Salzburg 2013 Herheim Meistersinger

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Forster

 

GESPRÄCH

IN MDR FIGARO 03. 08. 2013

 

JOHANNISNACHTSTRAUM

 

Stefan Herheim inszeniert Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" bei den Salzburger Festspielen 2013, Premiere 02.08.2013

Moderator: Gestern abend hatten bei den diesjährigen Salzburger Festspielen Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ Premiere. In einer Neuinszenierung von Stefan Herheim, die mit Spannung erwartet wurde. Unser Wagnerexperte Dieter David Scholz war für uns in der Premiere. Herr Scholz, Stefan Herheim hat ja zuletzt in Sachen Wagner gezaubert, sowohl in seinem Bayreuther "Parsifal", als auch im "Tannhäuser" in Oslo. Sind auch diese Salzburger Meistersinger großes Zaubertheater?

 

 

Ja, denn Stefan Herheim läßt uns einen Traum des Schusterpoeten Hans Sachs erleben. Sachs tritt schon während der Ouvertüre in Nachthemd und Schlafmütze auf und zieht die Strippen bzw. den Voranhang: ein Traum, der Wirklichkeit wird und das als Biedermeier-Mittsommernachtstraum.

 

Shakespeare läßt grüßen. Bühnenbildnerin Heike Scheele hat ihm dazu das Innere der Sachs-Behausung auf die breite Bühne des großen Salzburger Festspielhauses gestellt, vollgerümpelt mit Biedermeiermöbeln, Regalen und Kinderspielzeug samt Puppentheater. Es ist vor allem ein Ort der Erinnerung an glücklichere Zeiten für einen sehr melancholischen, sensiblen, um nicht zu sagen zerbrechlichen Hans Sachs. In Herheims Inszenierung werden einzelne Möbelstücke dann quasi filmisch heran-gezoomt, ins Riesenhafte vergrößert, sodass die Menschen dagegen wie Zwerge erscheinen. Aus Projektion wird plastischer Raum. Und aus realem Raum wird eine surreale Phantasmagorie. Ein buntes Theaterfest in einer Lilliputanerwelt zwischen Möbeln und Büchern, vor allem romantischen Titeln wie "Des Knaben Wunderhorn" etwa, aus denen Blumen gezaubert werden. Und schließlich entsteigen der Bücherwelt sogar sehr unständig Märchengestalten der Gebrüder Grimm, in der Prügelfuge des zweiten Akts, aber auch im dritten Akt.

 

Mit großer Vitalität und Verspieltheit in der Personenführung inszeniert Herheim den Nürnberger Johannistag als Johannisnachtstraum des jungen Wagner, ins Groteske verzerrt. Der Sachs-Ausspruch „Ein Schuster in seinem Laden sucht seines Wahnes Faden“ ist sozusagen das Motto dieser Inszenierungsidee. Gesine Völmm hat dafür ganz zauberhafte, wunderbar gearbeitete Biedermeier-Kostüme entworfen, die die den Geist Carl Spitzwegs atmen. Ein großes Spektakel, eine große Ausstattungsrevue!

 

Moderator: Spielt denn das historische Nürnberg spielt in dieser Inszenierung gar keine Rolle ?

 

