Stefan Herheims Hoffmanns Erzählungen in Bregenz

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Bregenzer Festspiele / Karl Forster

Stefan Herheims virtuose „Hoffmanns Erzählungen“

bei den Bregenzer Festspielen 2015

 

Am 23. Juli hatte die mit Spannung erwartete Stefan Herheim-Inszenierung von Jacques Offenbachs Phantastischer Oper „Hoffmanns Erzählungen“ im Festspielhaus Premiere.

 

Da Offenbach starb, bevor er seine Oper vollenden konnte, muß jede Neuproduktion von „Les Contes d´Hoffmann“ sich entscheiden, was für eine Fassung sie auf die Bühne bringt. Es gibt verschiedene Fassungen und Ergänzungen des Torso. Kaum ein Werk hat sich so viele (willkürliche) Eingriffe gefallen lassen müssen. Stefan Herheim und Dirigent Johannes Debus haben gemeinsam mit dem Drama-turgen Olaf Schmidt eine eigene Spielfassung erarbeitet. Dazu bedienen sie sich des gewaltigen Steinbruchs der wissenschaftlich-kritischen Editionen von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck, die ja alle Varianten, also wirklich alles, was Offenbach je für den Hoffmann komponierte, verzeichnen, plus einiges aus fremder Hand Hinzugefügte, beispielsweise aus der Hand von Fritz Oeser, der ja aus Offenbachs „Rheinnixen“ einige Stücke entlehnte und einfügte. Aber auch das Septett und die Diamantenarie des Giulietta-Aktes wären da zu nennen, die ein unbekannter Musiker frei nach Musik aus Offenbachs „Reise zum Mond“ einfügte. (Effektvolle Stücke, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts als reguläre Bestandteile der Oper galten). Herheim und Debus sind weit davon entfernt, den ganzen Offenbach zu präsentieren, das ist ohnehin eine Illusion. Bei aller Bewunderung und Liebe zu Offenbach macht es keinen Sinn, nach dem Motto zu verfahren, keine Note soll vergessen werden. Offenbach selbst ist ja immer der Maxime gefolgt, für jeden Aufführungsort und jede Aufführungsbedingung eine eigene Fassung, ja sogar eine eigene Instrumentierung zu gestatten. Er war Theaterpragmatiker. Auch Stefan Herheim ist Theaterpragmatiker. Und natürlich hat er mit seinen beiden Mitarbeitern eine Fassung zurechtgeschmiedet, die dem Inszenierungskonzept Rechnung trägt. Und die dauert – nur sehr publikumsfreundliche 3 ¼ Stunden.

 

Herheim präsentiert einen phantastisch-skurrilen Abend. Er spielt ein vieraktiges Stationen-drama der Dekonstruktion eines Mannes, der sich selbst in seinen Erzählungen sucht. Und Herheim zeigt in seiner Inszenierung, wie die Oper gegen Ende hin mehr und mehr ihre Identität verliert, so wie Hoffmann selbst seine Integrität und Identität, zwischen Wahn und Suff. Der Giulietta-Akt, von je der proble-matischste, weil Offenbach ihn nicht vollendete, für ihn hat Herheim einen ganz neuen Ablauf kreiert. Giulietta ist in diesem Drama eine reine Chimäre, die von der Muse, Olympia und Antonia dargestellt wird. So wie auch Stella eher eine Groteskphantasie ist. Es gibt keinen Schlémihl, keinen Pitichinaccio, keinen Weg zurück in Luthers Weinstube. Stattdessen eine lybyrinthische Vermischung aller vorigen Charaktere und Unheimlichkeiten, die zu Hoffmanns Tod in Venedig führen. Und so wird die Barcarole, die urspünglich ja aus der Oper „Die Rheinnixen“ stammt, zur Fahrt über den Styx, zwischen Eros und Thanatos, Kunst und Wirklichkeit. Offenbach selbst tritt als Charon auf und schippert eine Gondel ins Reich der Särge, und nicht nur das, auch als Franz, Cochenille und Andreas führt er quasi durch das ganze Stück, greift ein in die Handlung und gibt auch schon mal dem Dirigenten einige Anweisungen. Christophe Mortagne macht das ganz vorzüglich.

