Tristan (Andreas Schager) Meiningen 2013

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Staatstheater Meiningen

Eine Sensation: Andreas Schager als Tristan

„Tristan und Isolde“ in Meiningen. Premiere 1. März 2013

 

Ein Rezensions-Gespräch im MDR Figaro

 

 

RichardWagners „Tristan und Isolde“ im Südthüringischen Staatstheater Meiningen ist der Hauptbeitrag des Hauses zum Wagnerjahr. Meiningen hat eine Wagner-Tradition, seit Richard Wagner 1876 zu den ersten Bayreuther Festspielen das Hauptkontingent des Festspielorchesters aus der Meininger Hofkapelle rekrutierte. Bis heute sind Musiker dieses Orchesters im Orchester der Bayreuther Festspiele. – Herr Scholz, Sie waren gestern abend in Meiningen. Hat dieser „Tristan“ denn der Tradition seines Orchesters Ehre erwiesen?

 

Ja, das kann man ohne wenn und aber bejahen. GMD Philippe Bach hat einen sehr feinen "Tristan" der leisen Töne dirigiert. Er kennt sich aus mit Wagner. Er hat das gewaltige Musikdrama souverän durchstrukturiert und gestaltet, mit großen Steigerungen und Spannungs-bögen. Die Meininger Hofkapelle hat mit ihrem warmen, dunkel timbrierten Klang einen zutiefst romantischen, einen fast intimen, sehr sängerfreundlichen Tristan gespielt. Und sie ist bestens mit dem vertraut, was Wagner „die Kunst des Übergangs“ nannte. Also orchestral hat dieser neue Tristan in Meiningen großes Format! Und beweist einmal mehr die hohe Qualität des traditionsreichen Orchesters.

 

Der „Tristan“ ist eine Sänger-Oper der alleranspruchsvollsten Art. Es ist ja selbst für große Häuser nicht gerade leicht, den „Tristan“ glaubwürdig zu besetzen. Hat man denn in Meiningen auch sängerisch das Werk angemessen realisieren können.

 

Meist ist die Partie des Tristan das Problem. Nicht in Meiningen. Im Gegenteil. Man hat einen geradezu sensationellen Tristan-Sänger zur Verfügung: Andreas Schager, der ja in Halle/Ludwigshafen auch den Siegfried singt. Andreas Schager verfügt über einen kraftvollen, kernigen, klaren, durchschlagskräftigen Tenor mit Metall und Höhe. Er singt absolut wortverständlich. Und er hat eine Kondition, wie man sie lange nichtmehr erlebt hat bei einem Wagnertenor. Wie er alle drei Akte dies mörderischen Partie bewältigt, nötigt großen Respekt ab. So einen überzeugenden und auch den dritten Akt noch kraftvoll singenden Tristan hat man lange nicht gehört. Leider kann man in solchen Tönen nicht über die Sängerin der Isolde schwärmen. Die schweizer Sopranistin Ursula Füri-Bernhard hat doch viel Mühe gehabt mit der Partie. Im ersten Akt hat sie sich mit unglaublichem sängerischen Draufgängertum in die Rolle geworfen. Im zweiten Akt hatte sie schon Probleme mit dem Legato. Und im dritten Akt war sie hoffnungslos überstrapaziert. Sie hat sie sich ohnehin Ton für Ton zurechtgelegt, mit großer Freiheit der Noten und allerhand Ungenauigkeit in der Intonation. Wenn man sich durchmogelt, ist das natürlich neben einem so herausragenden Tristansänger besonders peinlich. Das Peinlichste ist aber ihr bizarres, übertriebenes Spiel auf der Grenze zwischen expressivem Stummfilm-Divenpathos, Gräfin Mariza und Irma la douce. Diese Isolde ist unfreiwillig komisch, fast eine Parodie. Auch was ihre Kostümierung angeht: Sie tritt auf wie die fesche Lola, halb Edel-Zigeunerin, halb Druidenpriesterin. Überhaupt die Kostüme von Gera Graf sind skurril. Eine Mischung aus "Herr der Ringe" und Offenbachiade. Und auch die Maske hat ein wenig zu viel in die Farbtöpfe gegriffen. Da werden die Sänger in einer Weise bemalt und beglitzert, dass es einen Grad von Absurdität hat. Auch Andereas Schager sieht eher wie ein Aida-Radames im Kirchweihputz aus. Aber er hat sich davon nicht beirren lassen.

 

Und die übrigen Sänger? Waren die Überzeugend, trotz ihrer "skurrilen" Kostümierung?

 

Ja, das kann man jedenfalls für die Hauptpartien uneingeschränkt sagen. Ganz hervorragend ist Christina Khosrowi als Tristans Vertraute Brangäne. Eine sehr kultiviert singende Mezzosopranistin. Auch der Bassist Ernst Garstenauer als ergreifend gehörnter König Marke ist ein nobler Sänger und Gestalter. Das Gleiche gilt für Dae-Hee Shin als Tristan-Freund Kurwenal. Ein Edel-Bariton, der in Meiningen schon in vielen Partien glänzte. Also eigentlich insgesamt eine sehr respektable Besetzung, bis auf die Partie der Isolde. Aber es gibt Meiningen zwei Besetzungen, man kann am 10. März, in der B-Premiere neben Hans Georg Priese als Tristan Bettine Kamp als Isolde erleben.

 

Bleibt nach der Inszenierung zu fragen. Der letzte Tristan in Meiningen noch unter der Intendanz des Vorgängers von Ansgaar Haag herausgekommen, soll eher ein abschreckendes Beispiel von Regietheater gewesen sein, das viel Unmut erregte beim Publikum. Wie ist die Inszenierung von Gerd Heinz, doch immerhin einem alterfahrenen Schauspieler und Regisseur?

 

Gerd Heinz hat mit seiner recht werktreuen Inszenierung ganz sicher niemanden verschreckt. Im Gegenteil. Das Publikum war ziemlich angetan und hat begeistert applaudiert. Gerd Heinz hat eine konventionelle Inszenierung gewagt, mit magischem Lichtzauber und romantischen Naturstimmungen. Sein Ausstatter Rudolf Rischer bringt im ersten Akt Innen – und Aussenseite eines Schiffsbugs vor Meeresprospekt auf die Bühne des Meininger Theaters, im zweiten Akt einen märchenhaften Waldvorhang , der sich beim Liebessduette ins Kosmische einer rasanten filmischen Fahrt durchs Weltall weitet und im dritten eine Anhöhe über dem Meer, vor einem mächtigen alten Baumstamm, mit dem am Ende Isolde im – leider sängerisch verhunzten - Liebestod verschmilzt. Diese Inszenierung, auch wenn sie nicht gerade von Originalität sprüht, hat immer wieder atmosphärisch dichte Momente, ist einleuchtend, bleibt nah am Stück und kann sogar in der Personenführung immer wieder mit ergreifenden Momenten punkten, trotz des wirklich absurden kostümlichen Mummen-schanzes. Aber unterm Strich ist das durchaus ein „Tristan“, den zu erleben sich lohnt!