Rheingold in Minden

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Stadttheater Minden

 

Das schier Unmögliche ist möglich im "ostwestfälischen Bayreuth"

 

Das Rheingold (R. Wagner) im Stadttheater Minden, Premiere 9. September 2015

 

 

Das Stadttheater im ostwestfälischen Minden ist eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands mit der wohl größten Wagnerambition. In den vergangenen 13 Jahren hat es bereits "Holländer", "Tannhäuser", "Lohengrin" und "Tristan" gestemmt. Mit Wagners opus magnum, dem "Ring des Nibelungen" hat es nun sein ehrgeizigstes Projekt in Angriff genommen und einmal mehr unter Beweis gestellt, dass man in der Lage ist, an einem so kleinen Haus ohne eigenes Opernensemble Wagner angemessen realisieren zu können. Zu verdanken ist dies vor allem Jutta Winkler, Chefin des Mindener Richard Wagner Verbands. Sie ist in der Stadt außerordentlich gut vernetzt und schafft es immer wieder, die Spendenbereitschaft der Mindener Bürger und Betuchten zu aktivieren. Dank dieses mäzenatischen Wunders hat sich Minden inzwischen den Ruf eines "ostwestfälischen Bayreuths" erworben.

 

Gerd Heinz, zuletzt leitender Opernregisseur und Mitglied der Operndirektion am Theater Freiburg, hat den "Vorabend" der kapitalismus-kritischen Parabel von der Welt Anfang und Ende als Kammerspiel angelegt, handwerklich gut gearbeitet, ohne alle Aktualisierungen, politisierende Winke mit Zaunpfählen und ohne Bebilderungszwang. Er bleibt nah am Stück und greift bei den Verwandlungen und illusionistischen Momenten des Stücks in die Trickkiste des Kabuki- bzw. Bunrakiheaters. Frank Philipp Schlössmann, der auch den letzten Bayreuther "Ring" ausstattete, hat für den Mindener eine so einfache wie sinnfällige szenische Lösung gefunden. Da das Orchester wegen des unzureichend geräumigen Orchestergrabens auf der Bühne plaziert ist, läßt er Vorbühne und hochgefahrenen Orchestergraben bespielen, eingerahmt von einem symbolischen roten "Ring" in einem Qudrat. Nur wenige Requisiten werden benötigt, so gut wie keine Kulissen. Dafür gibt es symbolisch abstrakte Laserillumination. Die Darsteller treten zeitlos "modern" in sackleinernen Kostümen auf, denn Gerd Heinz geht es in der Walhallsaga vor allem um zeitlose menschliche Konflikte. Ein einleuchtendes Konzept. Das Orchester im Rücken, können die Sänger außerordentlich textverständlich singen, zumal Dirigent Frank Beermann sie auf Händen trägt und auf exzessive Phonstärke verzichtet.

 

Die Besetzung ist durch die Bank überzeugend. Bedauerlich, daß der Wotansänger Renatus Mészar, der die Partie schon in Weimar überzeugend sang, indisponiert war. Um so mehr faszinierte der außerordentlich kultiviert singende Tenor Thomas Mohr als Loge, Heiko Trinsinger singt einen kraftvollen Alberich. Der Mime von Dan Karlström ist die Sensation des Abends. Er gibt den bösen Zwerg als giftige Mischung aus kleinem Bub und geschundener Kreatur, mit treffsicherem Charaktertenor und sportlich-agilem Körpereinsatz. Aus den weiblichen Partien ragt die altgriechisch gemummte Erda von Evelyn Krahe heraus.

 

Die Nordwestdeutsche Philharmonie, die in Minden regelmäßig gastiert und auch die bisherigen Wagnerproduktionen spielte, hat in erweiterter Großbesetzung und ungewöhnlicher Aufstellung unter Frank Beermann, GMD des Theaters Chemnitz einen gänzlich unteutonischen, romantisch-sensiblen Wagner gespielt, klangprächtig, höchst kompetent und klug durchdacht. Ein großer Wagnerabend im kleinen Stadttheater Minden. Das Publikum war außer Rand und Band vor Begeisterung. Man darf gespannt sein auf die Komplettierung dieses "Rings" in den nächsten drei Jahren.

 

 

Beitrag auch in DLR-Kultur Fazit 9.9.2015