 

Auf der Bühne realisiert Herheim sein Konzept als Mischung aus Grand Opéra und auftrumpfender Revue auf einer spektakulären Freitreppe, die sich öffnend und drehend im Innern eine Weinstube, ein physikalisches Kabinett und unterirdische Kanäle eines imaginären Venedig enthüllt. Diese Treppe ist ein kleines Theaterwunder, das im ersten Akt kurzfristig versagte, die Vorstellung mußte unterbrochen werden, dann aber ging´s reibungslos weiter, in irrwitzigem Spieltempo. A propos Revu: Es ist eine Travestieshow, ein Transgender-Kaleidoskop, ein Verwirrspektakel der Geschlechter, Partien und Kostüme. Männer spielen Frauen, Frauen Männer, selbst versierte Kenner des Stücks kommen da gelegentlich nicht mehr mit, zumal die wirklich hinreißenden Kostüme von Esther Bialas Männlein und Weiblein ununterscheidbar machen, Hoffmann und Nichthoffmänner. Die Zeit der großen Zwanzigerjahrerevuen und hoffmaneskes Biedermeier vermischen sich. Stella ist von Anfang an ein Transvestit in Mieder und Strapsen. Gleich zu Beginn wagt sie fast wie eine sturzbetrunkene Marlene Dietrich auftretend einen virtuosen Treppensturz. Aber auch Hoffmann und selbst der Oberbösewicht müssen Mal in Schnürmieder und Strapsen auftreten oder im silbernen Glitzerfummel. Soviel erotische Verwirrung hat Herheim nie zuvor gewagt. Er wagt sich sehr weit vor, um Hofmann als ein Stück über männliche Selbstinfragestellung zu zeigen. Gelegentlich geht er etwas zu weit, trägt er zu dick auf, finde ich, beispielsweise, wenn die Puppe Olympia Hoffmann in Männerrolle vergewaltigt. Antonia besingt schließlich eine Hoffmannpuppe. Und Giulietta ist reine Projektion. Am Ende werden eigentlich alle ununterscheidbar. Wie gesagt, sehr verwirrend, was Herheim da anstellt, aber hochvirtuos inszeniert als atemberaubendes Theater, nicht zuletzt auch dank der Bühne von Christof Hetzer und der irrsinnigen Lichteffekte, die Phoenix alias Andreas Hofer beisteuerte. Den LED-Plafond mit seinen Videoprojektionen hätte Herheim sich allerdings sparen können.

 

Der Dirigent Johannes Debus, Musikdirektor der Canadian Opera Company in Toronto dirigiert eine prächtige romantische Oper. Aber ich finde, er hätte dem „wahnsinnigen“ Konzept Herheims mit etwas mehr Kraft, Drive, etwas schärferen Artikulierungen, auch etwas mehr Tempo gerecht werden müssen. Er setzt doch mehr auf romantischen Wohlklang als auf Schizophrenie, Revue und Verrücktheit. Auch der für Offenbach so charakteristische Kontrast von Melancholie und Posse, hüpfender Leichtigkeit und melancholischer Schwere, kam mir bei diesem Dirigat zu kurz.

 

Man spielt in Bregenz große Besetzung der Wiener Symphoniker. Und das ist richtig so, denn Offenbach liebte große Orchesterbesetz-ungen. Deswegen schätzte er die Wiener Aufführungen von Carl Binder so. Er hat mehrfach gesagt, wenn er seine Werke unter bestmöglichen Bedingungen hören wolle, müsse er nach Wien fahren. Dort spielte man ihn immer in großer romantischer Besetzung. Und wie schon in Wien spielt man in Bregenz auch die Wiener Version von Ernest Guirard, der Offenbachs Werk nach seinen Skizzen vervollständigte, mit Rezitativen, statt Dialog.

Insgesamt kann man in Bregenz bis in die kleinen Partien hinein mit einer sehr überzeugenden sängerischen Besetzung aufwarten. Ganz fabelhaft ist die Olympia von Kerstin Avemo, auch die Antonia von Mandy Friedrich singt wunderbar. Die beiden schlüpfen übrigens auch in die Rolle der Giulietta. Ein besonderer Glücksfall ist der kraftvolle schwedische Tenor Daniel Johansson in der Titelpartie. Michael Volle singt die Bösewichter eindrucksvoll, aber mit einem tiefen Bass klingen sie, wie man aus anderen Produktionen weiß, noch eindrucksvoller. Das aber nur als kleine Anmerkung. Unterm Strich eine großartige Aufführung. Das Premierenpublikum war außer Rand und Band vor Begeisterung.

 

 

Beiträge in SWR 2 Cluster, Das Orchester