Rheingold in Chemnitz

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kirsten Nijhof

 

Fulminanter Auftakt eines "Rings" aus Sicht der Frauen

„Das Rheingold“ in Chemnitz

Premiere 3. 02. 2018

Zum 875. Stadtjubiläum von Chemnitz bringt die Oper Chemnitz einen neuen „Ring“ heraus: Innerhalb eines Jahres werden alle vier Teile des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ als Neuinszenierung Premiere haben. Im Zentrum der Chemnitzer Auseinandersetzung steht, so hat das Theater angekündigt, der für alle vier Musikdramen des Zyklus entscheidende Im-puls: die Frau. Vier Regisseurinnen werden je einen Teil der Tetralogie inszenieren: Verena Stoiber, Monique Wagemakers, Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler. Verena Stoiber machte den Anfang mit dem „Rheingold“.

 

Sie durchleuchtet das Stück gewissermaßen mit dem "weiblichen Blick", will sagen, Männer und Frauen werden in ihren geschlechtsspezifischen Rollen und Stereotypen hinterfragt und vorgeführt. Alberich beispielsweise wird als zotteliger Neandertaler, als Satyr mit erigiertem Phallus gezeigt, Prototyp der männlichen Triebhaftigkeit. Er schändet am Ende der ersten Szene die in Nackttrikots wie an Tarzan-Lianen herumschaukelnden Rheintöchter, die Inbe-griff sind unschuldiger, natürlicher Weiblichkeit. So ganz unschuldig sind sie auch wieder nicht, diese nixenhaften Naturwesen, sie spielen mit Alberich, necken ihn und geben seinem Werben nicht nach. Deshalb errichtet er sich in Nibelheim sein privates Eroscenter voller Gespielinnen, im Untergeschoss ist eine Fabrik untergebracht, wo Kinderarbeit vorherrscht. Die Götter sind Upper Class Machos in Businessanzügen, wobei Donner und Froh auch schon Mal im Fummel auftreten und den Riese falsche Weiblichkeit vorspielen. Überhaupt ist das Spiel mit Schein und Sein, das Spiel mit Geschlechterrollen Thema. Auch die Verwandlung Fafners in Riesenwurm und Kröte ist nur ein Spiegeltrick, der Wunschbilder der Getäuschten vorgaukelt. Und das alles zeigt Verena Stoiber sehr klar, sehr schnörkellos und mit sehr präziser Personenführung.

 

Ihr Konzept geht auf, denn Sie bringt das Rheingold als kapitalismuskritische Parabel auf den Punkt. Die beiden zentralen Themen des Stücks, wie eigentlich aller Wagnerstücke, Sexualität und Macht bzw. Geld werden bei ihr sehr anschaulich in heutigen Bildern vorgeführt. Am deutlichsten wird das in der Befreiung Freias. Sie wird nicht mit Gold aufgewogen, sondern mit Konsumgütern und Statussymbolen unserer Wohlstandsgesellschaft. Das ist sehr einleuch-tend, vermeidet alles Peinliche, zumal auch die Riesen ganz gewöhnliche Menschen sind, mit besonderen Fähigkeiten. Und das ist eine Qualität dieser Rheingold-Inszenierung, sie ist durch und durch menschlich und zugleich sehr politisch, sie vermeidet allen falschen Theaterzauber, sie ist nüchtern, könnte man sagen, aber einleuchtend und ohne alle verkopften Aktualisierungsmätzchen.

 

Man hat in Chemnitz ein fabelhaftes Rheingoldensemble zusammengestellt. Keine Partie lässt etwas zu wünschen übrig. Um nur die wichtigsten zu nennen: Christan Scer singt einen ein-drucksvollen jungen Wotan mit problemloser Höhe, kerniger Stimme und klarer Diktion. Einfach grossartig! Ihm tritt übrigens bereits sein gealtertes Alter Ego, der alte, einäugige Wanderer entgegen in der Inszenierung von Verena Stoiber. Stimmlich imposant ist auch der Alberich von Jukka Rasileinen. Eine grosse Überraschung ist der Loge von Benjamin Bruns. Ein vielversprechendes Rollendebüt eines erstklassigen, jungen Sängerdarstellers. Ein Glücks-fall von Tenor. Eine exzellente Erda hat man in Chemnitz: Bernadette Fodor singt eine kontra-altdunkle Urmutter. Sie tritt als stattliche Lady im bodenlangen schwarzen Pailettenkleid auf. Auch die Mezzosopranistin Monika Bohinez lässt es als Wotans Gattin nicht an Stimmauto-rität fehlen. Und sehr fein abgestimmt sind die Stimmen der drei Rheintöchter. Last but not least Maraike Schröter . Sie gibt Freia, diesen weiblichen Zankapfel der mächtigen Männer als debile, trampelige Alice in Wonderland, als verzogenes Wohlstandsgör. Eine komische Figur, über die man immer wieder schmunzeln muß. Überhaupt ist diese Rheingold-Inszenie-rung nicht nur klug und politisch, sie ist auch amüsant!

 

Der neue GMD Guillermo García Calvo dirigiert einen sehr überzeugenden Wagner, souverän, zügig im Tempo, mit Spannung, klar strukturiert und mit großen Steigerungen. Auch an Kraft, Sinnlichkeit und Emphase fehlt es dem Dirigat nicht. Die Robert Schumann Philharmonie spielt klangprächtig und tadellos, bis auf die Hörner. Nun ja, Hörner sind launisch. Aber alles in allem ein ganz grosser Wagnerabend in Chemnitz. Der fulminante Auftakt eines neuen "Rings". Man darf gespannt darauf sein, wie er sich fortsetzt.

 

 

Beitrag auch in MDR Kultur