Rossini Opera Festival Pesaro 2017

Dieter David Scholz

 

 

Photos: ROF / Amati Bacciardi

 

„Le Siège de Corinthe“ szenisch enttäuschend,

musikalisch und sängerisch hervorragend!

 

Rossini-Opera-Festival Pesaro 2017: Premiere 10.08.2017

 

 

 

Im Mittelpunkt des achtunddreißigsten, hitzegeplagten Rossinifestivals steht in diesem Jahr die Neuproduktion der späten Trag lyrique in drei Akten „Le Siège de Corinth“. Rossini hatte dafür das frühere, zweiaktige dramma per musica "Maometto Second", umgeschrieben. Die 1826 uraufgeführte Oper spielt übrigens auf den Fall von Messalongion 1825 an, während dem Lord Byron starb, der zuvor ebenfalls ein orientalisches Poem „The Siege of Corinth“ geschrieben hatte. Insofern ein zu seiner Zeit höchst aktuelles Stück. Es kling hörbar französisch, Rossini wies mit ihm Cherubini und Spontini den Weg in die Opern-Zukunft. Ein bahnbre chendes Werk des französischen Musiktheaters, das letzte vor Rossinis „Guillaume Tell“, mit dem er sich endgültig von der Opernbühne zurückzog.

 

Leider überzeugt auch dieser zweite Versuch einer szenischen Reanimation des zu Unrecht kaum je aufgeführten Stücks, den man in Pesaro wagt (der erste fand 2000 in der Regie von Maurizio Benini statt), nicht wirklich, da das katalanische Theaterkollektiv Fura dels Baus unter Leitung von Carlus Padrissa die Operntragödie über die Eroberung Korinths durch die Türken als belie-bige Wasserflascheninstallation als Theater der Tableaus und der Bilder darbot, Ringelpietz mit Anfassen darbot. Mehr als eine belanglose Revue war das nicht. Lita Cabellut steuerte choreo-graphiertes Schunkeln und Raufen ums begehrte Nass, sowie bunte Phantasiekostüme bei. Dem überwiegenden Publikum dürfte das Stück damit wohl kaum nahgebracgt und verständlich geworden sein. Schade, denn musikalisch ist diese Ausgrabung des hochinteressanten Spätwerks Rossinis unter Roberto Abbado eine Sensation. Man spielt das dreieinhalb Stunden dauernde Werk - nicht eingerechnet zwei Pausen - in ganzer Länge, mit hinreissenden Ballettmusiken in der kritischen Edition der Fondazione Rossini. Das zum ersten Mal in Pesaro spielende Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI zeigt sich unter Abbados zupackend und doch subtil gestaltendem Dirigat ausserordentlich klangschön, transparent und feinsinnig. Die Delikatessen dieser so brilliant realisieten Musik erstaunen und berühren.

 

 

Mit einer internationalen Sängerriege, angeführt von der georgischen Sopranistin Nino Machaidze, die mit einer makellosen Belcanto- Demonstration aufwartete, mit dem in Venezuela geborenen Baßbariton Luca Pisaroni und dem aus dem US-amerikanischen Atlanta stammenden Tenor John Irving aber auch dem russischen Tenor Sergey Romanovsky hatte man ausnahmslos junge, hochkarätige Sänger in den Hauptpartien zur Verfügung. In den Nebenrollen immerhin drei Absolventen der Accademia Rossiniana, der sängerischen Talentschmiede des Festivals, die in die drei Opernproduktionen dieses Jahres insgesamt 14 Nachwuchssänger einbringen konnte.

 

Neben „Le Siège de Corinth“ zeigt man in Pesaro Reprisen zweier sehr erfolgreicher Pro- duk-tionen der letzten Jahre, des Dramma semiseria „Torvaldo e Dorlisk"a inszeniert von Mario Martone im Jahre 2006 und des Melodramma giocoso „La Pietra del Paragone“, inszeniert 2002 von Pier Luigi Pizzi, dem Grandseigneur der Italienische Opernregisseure und -Ausstatter.

 

Vom 10. bis zum 22. August präsentiert man in diesem Jahr drei Opernproduktionen und sechs Konzerte. Begleitet werden sie von 5 Diskussionsveranstaltungen und Fotoausstellungen über die Geschichte des Festivals.

 

Und, man zeigt, wie jedes Jahr, die Oper "Il Viaggio a Reims“ als Abschluß der "Accademia Rossiniana", die von Anfang des Festivals an ein besonderes Anliegen des im vergangenen März verstorbenen Grandseigneurs unter den Rossinispezialisten, des Rossiniforschers und -Dirigen-ten Alberto Zedda war, der mir im vergangenen Jahr noch anvertraute:

 

“Ich lasse vorsingen und meine Erfahrung sagt mir schnell, wer geeignet ist. Wenn die Sänger eine gute Technik haben und gute Musiker sind, dann kann ich sie in wenigen Wochen zu Rossinisängern entwickeln. Es ist bei Rossini doch wie beim Kochen. Kochen ist eine Art von Kreativität, bei der man aus einfachen Zutaten etwas Köstliches zaubert. Jeder kann Rossini singen. Er braucht nur Phantasie, Kreativität und einen theatralischen Sinn. Imagination, darauf kommt es an!“

 

Bis zu seinem Tod bemühte sich der 89-jährige Alberto Zedda in unermüdlicher Agilität um den Rossini-Sängernachwuchs in Pesaro. Nun führt Ernesto Palacio, der Gesangslehrer und Agent des Startenors Juan Diego Florez diese Accademia weiter, nachdem ihm im vergangenen Jahr Alberto Zedda bereits die künstlerische Direktion des weltweit führenden Rossinifestivals übertragen hat. Ernesto Palazio will an der bewährten Tradition des Festivals festhalten:

„Wir müssen nichts verändern, wir wollen an der Kontinuität dieses Festivals festhalten und dem Publikum großartige Rossiniproduktionen offerieren, mit großen Sängern unserer Zeit, aber auch mit neuen, jungen Sängern, die von der Rossini Akademie kommen.“

 

Und doch verändert sich das Festival. Neu ist nach dem Tod Alberto Zeddas beispielsweise, dass das viele Jahre an Pesaro gebundene Orchester des Teatro Comunlae di Bologna nicht mehr zur Verfügung steht. Asserdem erweitert das Festival seine Außendarstellung Auch neue Spielorte kommen hinzu. Das Konzertangebot wird ebenfalls erweitert. Das administrative Peronal wird verjüngt. Dank des noch immer großen internationalen Publikumszustroms, erfolgreichen Sponsorings und gesicherter Finanzierung kann man in diesem Jahr in 12 Tagen immerhin 25 Veranstaltungen aufbieten. Chapeau! Wieder ist Pesaro seinem Ruf als weltweit anspruchsvollstes Rossinifestival gerecht geworden.

 

 

Beitrag auch in SWR 2 (Cluster) 11.08.2017