Reinhard Keiser. Die römische Unruhe. Festwochen Alter Musik in Innsbruck

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Rupert Larl

 

Keiser-Ausgrabung in Innsbruck: Eine vertane Chance

 

"Die römische Unruhe, oder Die edelmütige Octavia. Singspiel in drei Akten von Reinhard Keiser bei den Festwochen Alter Musik / „Barockoper: Jung“ in Innsbruck

 

Die Förderung des Sängernachwuchses und die Arbeit mit jungen Musikern gehört zu den Säulen der Innsbrucker Festwochen Alter Musik. In der Reihe „Barockoper: Jung“ trägt man diesem Anspruch Rechnung, in dem Sänger des weltweit größten Gesangswettbewerbs für Barockoper, der seit 2010 jährlich im Rahmen der Innsbrucker Festwochen stattfindet, auftreten und sich erstmals dem Publikum präsentieren. In diesem Jahr stand Reinhard Keisers Oper "Die römische Unruhe, oder Die edelmütige Octavia", die 1705 im Hamburger Theater am Gänse-markt uraufgeführt wurde, auf dem Programm.

 

Der Musikschriftsteller und Komponist Johann Mattheson nannte einst Reinhard Keiser "Den größten Opernkomponisten der Welt". Seine Oper "Die römische Unruhe, oder Die edelmütige Octavia" 1705 im Hamburger Theater am Gänsemarkt uraufgeführt wurde. Es war die 27ste der 67 Opern des Händel-Konkurrenten, der in dessen Schatten vergessen wurde. Dass man diese Oper in Innsbruck ausgräbt, ist begrüßenswert, denn im Gegensatz zu Händel lässt die Renaissance der Keiser-Opern auf den Bühnen noch auf sich warten, dass man sie in im Format „Barockoper: Jung“ ans Licht zieht, ist eher ein Irrtum, denn das üppig instrumentierte, musikalisch großdimensionierte Werk ist außerordentlich anspruchsvoll und überfordert die Möglichkeiten solchen Jugendtheaters.

 

Zuletzt wurde das Werk 2004 im Badischen Staatstheater Karlsruhe in größerem Rahmen aufgeführt. Was Sinn macht, was Sinn macht, denn das üppig instrumentierte, musikalisch großdimensionierte Werk ist außerordentlich anspruchsvoll. Die 60, wenn auch überwiegend sehr kurz gehaltenen Arien, Continuo-Arien, ausladenden Accompagnati sowie kunstvoll komponierten Rezitative, in denen die Handlung stringent vorangetrieben wird, stellen außergewöhnliche orchestrale wie sängerische Anforderungen. Das aus jungen Musikern besetzte Innsbrucker "Barockensemble: Jung" bestand bedauerlicherweise aus nur insgesamt 18 Musikern, eine Minimalbesetzung, wenn man bedenkt, dass das Orchester der Hamburger Gänsemarkt-Oper zur Zeit Keisers um ein Mehrfaches größer war. Allein die Lamentoarie der Octavia, "Geloso sospetto" verlangt eine Begleitung von 5 Fagotten. In Innsbruck hatte man nur zwei zur Verfügung. Dass der für Kaiser so typische Dialog zwischen Soloinstrumenten und Sängern, die melodisch wie harmonisch charaktervolle und affektgeladene Musik nicht wirklich zündete, lag vor allem an der temperament- und phantasielosen musikalischen Leitung des Stuttgarter Organisten, Cembalisten und Dirigenten Jörg Halubek, aber auch am wenig inspi-rierten Spiel seiner Musiker. Dass Keisers Musik nicht so langweilig klingen muss, sondern im Gegenteil mitreißend sein kann, weiß, wer dessen „Croesus“ in der legendären Einspielung von René Jacobs gehört hat.

 

Immerhin haben zwei der insgesamt elf jungen Gesangssolisten der suboptimalen Aufführung sängerische Glanzlichter aufgesetzt: Suzanne Jerosme als Octavia und Federica di Trapani als Ormoena. Beide beeindruckten durch Stimmschönheit und ausdrucksvolle Virtuosität barocken Ziergesangs. Ihre männlichen Kollegen enttäuschten dagegen durch die Bank, auch der australische Bariton Morgan Pearce, er war Preisträger des letztjährigen Innsbrucker Cesti-Gesangswettbewerbs, in der Partie des Nero.

 

Das durch viele sich überkreuzende Nebenhandlungen verzwickte, altrömische Stück, dessen Libretto der Hamburger Dichter Barthold Feind frei nach dem Octavia-Roman des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel verfasste, feiert den Triumph der Liebe über den Trieb. Es ist die fiktive Geschichte der Liebe des armenischen Königs Tiridate zu Kaiser Neros Frau Octavia und Neros Verliebtheit in Tiridates Ehefrau Ormoena. Sie soll Octavia ersetzen, weshalb Nero seine Gattin zum Selbstmord auffordert, der aber vereitelt wird durch den Feldherrn Piso, der Nero stürzen will. Nach allerhand Zufällen und glücklichen Wendungen kommt es schließlich zum Happy End mit Apotheose der edelmütigen Octavia, die ihren Gatten zurück gewinnt.

 

Die Inszenierung von François de Carpentries beschränkte sich leider auf eine harmlos humorige Komödie, die auf szenische Beliebigkeiten und Klamauk im Studententheaterformat setzte. Seine Regiekonzeption, die versprach, Kaiser Nero von der Rotunde, dem angeblich rotierenden Plateau auf dem Dach des antiken Palastes Domus Aurea als Regisseur und Strippenzieher des verwickelten Beziehungsstücks zu zeigen, in dem die historisch belegte " Pisonische Verschwö-rung", eben die "Römische Unruhe" mit der frei erfundenen Vorgeschichte der seit Monteverdis Oper bekannten "Poppea"-Episode sich verschränken, blieb uneingelöstes Lippenbekenntnis. Karine van Herckens schlichte Bühne, das sie in die Arkaden des atmosphärisch wie akustisch einladenden Innenhofs der Theologischen Fakultät hinein baute, ein Podest mit Theaterrampe, Lotterbett, Kriegszelt sowie gemalten barocken Natur- und Architekturkulissen, waren weniger originell als ihre phantasievollen Kostüme, die Barock mit Gegenwart verbanden. Mit der Re-animierung eines der originellsten Werke der seinerzeit so berühmten bürgerlichen Oper am Hamburger Gänsemarkt, für die zuvor schon Händel die auf demselben Stoff basierende, heute verschollene Oper "Die durch Blut und Mord erlangte Liebe, oder: Nero" komponierte, hatte man dem Komponisten Reinhard Keiser wohl eher einen Bärendienst erwiesen.

 

 

Beiträge in "Das Orchester" und in der "Freien Presse"