Phänomen. Anfassen nicht erlaubt!


Der Maler und Bildhauer Alexander Polzin, der für die Ausstattung verantwortlich ist, fühlt sich, durch die Regiekonzeption ermächtigt, Raum und Zeit, Geschichte und irdische Wirk-lichkeit außer Acht lassen zu dürfen. Er bringt nichts Historisches auf die Bühne, keine Land-schaften, Interieurs oder Ähnliches. Stattdessen präsentiert er eine Art Kunstinstallation. Im ersten Akt zeigt er eine Eishöhle mit gigantischen Stalaktiten (Eiszapfen), die vom Bühnen-himmel hinabwachsen bis auf den Bühnenboden. Der zweite Akt wird beherrscht von einer gewaltigen, vegetabil-humanoiden Plastik, einer Art Knäuel aus weiß gekalktem, knorzigen Baumgeäst und Menschenleibern auf der Drehbühne. Die Plastik bewegt sich, dret sich und wirft Schatten, schließlich klettern Tristan und Isolde darin herum. Im dritten Akt gibt es nur eine Wand mit schwarzen Löchern, aus denen immer wieder transparente Plastikröhren heraus-geschoben und verschieden beleuchtet werden. Die Inszenierung setzt aufs Bild, auf Beleuch-tungszauber (der allerdings nicht ganz so funktioniert, wie er wohl gedacht ist) und Schatten-spiele. Das hat einen hohen ästhetischen Reiz, zugegeben, aber doch auch den Beigeschmack des Beliebigen. Das Werk an sich wird weder erklärt, erkenntnisreich kommentiert oder gar glaubwürdig erzählt. Die Psychologie der Personen interessiert nicht und wird ignoriert.


Auch die Kostüme von Wojciech Dziedzic sind in ihrer willkürlichen, ja grotesken Phantasie unglaubwürdig: überkandidelte Designerkostüme, karnevaleske Haute Couture. Und was die Bewegungsregie angeht, so wohnt man einem stilisierten Ritual des feierlichen Schreitens und pathetischen Händeausstreckens an der Rampe bei. Das hat etwas Hohepriesterliches und lässt mehr als einmal an Robert Wilson denken.


Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf sehr viel glaubwürdigerem Boden. Alain Altino-glu, Musikdirektor und Chefdirigent des La Monnaie, ist ein exzellenter, international gefragter Dirigent. Er hat das bestens disponierte Orchester des Hauses, das außerordentlich klangpräch-tig spielt, bestens im Griff und dirigiert einen rauschhaften "Tristan" ganz im Sinne der Insze-nierung, nicht als aufwühlendes Psychodrama, nicht analytisch scharf, sondern eher als schil-lernden romantischen Opiumrausch, allerdings in aktweise zunehmend langsameren Tempi, die alle Dramatik lähmen, ja ersterben lassen. Insofern unterstützt diese musikalische Lesart das Zeitlupentempo und die oratorienhafte Statuarik der Inszenierung.


Sängerisch ist die Aufführung auf sehr hohem Niveau. Brian Register singt einen superben Tristan, kraftvoll, farbenreich, männlich und mit absoluter Wortverständlichkeit auch im Be-reich des fast flüsternden Singens. Dass er fast den ganzen dritten Akt hindurch in rotem, togaartig wirkendem Kostüm mit goldgeschminktem Gesicht und Händen wie ein antiker Tra-göde oder eine exotische Gottheit auf der Bühne steht und seine Fieberträume und Seelenexal-tationen quasi konzertant an der Rampe von sich zu geben hat, gehört zu den vielen fragwür-digen und nicht nachzuvollziehenden Regiegags der Produktion. Wortverständlichkeit ist nicht so sehr die Sache Ann Petersens, die eine sehr heroische, gelegentlich scharfe Isolde singt. Eine große Stimme ohne Frage, aber eine jener Sängerinnen, die glauben, immer nur lächeln und vor allem ein "schönes" Gesicht machen zu müssen, was die Glaubwürdigkeit einer Rolle keines-wegs erhöht. Nora Gubisch ist eine gute, aber nicht überdurchschnittliche Brangäne, Andrew Foster Williams ein schneidend scharfer Kurwenal. Absolut erstklassig ist der König Marke von Franz Josef Selig. Er ist einer der besten Bässe unserer Zeit. Dass er wie ein juwelenbe-hängter, glitzernder theatralischer Geck im blauen Satin-Schlafanzug auftreten muss, tut seiner sängerdarstellerischen Autorität Abbruch, aber das ist ja nicht ihm anzulasten.


Fazit: sängerisch und musikalisch eine niveauvolle, hochkarätige Aufführung, inszenatorisch allerdings ein fragwürdiges Designerstück. Das existentielle Seelendrama Wagners findet eigentlich nicht statt.


Rezension Fazit/Deutschlandfunk Kultur 2.5.19, 23.30.