Salome Magdeburg

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Nilz Böhme

 

 

Tanz der Burka-Trägerinnen

oder DieMacht der Triebe zwischen IS und irgendwo

„Salome“von Richard Strauss am Theater Magdeburg

 

 

Die biblische Geschichte von der Hinrichtung Johannes’ des Täufers durch König Herodes um das Jahr 30 war Ausgangspunkt des Schauspiels „Salome“ von Oscar Wilde. 1905 brachte Richard Straus seine darauf basierende einaktige Oper gleichen Titels heraus. Ein Skandal-stück, das zum Welterfolg wurde. Am 5. Mai hatte eine Neuinszenierung der Oper „Salome“ am Theater Magdeburg Premiere. Das exotisch-erotische Stück spielt im Orient, in biblischer Zeit. Ulrich Schulz, der in Magdeburg schon als Bühnenbildner und Regisseur viel gearbeitet hat, präsentiert nun seine erste Operninszenierung.

 

Das Stück spielt bei ihm nicht in biblischen, sondern in modernen Zeiten, im Grunde heute, irgendwo im Orient vor einem abgesicherten Herrscherbungalow. Sicherheitskräfte bewachen ihn, ein Betonbunker führt zum Verlies Jochanaans, der wird in rotem Overall (Guantanamo lässt grüssen) und in Ketten wie ein Schwerverbrecher vorgeführt. Ein Propagandist des Glaubens, ein religiöser Fanatiker, „der den IS Terroristen näherstehe als irgendeiner Kirche“, so liest man im Programmheft. Und reibt sich die Augen. Aktualität um jeder Preis! Gegen-wärtig sind auch die neureich-orientalischen Phantasieherrschergewänder, die Esther Bialas entworfen hat. Prachtvoll historisch die Kostüme sind die der beiden Nazarener. Die fünf Juden sehen so aus, wie man sie heute in Jerusalem auf der Strasse sieht. Also es ist ein Stück von heute, das Ulrich Schulz da zeigt, ein Stück über religiösen Wahn, über politische Macht und die Macht der Triebe, die sich nicht nur in Salomes empathielosem Verlangen nach dem Kopf des Jochanaan äussert, sondern auch in der enthemmten Reaktion aller anwesenden Mannsbilder auf den Tanz der sieben Schleier, bei dem sich in Magdeburg gleich drei Musli-ma in Burka erotisch produzieren dürfe, soweit die Burka erlaubt. Eine groteske Szene. Wenn die schwarzen Hüllen fallen, und rosa Wäsche sichtbar wird, beginnen sich die erotisch angestachelten Herren der Schöpfung auszuziehen und stürmen die Tanzbühne im Bungalow.

 

Einmal davon abgesehen, dass der Gegenwartsbezug der Regie reichlich plakativ daher-kommt, wird das Drama der erwachenden, ungestillten, radikal egoistischen und grausamen weiblichen Sexualität, wie sie Salome verkörpert, sehr eindringlich dargestellt. Salome ist in dieser Inszenierung ein verwöhntes, einsames naughty kid im Gruftielook, ein traumatisiertes, amoralisches It-Girl, das sich rücksichtslos nimmt, was es braucht, und sich damit an der sie zum Sexsymbol degradierenden Männerwelt, der patriarchaluschen Machowelt rächt, die ihrerseits am Ende mit Salome kurzen Prozess macht und sie nach altbiblischem Brauch steinigt.

 

Die Oper „Salome“ steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. Die Magdeburger Salome-Sängerin ist ein Glücksfall, denn die deutsch-ungarische Sopranistin Susanne Serfling sieht aus wie ein junges Mädchen, hat den nötigen Sexappeal, sie spielt kompromisslos in-tensiv und sie hat stimmlich das Zeug zu einer Hochdramatischen. Das kommt nicht oft zusammen. In Magdeburg aber eben schon. Ich habe lange keine so überzeugende Salome-Interpretin erlebt, auch an bedeutenderen Opernhäusern nicht. Aber auch der Jochanaan von Sangmin Lee ist eine Sensation an Stimmgewalt. Er schleudert geradezu urmännlich prophe-tische Balsamtöne über die Rampe. Auch bei seinem Auftreten bekommt man Gänsehaut. Mit diesen beiden außergewöhnlichen Sängerdarstellern ist eine faszinierende Aufführung im Grunde gesichert. Allerdings verblasst gegen sie das restliche Ensemble, auch wenn es durch die Bank rollendeckend, wenn auch nicht spektakulär besetzt ist.

 

GMD Kimbo Ishii steht am Pult. Er hat in Magdeburg schon Straussens „Rosenkavalier“ diri-giert. Aber auch mit der sehr viel expressiveren, moderneren „Salome“ kommt er glänzend zurecht. Kimbo Ishii ist ein hervorragender Kapellmeister und er versteht etwas von Richard Strauss. Er hat die Magdeburgische Philharmonie fest im Griff und hat sie animiert zu klang-intensivem, farbenreichem wie präzisem Spiel. Eine grandiose Salome-Interpretation, die das Besondere dieser Musik hörbar macht, nämlich den Spagat zwischen sinnlichem Rausch und schroffer Moderne, neutönender, verstörender Expressivität und exotischer Spätromantik. Ein großer Abend, musikalisch!

 

Rezension auch in MDR Kultur