Rosalies Salome in Leipzig

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kirsten Nijhof

 

Ausgebremst melancholisches Plattenbaustück

Rosalies „Salome“ an der Oper Leipzig

Premiere 17.06.2017

 

 

Am Ende der Saison 2016/2017 steht in der Oper Leipzig Richard Strauss im Zentrum des Spielplans. Bei einem Strauss-Wochenende von vergangenem Freitag bis heute sind die drei großen Meisterwerke »Arabella«, »Salome« und »Die Frau ohne Schatten« zu sehen. Die Musikalische Leitung des Gewandhausorchesters obliegt an allen drei Abenden dem Hausherrn Ulf Schirmer. Den Auftakt machte am Freitag die Liebes- und Gesell-schaftskomödie »Arabella«. Den Abschluss des Strauss-Wochenendes bildet heute Abend das märchenhafte Monumentalwerk »Die Frau ohne Schatten«. Gestern hatte im Zentrum des Strauss-Wochenendes eien Neuinszenierung der »Salome« Premiere. Die Produktion ist, was Bühnenbild und Kostüme angeht, die letzte Arbeit der vor wenigen Tagen ver-storbenen Lichtgestalterin und Bühnenbildnerin Rosalie, die mit bürgerlichem Namen Gudrun Müller hieß. Sie brachte, wie man in einem Nachruf in der Zeitung DIE WELT lesen konnte, „die deut-schen Bühnen zum Strahlen. Mit Warnlichtern und Wischmopps. An Häuserfassaden kletterten ihre bunten Flossis“. Manuel Brug hat sie als die „Zauberin der Baumärkte“ bezeichnet.

 

 

Das mit den Baumärkten ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Denn auch in ihrer Salome-Ausstattung der skandalträchtige Orient-Oper in Leipzig liegen leere Paletten und Steinkörbe, also Gabionen, wie man sie in den Baumärkten kaufen kann, auf der Bühne herum, daneben auch skeletthafte Stahlsitzmöbel, aber auch ein ausgebranntes Autowrack mit integriertem Springbrunnen unter offener Kühlerhaube sind zu sehen. Und das ganze vor einer halb transparenten, steil ansteigenden Stufenarchitektur, man denkt an Platten-bauelemente, wenn man es gut meint, an ein antikes Amphitheater. Auf oberer Etage ein Ventilator mit integriertem Scheinwerfer? Ein Golemartiger steht auch da. Warum? Von orientalischer Mondnacht, wie sie im Libretto beschworen wird, keine Spur. Ich finde, man hat schon überzeugendere Ausstattungen von Rosalie gesehen, wenn man ehrlich ist. Sie war übrigens nie unumstritten. Wie auch immer. In Erinnerung bleiben werden sicher bildmächtigere Bühnenbilder der Rosalie, etwa die zur „Frau ohne Schatten“ in Dresden, oder zum Bayreuther Kirchner-„Ring“ in Bayreuth, um nur zwei zu nennen.

 

Regisseur der neuen Leipziger „Salome“ ist Aaron Stiehl, der an der Pleiße schon sehr erfolgreich Puccinis „Madama Butterfly“ und Wagners Jugendoper „Das Liebesverbot“ inszeniert hat. Das erotische Stück von Oscar-Wilde, das der Strauss-Vertonung zugrunde liegt, hat er vor allem sängerfreundlich inszeniert. Es wird viel an der Rampe gesungen, was aber auch am Bühnenbild liegt, das wenig Raum zum Spielen lässt, und vor allem die Vertikale betont. Er zeigt eine versoffene, erotisch freizügige Partygesellschaft in Pinkrosa und Glimmer und soldatesker Uniformiertheit., was die Nebenfiguren angeht Die ereiferten Juden und die frommen Nazarener werden klischeehaft vorgeführt. Salome, die ein wenig wie eine Rockerbraut im Zirkusdirektorenfrack mit Federkragen und blonder Mähne auftritt,dmuss tatsächlich eine unappetitliche Kussszene mit dem abgeschlagenen Haupt des Jochanaan hinlegen, recht blutig, dafür darf sie aber nur die letzten Takte ihres Tanzes tanzen, allerdings nicht unenthüllt. Der erotische Enthüllungstanz, der Herodes in Ekstase versetzt, wird zugunsten eines pantomimischen Theaters auf dem Theater mit grotesken Maskenträgern ausgespart. Dennoch lässt der Regisseur Salome von Herodes hinter einem der Gabionen zu guter Letzt vergewaltigen. Herodias wird als mannstolle Schnapsdrossel vorgeführt. Eine verkommene, durch und durch schamlose Familie, die Aaron Stiehl da in Szene setzt. Und am Ende wird die schamloseste der Familie, Salome, erschossen.

