Prinzessin Nofretete Leipzig

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kirsten Nijhof

 

EINE PHARAONENSHOW, SONST NICHTS

 

"Prinzessin Nofretete": Operette in zwei Akten von Nico Dostal

Premiere Musikalische Komödie Leipzig, 25. 03.2017

 

 

An der Musikalischen Komödie in Leipzig hatte am Samstag Abend eine Operette Premiere, die zu den vergessenen Werken des heiter-satirischen Musiktheaters gehört: Die 1936 uraufgeführte Operette „Prinzessin Nofretete“ von Nico Dostal.

 

Daß dieses Stück seit Jahrzehnten kaum mehr gespielt wurde, hat weniger mit dem Thema als mit der Uraufführungszeit zu tun. Zwar brennt uns heute das Thema Nofretete nicht mehr untef den Nägeln. Aber in den Dreißigerjahren war die berühmte "Zuwanderin" im Reich, die Nofretete-Büste, noch ein relativ neuer Museumszugang. Außerdem war in den späten Zwanziger- und in den Dreißigerjahren Ägypten als Ort exotischen Operettenausbruchs, der Ablenkung von der Gegenwart versprach, äußerst beliebt. Außerdem griff damals die Operette das Thema Massentourismus auf, der damals in Mode kam. Reisen in ferne, exotische, orientalische Länder waren en vogue. Was einen nachhaltigen Schatten auf Nico Dostals in der Nazizeit entstandenen Operetten warf, zu denen auch "Prinzessin Nofretete" zählt, ist die Tatsache, daß Nico Dostal einer der wenigen sogenannten „arischen“ Operettenkomponisten von Rang und Belang war, die gern von den Lücken profitierten, die die NS-Kulturpolitik aufgerissen hatte, nachdem sie die meisten jüdischen Operettenkünstler verjagt oder ermordet hat. Man tut sich daher bis heute schwer mit Nico Dostal, obwohl er kein Nazi war.

 

Um so begrüßenswerter ist die Leipziger Ausgrabung der Ausgrabungs-, bzw. Archäologenoperette, die sich lustig macht über eine Touristengruppe, die den pauschal gebuchten Reizen und Geheimnissen Ägyptens auf der Spur ist, aber auch über einen berühmten britischen Archäologen, der die Grabkammer der Nofretete erkundet. Schließlich geht es um besagte Pharaonentochter selbst. In den zwei Akten des Stücks werden die verschiedenen Handlungsebenen schließlich ineinander gespiegelt. In einem Zwischenspiel wird der altägyptische Traum Wirklichkeit. Er bildet das Scharnier zwischen Gegenwart und Geschichte, Forscherdrang und Familieninteresse, denn im Schicksal Nofretetes, die unstandesgemäß in einen Soldaten verliebt ist, wird das Schicksal der Tochter des britischen Archäologen gespiegelt, die in den Assistenten ihres Vaters vernarrt ist. Am Ende gibt es dann ein Happyend á la Nofrete. So wie sie ihren geliebten Soldaten bekommt, darf die Gelehrtentochter Claudia ihren angebeteten Schwarm, der eigentlich nichts der von der Familie vorgesehene Heiratskandidat ist, heiraten.

 

Franziska Severin, die Operndirektorin der Oper Leipzig, hat das Stück ohne doppelten Boden in braver Handlungstreue auf die Bühne gebracht, ohne die Konnotationen der zeittypischen Ausbruchsoperette in braunen Zeiten, den bewußten Akt des Wegschauens von der Wirklichkeit, mitzureflektieren. Auch die im Textbuch enthaltenen Anspielungen auf die Entstehungszeit der Operette werden nicht vermittelt und daß es sich um eine Operettentravestie in ägyptischem Gewand handelt, geht eigentlich auch in der Fassung (Einrichtung) von Franziska Severin und Christian Geltinger unter. Die Inszenierung ist nicht mehr als eine altägyptische Show, für die Frank Schmutzler die Bühne und zum Teil auch den Zuschauerraum in ein quasi ägyptisches Museum verwandelt hat. Sven Bindseil hat die prachtvollen ägyptische Kostüme dafür entworfen. Pharaonenzeit wie im Bilderbuch in der Musikalischen Komödie. Ägypten als vollendeter Postkartenkitsch. Dass es in dem Stück um mehr geht, geht unter, denn Franziska Severin beschränkt sich darauf, eine launige Ausstattungsrevue auf die Bühne zu bringen, mit ordentlich Klamauk, mit Witz, mit Kalauern und mit erotischen Anzüglichkeiten. Vor allem das trottelige ägyptische Herrenballett amüsiert. Mathias Drechsler hat es augenzwinkernd einstudiert. Aber nicht nur bei den Soldatenauftritten darf gelacht werden. Die Produktion ist durchaus unterhaltsam und von opulentem Schauwert. Wer nicht mehr erwartet, ist mit dieser Produktion gut bedient.

 

Musikalisch gerät der Abend unter Leitung des Musikchefs der Musikalischen Komödie weit zündender und anspruchsvoller. Die Musik Dostals in ihrer effektvollen Mischung aus modischen Zeittänzen und Exotismusanklängen des 19. Jahrhunderts ist mitreissend kurzweilig. Dostal hat eine schillernde, mit allen Wassern gewaschene Operettenmusik geschrieben. Es gibt temperamentvolle Tänze, martialische Soldaten- und Felachenmärsche, verträumte Liebes¬schnulzen und ausgesprochene Komikernummern. Dostals Musik hat etwas von "Aida" und zugleich von "Aida"–Parodie. Walzer tanzende Pharaonen, moderne Zeitfragen im Tal der Könige: Dostals Operette ist ein Meisterstück witziger Doppeldeutigkeit. Man hätte sich gewünscht, dass diese Doppeldeutigkeit auch szenisch Früchte getragen hätte. Immerhin hat sie der Dirigent aus dem Graben hörbar anvisiert. Stefan Klingele versteht es, Dostals brilliante, ahnspielungsreiche Operettenmusik mit Tempo, Schwung und großem Effekt vollmundig zum Klingen zu bringen. Aber er verharmlost auch die bedenkliche Zackigkeit einiger Nummern nicht, die im Dritten Reich sicher gern gehört wurden und wo dem heutigen Hörer das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Nun lebt Operette von Sängerdarstellern, von Chor, Ballett und mindestens einem tragenden, glamourösen Star. Den hat man nicht in Leipzig, aber Orchester, Chor und Ballett sind mehr als zufriedenstellend. Das Sängerensemble mit Lilli Wünscher als Claudia/Nofretete, Radoslaw Rydlewski als Dr. Hjalmar Eklind bzw. Amar, Rainer Andreas als Totty Tottenham alias Prinz Thotopte und Patrick Rohbeck in der Doppelrolle des Lord Calligan und des Pharao Rhampsinit überzeugt alles in allem. Keine spektakuläre, aber eine runde Ensembleleistung. Die überwiegende Wortverständlichkeit ist schon viel in heutigen Operettenproduktionen, zumal bei einem Werk, das kaum Einer im Publikum je gesehen und gehört haben dürfte. Schon deshalb ist der Besuch diese Operettenausgrabung lohnenswert.

 

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