Stefano Podas "Tristan" beim Maggio Musicale Fiorentino

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Simone Donati/TerraProject/Contrasto / Opera di Firenze

 

Suggestive Vanitas-Parabel und fesselndes Einsamkeits-Ritual

Stefano Poda inszeniert Wagners "Tristan und Isolde" beim Maggio musicale Fiorentino 2014

Abschied vom Teatro Comulae und Neustart des traditionsreichen Festivals

 

"Tristan ist keine Liebesgeschichte. Ganz und gar nicht, denn jeder stirbt ja allein für sich. w. Es ist die Geschichte eines jeden Zuschauers, die Geschichte von zwei, aber eben auch von vielen Einsamkeiten." (Stefano Poda)

 

In braun verkrustetem Guckkasten zeigt der Gesamtkunstwerker Poda den „Tristan“ in magischen Bildern. Es ist ein abstrakter Seelenraum, in dem tonnenweise Reis vom Bühnenhimmel herab rieselt und sich auftürmt, Symbol der verrinnenden Zeit, neben vielen anderen Vanitas- Symbolen der Inszenierung. In den poetisch illuminierten Raum, dessen Lichtstimmungen zwischen Caravaggio und Rembrand schwanken, leuchtet der Zaubermond leitmotivisch als Symbol unerreichbarer Liebe herein. Bühnenqualm gibt der Szenerie etwas Traumhaftes. Geborenwerden und Vergehen, Tod und Leben durchdringen sich in diesem an Statisten reichen mythosschwangeren Einsamkeits-Ritual, dessen Anspielungen von Vergil über Siegmund Freud, bis zu Marcel Proust reichen. Eine hochintelligente, szenisch fesselnde Produktion, deren Premiere vom Publik zurecht heftig gefeiert wurde. Auch die musikalische Leistung des Orchesters des Maggio musicale ist vorzüglich, der Klang betörend. Zubin Mehta, Chefdirigent des Festivalorchesters seit 1986, dirigiert streckenweise zwar extrem langsam, verliebt in Details und Klänge, aber sehr kompetent, glutvoll und seelenvoll. Die Besetzung ist allerdings durchwachsen. Die uneingschränkt besten Sänger der Aufführung sind Stephen Milling als König Marke und Martin Gantner als Kurwenal. Die Brangäne von Julia Rutigliano erlaubt sich leider viel phonstarke Schärfe. Das Protagonistenpaar wird von Torsten Kerl und Lioba Braun gesungen. Der intelligent singenden Lioba Braun (die vor ihrem Fachwechsel als Mezoosopranistin überzeugender war) mangelt es an Stimmgröße, Torsten Kerl an Schönheit des Klangs und Timbre. Immerhin stehen die beiden Sänger ihre Partien souverän durch.

Der Maggio musicale Fiorentino ist das älteste Musikfestival Italiens, an dem bedeutende Dirigenten und Sänger auftraten. Man denke nur an Giulietta Simionato, Maria Calls, Renata Tebaldi, an Tullio Serafin, Erich Kleiber, Herbert von Karajan, Claudio Abbado oder Thomas Schippers. Die Blütezeit des Festivals – die 50er und 60er Jahre - liegt lange zurück . In den letzten Jahrzehnten geriet das Festival zunehmend in künstlerische wie finanzielle Schieflage. Matteo Renzi, 2009 bis 2014 erfolgreicher und verdienter Bürgermeister von Florenz, inzwischen Ministerpräsident Italiens in Rom, hat – gemeinsam mit seinem Kulturminister – nun die Notbremse gezogen und den Weg frei gemacht für einen Neuanfang des Festivals. Die Administration wurde ausgewechselt und ein kommissarischer General Manager eingesetzt, der Finanzexperte Francesco Bianchi. Er wird wohl auch der zukünftige Intendant der Oper von Florenz werden, in die das Festival eingegliedert ist. Francescho Bianchi: "Meine Hauptaufgabe bestand darin, den Maggio musicale vor dem Bankrott zu bewahren."

 

35 Millionen Euro Schulden hatten sich angehäuft. Francescho Bianchi hat nicht nur das komplizierte Vertragssystem der Stiftung des Maggio musicale Fiorentoino verändert, er hat auch die Finanzen saniert, was ihm nur gelang dank einer großzügigen Finanzspritze aus Rom und einer Gesetzesänderung der neuen Regierung Renzi zugunsten zuverlässiger finanzieller Zusagen des Kulturministeriums, mit denen sich planen läßt.

 

"Wir sind nun in der Lage, zumindest für jeweils 3 Jahre die Spielzeiten abgesichert zu planen. Das gab es seit den Sechzigerjahren nicht mehr"

 

Erst in den vergangenen drei Monaten sind diese politischen Weichen endgültig gestellt worden, um einen Neuanfang des Festivals zu ermöglichen und auch des darüber hinaus gehenden Opernlebens der Stadt, die zwar schon seit 2011 einen neuen, spektakulären Musentempel besitzt, das Opernhaus von Florenz, wo man bisher aber nur Konzerte gab, weil für szenischen Spielbetrieb kein Geld da war.

 

Francesco Bianchi: „Tristan und Isolde“ ist die letzte Produktion in diesem alten Haus. Wir werden bis zum 1. September in die neue Opera di Firenze umziehen und eine neue Ära starten."

 

Man darf gespannt sein

 

 

 

Beitrag auch in DLF "Kultur heute" 02.05. 2014