 

Jede Salome-Neuproduktion steht und fällt natürlich mit der Interpretin der Titelpartie. In Leipzig hat man sie mit der schwedischen Sopranistin Elisabet Strid besetzt, die seit der Spielzeit 2014/15 in Leipzig schon als Brünnhilde in »Siegfried« zu hören war. Sie ist eine außergewöhnliche Salome-Interpretin von überzeugender Mädchenhaftigkeit. Sie ver-körpert diese Kindsfrau mit großen, ausdrucksvollen Augen darstellerisch recht über-zeugend, mit einer Mischung aus erotischer Amoralität und kindlicher Naivität. Stimmlich beeindruckender finde ich Tuomas Pursio als Prophet Jochanaan. Ein stimmgewaltiger, viriler Heldenbariton. Eine der zuverlässigsten Säulen des Leipziger Richard Strauss-Ensembles. Michael Weinius als Herodes im rosafarbenen Anzug, mit viel tänzelnder Attitüde und wackelndem Hintern hat die gesanglich charakterstarke, darstellerisch allerdings etwas karikaturenhaft überzeichnete Studie eines ängstlich-lüsternen, orien-talischen Parvenüs hingelegt. Karin Lovelius singt und spielt mäßig seine Gattin Herodias als versoffene, heruntergekommene Lady, die verglichen mit ihrer Vorgängerin in der letzten Leipziger Salome-Produktion - Anja Silja in der Nikolaus Lehnhoff-Inszenierung – verständlicherweise blass blieb. Alle übrigen Partien sind rollendeckend besetzt worden.

 

 

Bleibt die Frage nach Dirigent und Orchester. Bei der „Salome“ handelt es sich ja um eines der anspruchsvollsten Werke der Opernliteratur. Das Gewandhausorchester spielt unter Leitung des Hausherrn Ulf Schirmer am Pult fulminant, läßt an Klangpracht wie an Spielkultur nchts zu wünschen übrig. Ulf Schirmer ist bei Richard Strauss in seinem Element. Die „Salome" hat er allerdings sehr breit genommen, mit überwiegend lang-samen Tempi. Das quecksilbrig Ekstatische, das neurotisch Fiebrige der Salome- Musik gerät bei ihm zugunsten schwelgerischer Spätromantik etwas ins Hintertreffen. Auch die Modernität dieser Musik scheint ihn weniger zu interessieren, als ihre Farbigkeit. Vor allem zu Beginn ließ sich das exotische, orientalische Musikdrama etwas verhalten, um nicht zu sagen vorsichtig an. Schon der erste Pfauenschrei war eher tagmüde als aggressiv-verheissungsvoll. Eine Salome mit ausgebremsten Temperament. Aber Schirmer hat sich mehr und mehr gesteigert im Laufe des Stücks und kam dann beim Schlussgesang in grosse Fahrt. Da hat er einen musikalischen Blutrausch entfaltet, der unter die Haut ging und die Trommelfelle ordentlich strapazierte. Aber auch dieser Blutrausch war eher ein melancholischer als ein cholerischerischer. Nun gut, man kann diese Musik so oder so lesen. Außergewöhnlich ist Schirmers Dirigat ohne Frage. Und doch finde ich, dass er die Opern „Arabella“ und „Die Frau ohne Schatten“ noch überzeugender, mitreißender dirigiert.

 

Rezension auch in MDR Kultur 18.06.2017