Telemanns Emma und Eginhard Jacobs Höckmayr

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Monika Rittershaus

Aufwendige Wiederentdeckung einer vergessenen Oper

 

René Jacobs und Eva-Maria Höckmayr vollbringen mit Telemanns „Emma und Eginhard“ ein beglückendes Theaterwunder

 

Berliner Staatsoper im Schillertheater, Premiere 26.04.2015

 

In unseren nachaufklärerischen Zeiten verlorener Illusionen mutet Christoph Gottlieb Wendts Libretto von „der lasttragende Liebe oder Emma und Eginhard“ (auch sprachlich) beinahe naiv, ja rührend an. Und doch, was für ein Stück! Die Geschichte eines bürgerlichen Emporkömmlings, des Sekretärs des Kaisers, der sich anheischig macht, die Tochter Karls des Großen, der eben aus dem Krieg gegen die Sachsen zurückgekehrt ist, zu lieben. Ein gesellschaftlicher Skandal. Sträfliche Verletzung der Standesgrenzen. Darauf steht Tod. „Der Adler hält auf sein Geschlecht und paart sich mit der Taube nicht“ So ermahnt die Gattin Karls des Großen ihren Gatten. Doch Telemanns Oper, 1728 im Theater am Gänsemarkt im bürgerlichen Hamburg ist ein Paradebeispiel der Frühaufklärung, plädiert für die Überwindung der alten monarchischen Prinzipien der Standesheirat und des Geburtsadels zugunsten eines Tugendadels und des „modernen“ Ideals der Liebesheirat. Das Ganze ist eingebunden in eine sich überkreuzende Handlung dreier Paare. Neben Emma und Eginhard gibt es noch die fränkische Prinzessin Hildegard und den altsächsischen Prinzen Heswin (der zum Christentum bekehrt wird) sowie die Kammerjungfer Barbara und des Kaisers kurzweiliger Rat Steffen (der als zynischer Hofnarr und heutiger Beobachter durch das Stück führt). Alle drei Paare fügt Karl der Große nach schmerzvollem Ringen zwischen Pflicht und Neigung, Staatsräson und väterlicher Liebe zu Ehepaaren zusammen. Ende gut, alles Gut!

 

Telemann hat dieses optimistische Libretto, in dem verschiedene gesellschaftliche Schichten seiner Zeit in einer ausufernden Opern-handlung miteinander konfrontiert werden, auch kompositorisch kunstvoll umgesetzt mit einer immens vielgestaltigen, einfallsreichen Musik. Es gibt auf Seiten des Adels pathetische Arien im Opera Seria-Stil, daneben Arien des niederen Personals im einfach-volkstüm-lichen, der italienischen Buffa angenäherten „niedrigen“ Stil. Telemann mischt die Ebenen virtuos, zeigt, was er gelernt hat von der europäischen Musik seiner Zeit. Ees ist im besten Sinne „gelehrte“ Musik, zuweilen etwas formelhaft und demonstrativ, aber doch großartig. Nur ist Telemann kein Händel. Dazu fehlt ihm das anspringend Emotionale, das melodisch Suggestive, das Dramatisch-Theatralische, das Kosmopolitische. Insofern hat René Jacobs gut daran getan, das Werk, das ungekürzt 50 Arien verzeichnet, kräftig zusammen zu streichen, sodass es dreieinhalb Stunden nicht überschreitet. Er bekennt sich freimütig dazu, dem Zuschauer viele musikalische Kostbarkeiten vorzuenthalten. Aber Theater funktioniert nur pragmatisch, ist immer ein Kompromiß. Doch die Fülle phantastischer Arien wie die „Wellenarie“, das Liebes-ABC, die Wut und Rachearie Kaiser Karls, oder Emmas „Meiner Jugend frische Nelken“, um nur einige zu nennen, überrascht, berauscht, ja begeistert, zumal die Akademie für Alte Musik, die Anfangs noch etwas dröge klingt, sich im Laufe des Abends unter Jacobs´ wie immer energisch animierender Leitung aufschwingt zu ausdrucksvollem Spiel und farbenreichem Klang, zu rhythmischer Pointiertheit, rhetorischer Beredtheit und Eleganz. Ein Plädoyer für den noch immer weithin unterschätzten Opernkomponisten Telemann.

 

Das Solistenensemble, angeführt von der Sängerautorität Gyula Orendts als Carolus, aus dem Robin Johannsen als lupenrein singende, beseelte Emma hervorragt, läßt kaum einen Wunsch offen, außer vielleicht das Bedauern über den arg störenden S-Fehler des lispelnden Eginhards von Nikolai Borchev. Überwiegend sind es „schöne Stimmen“, die bravourös die Kunst barocken Ziergesangs beweisen, in einer aufwendigen Inszenierung, die als betörendes Theaterwunder gelten darf. Ein Glücksfall in einer Zeit, in der Wunder selten sich auf der vom immergleichen, langweiligen Regisseurstheater oft verunstalteten Opernbühne. Eva-Maria Höckmayr ist er zu verdanken. Ihr ist es gelungen, drei Zeitebenen miteinender zu verbinden, ja ineinander zu spiegeln: die mittellalterliche Vorlage, die Entstehungszeit des 18. Jahrhunderts und die Gegenwart in Form eines EU-Konferenzraums. Auf der Drehbühne crémefarbene, goldstrahlende Rokoko-räume, aber auch verbrannte, schwarze Räume, Theater auf dem Theater, Illusion und Kulissen von hinten. Anspielungen über Anspie-lungen, bildlich, aber auch kostümlich (Julia Rösler) eine weite Spanne umgreifend, opulent und prachtvoll. Weder Prospekte noch Maschinen werden geschont. In dieser Zeit und Geschichte transzendierenden Inszenierung über das Thema „Liebe, Lust und Ehe vor dem Hintergrund eine zu Ende gegangenen Krieges“ treibt der geflügelte Gott Amor sein Spiel ohne (Standes-) Grenzen. Es gibt poetische Schneebilder. Liebende schweben, alle gesellschaftlichen Widrigkeiten überwindend (und ihre Unterwäsche abstreifend) gen Bühnenhimmel. Ironie und Poesie durchdringen sich. Gedoubelte Miniaturfiguren im Liliputanerformat trollen sich huckepack über die Bühne. Eine virtuose, der Vielfalt von Libretto und Partitur gerecht werdende Mischung aus Traum und Spiel, Karikatur und Utopie, Altem und Neuem, Phantasie und historischer Wirklichkeit. Operntheater im besten Sinne. Chapeau!