Tristan in Hannover 2018

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Thomas M. Jauk

„Von wegen Metaphysik“ – „Tristan und Isolde“

am Staatstheater Hannover

Premiere 16.09.2018

 

 

Friedrich Nietzsche nannte den „Tristan“ mit gutem Grund Wagners“ Opus meta-physicum“. Egal, ob man diese Charakterisierung des „inkommensurablen“ Werks auf den Text oder die Musik bezieht: In beiden Fällen straft die Hannoversche Neu-produktion Nietzsche Lügen, denn regielich banaler, musikalisch weltlicher hat man den „Tristan“ selten erlebt. „Weltlich“ durchaus nicht negativ gemeint, denn was ist schon gegen Triebe und Liebe, Kraft und Sinnlichkeit zu sagen?

 

Will Humbug hat die Bemerkung Wagners gegenüber Mathilde Wesendonck, dass eine gute Aufführung „das Publikum in den Wahnsinn treiben“ würde, durchaus bestätigt. Der sympathische, kauzig-knorzige Dirigent hat mit seiner unbändigen Energie, seinem rustikal mechanischen, vorbildlich kapellmeisterlichen, pedantisch präzisen Dirigat, das Sängern und Soloinstrumenten jeden Einsatz und immer den Takt und die „Himmelsrichtung“ angibt, das Niedersächsische Staatstheater Hannover zu einer rotglühenden, geradezu schweißtreibend intensiven Tour de Force angetrieben, die ihn selbst mehrfach fast vom Dirigentenschemel rutschen und drei Taschentücher durchnässen ließ. Sein „Tristan“ ist mehr als nur ein „Kraft-werk der Gefühle“, er erweist sich als Triebwerk der Sinne, mitreißend, ja bewun-dernswert nicht zuletzt auch wegen des klangschön und akkurat aufspielenden Or-chesters, nur eben nicht als tönendes Tor zum Metaphysischen. Er interpretierte das Werk durch und durch diesseitig, was legitim ist. Schließlich hat Wagner selbst zu solcher Deutung Anlass gegeben, indem er (trotz seines Bekenntnisses, er wolle mit dem Tristan seinem unrealisierten Traum der Liebe ein Denkmal setzen) in dem Opus, das er „Handlung“ nannte, Liebe als irdisches, will sagen menschliches Missverständnis zweier Egoisten zeigt, die zwar verschmelzen wollen, aber ständig aneinander vorbeireden.

Tristan ist zudem ein von Geburt an suizidal veranlagter Narzisst und Egomane. Vielleicht besteht die wahre Größe dieses Werks gerade darin, dass Wagner Idea-lität und Realität der Liebe, Wahn und Wirklichkeit der libidinösen Verfassung des Menschen (Tristan und Isolde sterben schließlich je für sich, er selbstmörderisch, sie psychopathologisch) einander gegenüberstellt, eingehüllt in trügerisch transzen-dierende, sehnend aphrodisische, geradezu drogenhaften Musik, die den Zuhörer zuweilen den Verstand verlieren lässt.

Um ein differenziertes Verständnis des Werks, dessen „Libretto“ zu den besten, psychologisch tiefgründigsten Wagners gehört, ganz abgesehen von seiner meister-haften Vermittlung der mittelalterlichen Vorlage (worauf der unvergleichliche Mediävist und Wagnerkenner Peter Wapnewski immer wieder hinwies) scheint sich Regisseur Stephen Langridge (der Sohn des Tenors Philip Langridge) wenig ge-kümmert zu haben. Seine Inszenierung ist banal, ja plakativ und nichtssagend. Schon das Bühnenbild von Conor Murphy ist eher eine abstrakte, moderne Instal-lation als eine das Stück ernst nehmende Spielfläche oder verständliches Abbild oder Sinnbild der Handlung.