Nein, es ist weit und breit nichts von Nürnberg zu sehen auf der Bühne. Allenfalls ein Butzenscheibenfenster darf als Anspielung an diese Spätmittelalter- bzw. Renais-sancewelt verstanden werden, und vielleicht die altdeutsche Gewandung der Meister bei ihrem Auftritt auf der finalen Festwiese. Aber im Grunde veranstaltet Herheim eher ein phantasievoll turbulentes Assoziationstheater der Gedankenwelt und des philosophischen Umfeldes der Entstehung dieser Oper, als dass er sich linear an die Handlunsgvorlage und die Szenenanweisungen Wagners hält. Sachs ist bei ihm Schopenhauerianer durch und durch, Melancholiker, der den Wahn des Lebens durchschaut hat. Eine Porträtbüste des Königsberger Philosophen, blumenbekränzt ist als Büste stets präsent. Auch Wagner übrigens. Eine ganze Reihe von Anspielungen auf Wagners Erlebnisse, wie er sie in seiner Autobiographie schildert, sind in diese quirlige Inszenierung eingeflossen, in der immer wieder über die Abgründe der bürgerlichen Welt, die Wagner andeutet, hinweg getanzt wird. Herheim geht es, im Grunde wie Wagner, um eine Welt der geplatzten Träume, der traurigen Erinnerungen und deutscher Sehnsüchte, und Herheim setzt ihr, wie Wagner, als Rettungsanker, als Korrektiv eine Welt des Wahns und des Witzes entgegen. Und das äußerst virtuos, die Bühnentechnik wird nicht geschont. Ein großes Schau-vergnügen. Das Publikum hat Herheim denn auch heftig gefeiert und bejubelt.

 

Moderator: Hat den auch die sängerische Besetzung Anlass zu Begeisterung gegeben?

 

Also es gibt einen Schwachpunkt in der sängerischen Besetzung, und der heißt Walther von Stolzing. Ausgerechnet die zentrale Tenor-Partie läßt in dieser Produktion zu wünschen übrig. Roberto Sacca, der verpflichtet wurde, den jugendlich-heißspornigen Zukunftssänger und Konventionensprenger zu singen, enttäuscht sehr. Er singt eher wie ein resignierter Veteran mit gebrochener Stimme, statt mit jugend-lichem Strahlglanz. Schade, denn mit Michale Volle steht ihm ein nobler Sängerschau-spieler ge­genüber, der zwar einen ungewöhnlich hellen Sachs singt, aber doch die stimmliche Autorität und gesanglich das Glanzlicht der Aufführung ist, auch wenn um ihn herum eine ganze Reihe feiner Stimmen versammelt sind, etwa Anna Gabler als sehr selbstbewußte Eva, Georg Zeppenfeld als ihr recht jugendlicher Vater und Markus Werba als Beckmesser ohne alles Überzeichnete, Karikierte, eher aus dem Geiste Papagenos, den er ja bei den Salzburger Festspielen vor acht Jahren sang. Also bis auf eine Ausnahme eine gute Besetzung.

 

Moderator: Kommen wir zur Frage nach dem Dirigenten. Der Italiener Daniele Gatti hat diese "Meistersinger" dirigiert. Über ihn gehen die Meinungen ja ausein­ander. Hat er Ihrer Meinung nach die Meisteringer glaubwürdig dirigiert?

 

Also er hat sich sehr viel Zeit genommen und einen - ich finde - fast ans Unzumutbare gren­zenden, breiten Wagner dirigiert. Die Aufführung dauerte mit zwei kurzen Pausen immerhin von halb sechs bis nach Elf Uhr. Wie Gatti die Kostbarkeiten und Raffinessen dieser Komposition, aber auch die vielen instrumentalen Details der Partitur vorführt, beeindruckt. Zumal die Wiener Philharmoniker vorzüglich spielen, mit einer Klangpracht und Präzision, die besticht. So brilliant hört man das polyphone Gewebe dieser intelligenten, doppelbödigen Musik selten, dafür braucht es halt auch einen offenen Orchestergraben. Man sollte nie vergessen, dass die "Meistersinger" nicht für Bayreuth komponiert sind. Das hört man gerade in Salzburg. Aber, und jetzt kommt die Einschränkung, die die Aufführung etwas eintrübt: Daniele Gatti läßt das Orchester permanent viel zu laut spielen, so als wären ihm die Sänger gleichgültig. Die hatten es daher sehr schwer, über die Rampe zu kommen. Dennoch, alles in allem eine prachtvolle, eine sehenswerte Produktion!

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