Strauss Elektra Aniara Amos Magdeburg

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Andreas Lander / Theater Magdeburg

 

 

Faszinierende "Elektra" in Magdeburg

mit Elaine McKrill

 

Premiere 22.10.2015

 

 

Mit der Neuinszenierung der "Elektra" von Richard Strauss setzt das Theater Magdeburg seine Tradition der Werkpflege von Wagner und Strauss fort. In diesem Zusammenhang wurden bereits Wagners »Tristan und Isolde«, Richard Strauss‘ »Der Rosenkavalier«, sowie in der letzten Spielzeit Wagners »Lohengrin« gezeigt. Zum ersten Mal gibt es in Magdeburg Straussens „Elektra“ aus dem Jahre 1909.

Jede „Elektra“-Aufführung steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. Eine der anspruchsvollsten hochdramatischen Sopranpartien. In Magdeburg hat man ja die seltene Gelegenheit, einem echten Rollendebüt beizuwohnen, nämlich der britischen Sopranistin Elaine McKrill.

 

 

Sie ist mit eine Wort fabelhaft! Die gebürtige Britin kennt sich in dem Werk von Richard Strauss bestens aus, sie sang bereits die Marschallin im »Rosenkavalier« am Royal Opera House Covent Garden, dort hat sie auch die Aufseherin in der »Elektra« gesungen. Sie kennt das Stück also sehr gut. Nun hat sie sich in Magdeburg an die Titelpartie herangewagt. Sie hat das Kaliber von Stimme für die Partie, die trompetenhafte Stoßkraft, die Höhe und das Durchhaltevermögen. Ganz erstaunlich: Eine neue Hochdramatische ist auf dem Markt des Opernbusiness. Das Publikum in Magdeburg war restlos begeistert von ihr. Und ich auch.

 

Nun gibt es in dem Stück ja noch ein paar bedeutende Partien.Vor allem die Chrysothemis, sie ja auch eine große Sopranpartie. Noa Danon singt sie vorzüglich. Martin Jan-Nijhof ist der totbringende Orest, ein heldenbaritonaler Sensenmann. Undine Dreißig, seit 27 Jahren die führende Mezzosopranistin am Haus, sie ist nun reif für Klytemnästra, eine der dämonischsten, ausdrucksstärksten Frauenpartien der gesamten Opernliteratur. Sie singt und spielt sie eindrucksvoll, aber eher antikisch als monströs. Michael Griffke ist ihr mörderischer Gatte Aegisth. Auch er ist absolut rollendeckend. Auch die neun anderen Gesangspartien, also Diener, Mägde und Aufseher sind durch die Bank überzeugend besetzt, ein „Elektra“-Ensemble, das keinen Wunsch offen lässt.

 

„Elektra" verlangt das größte Orchester, für das Richard Strauss je komponiert hat. In der "Elektra" geht er noch über seine "Salome" und über alle Anforderungen Richard Wagners hinaus. Strauss selbst bekannte, er sei in der Elektra bis an die äußersten Grenzen der Harmonik, psychischer Polyphonie und Aufnahmefähigkeit der Ohren seiner Zeit gegangen. Auch heute noch ist das Stück eine enorme Anforderung für Publikum, Orchester und Dirigenten. Michale Balke, seit Beginn der Spielzeit 2011/2012 Erster Kapellmeister am Theater Magdeburg, hat das Stück nicht nur im Griff, er realisiert es wie aus einem Gruß, spannend, präzise, gut durchdacht. Die Magdeburgische Philharmonie spielt tadellos und klingt phantastisch. Die Elektra-Musik hat in der schonungslos modernen und zugleich vollsüffigen, sinnlichen, vielleicht etwas zu lauten Lesart von Michael Balke geradezu Drogencharakter. Man ist dieser Droge erbarmungslos ausgesetzt. Ein dreiviertel Stunden. Das ist wie ein Rausch. Eine sehr eindrucksvolle Leistung von Orchester und Dirigent.

 

Was die Inszenierung angeht: Natürlich hat man berühmte und weniger berühmte Aufführungen der „Elektra“ im Kopf. Aber die in Chile geborene Choreographin und Regisseurin Aniara Amos wagt eine ganz eigene Sicht auf das Stück. Sie verwandelt das dämonische, blutrünstige, grausame und extreme Stück in ein tiefenpsychologisches, quasi mythisches Ritual. Sie veranstaltet einen inneren Exorzismus einer expressionistischen Rachefurie, die am Ende, nachdem Mutter und Stiefvater vom Bruder Orest getötet wurden, in einen ekstatischen, mänadenhaften Todestanz verfällt. Orest wird gar nicht erst als konkrete Person gezeigt, sondern als Tod persönlich, er ist ja der Handlanger Elektras, sonst nichts. Es geht in diesem Stück und in dieser Inszenierung nur um Elektra, die um sich kreist, die gefangen ist in ihrer extremen psychischen Befindlichkeit.

 

Um ihre Sicht auf das Stück zu verdeutlichen, zeigt Aniara Amos Elektra gleich neunfach gedoubelt. Auch Elektra als Kind tritt auf, ebenso wie ihr Bruder Orest als Kind auftritt, auch Schwester Chrysothemis.Vergangenheit und Gegenwart sind für die in ihrem inneren Zwangsraum, ihrem "Höhlenkönigreich Ich" eingeschlossene Elektra eine ununterscheidbare Einheit. Sie hat keinen Realitätsbezug mehr in ihren Zwangsneurosen von Rachsucht und Selbstzerstörung. Das wird in dieser Inszenierung sehr deutlich. Zumal Corinna Gassauer einen sehr suggestiven, an eine antike Arena erinnernden Seelenraum gebaut hat für diese Inszenierung. Eine Arena seelischen Gladia-torenkampfs mit sich selbst unter beklemmend verdüstertem Himmel. Ein klaustrophobischer Ort des Schreckens, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wie in einem grellen Alptraum. Die stampfend und tanzend durchchoreographierte Inszenierung, die an expressio-nistische Filmästhetik erinnert, ist stark. Sie zieht einen in Bann. Eine unbedingt sehens- und hörenswerte Produktion des Magdeburger Theaters!

 

 

Rezension auch in MDR Figaro, 23.10. 2015