Sich bewegende Lamellen von der Bühne bis in den Schnürboden (sollen das Andeutungen von Meereswellen sein?) einer zwischen Büro- und Krankenhausam-biente oszillierenden weißen, sterilen, aseptisch unsinnlichen und nichtssagenden Spielfläche mit Krankenhausbetten, Röhren, maritim anmutenden Reling-Imitatio-nen, die auch Beleuchterbrücken oder Hühnerleitern sein könnten, veranschauli-chen gar nichts. Reine Beliebigkeit. Auch die Personenführung geht über vorder-gründige Beliebigkeit opernhafter Gesten und Gänge nicht hinaus. Warum unter-scheiden sich König Marke und seine Jäger in nichts von einander und tragen alle orangefarbene Jacken die an Personal der Stadtreinigung erinnern? Warum werden die Personen der Handlung sozial nivelliert, ja austauschbar gezeigt, warum zeigen sie kaum Emotionen? Fragen über Fragen. Der Regisseur schein Angst zu haben vor Konkretheit und Handlung, Romantik und Gefühl. Wenn Tristan und Isolde im zweiten Akt als äußerste emotionale Äußerung einmal ihre Kostüme tauschen, blau gegen gelb, wenn statt des Auslöschens der Fackel Brangäne den Stecker einer Stehlampe zieht, denkt man, wie so oft an dem langen Abend, an Kindertheater. Von der Absurdität eines beliebigen Wassergläserrückens statt der zentralen, weil folgenreichen Vertauschung von Todes- und Liebestrank ganz zu schweigen.

Zwei bemühte Butoh-Tänzer, die in weißgeschminkter, welker Nacktheit aller Erotik entbehren, doubeln die Protagonisten. Und über fragwürdige (unnötige) Illustrationen der von der Regie vorenthaltenen Personenführung geht das nicht heraus. Tristan barmt sich kniend in schwarzen Jeans und schwarzem T-Shirt bei seinem Fiebermonolog auf der Vorbühne, während gleichzeitig der nackte Pantomime sich in seinem Krankenhausbett artifiziell windet. Was soll das? Was sagt es dem Zuschauer, wenn zu Isoldes Liebestod die wie gekalkt aussehende nackte Butoh-Tänzerin über die Bühne schlurft, während die Sängerin in schwar-zem, hausfrauenhaft biederem Wickelkleid vom weltbedeutenden Versinken und Ertrinken des Bewusstseins, vom Einswerden mit dem All singt, was allerdings mit bloßem Lichtausschalten der Regie kommentiert wird? Diese Inszenierung ist so belanglos wie die austauschbaren, unvorteilhaft zeitlos-modernen, in grellen Farben gehaltenen Allerweltskostümen von Connor Murphy. Ein Paradefall von Über-schätzung und Protektion eines Regisseurs, der nichts Erhellendes, Faszinierendes oder Neues zum Stück zu sagen hat. Auch die blau, gelb und grün aufscheinenden Beleuchtungseffekte von Susanne Reinhardt sind eigentlich nicht der Erwähnung wert.

Immerhin kann die Produktion sängerisch punkten: Robert Künzli singt trotz ang-kündigter Rekonvaleszenz nach einem Infekt einen eindrucksvoll wortverständ-lichen, natürlich phrasierenden, ganz und gar unheroischen und glaubwürdigen Tristan jenseits aller Klischees, ein Glücksfall! Im Gegensatz zu ihm kann Kelly Gods phonstarker hochdramatischer Sopran gelegentliche grenzwertig scharfe und unsauber intonierte Heroinenposen nicht vertuschen, außerdem versteht man wenig von ihr. Auch der ebenfalls unter Intonationsproblemen leidende Stefan Adam scheint als Kurwenal vor allem demonstrieren zu wollen, wie groß (laut) sein Stimmorgan ist. Dagegen offenbart Khatuna Mikaberidze als Brangäne einen erfreulich kultivierten, samtig tönenden Mezzosopran, so wie auch Tobias Schabels König Marke ein Vorbild noblen Singens ist, eine Bassautorität. Auf diese Sänger, wie auch auf Roberg Künzli kann die Staatsoper Hannover stolz sein. Auf die Inszenierung nicht. Verständlich, dass der Regisseur ausgebuht wurde.

 

 

Rezension auch in der nmz (Neue Musik Zeitung)