Parsifal Bayreuth 2016 Laufenberg Haenchen

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Elisabeth Heinemann

Photos Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

 

Religion zwischen Oberammergau & Nahost, Harem und Herrgottswinkel

 

Uwe Eric Laufenberg verhunzt, Hartmut Haenchen rettet den neuen "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen 2016

 

 

Richard Wagners "Weltabschiedswerk" in seiner Mischung aus Mythos und Moderne, Rätselhaftem und Atavistischem, Psychologischem und Quasi-Sakralem, Mittelalter und Fin de siècle übt bis heute einen narkotisierenden Zauber aus, dem sich nur Wenige widersetzen können, trotz allen Unbehagens, das das Werk auch immer auslöst. Jedenfalls bei denen, die sich einen Rest kritischer Distanz ihm gegenüber bewahrt haben, seine Musik nicht als Droge besinnungslos in sich hinein schlürfen oder es, was der größte Fehler ist, als verkappte Religion missverstehen.

 

Bis heute ist das Werk eine der größten Herausforderungen für jeden Regisseur, zu schweigen von den enormen musikalischen und sängerischen Herausforderungen.

 

Regisseur Uwe Eric Laufenberg, der "Lückenbüsser" für den gechassten Aktionskünstler Jonathan Meese, dessen unverhohlenes künstlerisches (per Gerichtsurteil erlaubtes) Kokettieren mit Nazisymbolen von Vielen als nur schwer erträglich empfunden wurde und einen Sturm der Entrüstung auslöste, dessen Auswirkungen bis nach Bayreuth reichten, wurde (dem Applaus des Publikums zum Trotz) nahezu einhellig von der deutschen wie internationalen Presse verrissen. Was den in seiner Eitelkeit gekränkten Regisseur veranlasste, auf der Internetplattform "nachtkritik.de" Kritikern wie Regisseurskollegen eine gepfefferte Gardinenpredigt zu halten, was nicht gerade von Souveränität oder Größe zeugt.

 

Aber auch, was er auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses brachte, entbehrte aller Größe. Die szenografischen Ungereimtheiten und theaterästhetischen Geschmacklosigkeiten Laufenbergs und seiner Mitarbeiter (Ausstattung:Gisbert Jäkel, Kostüme Jessica Karge) haben bei Vielen nur Kopfschütteln, Unverständnis und Entsetzen ausgelöst.

Laufenberg verlegt den Handlungsort des "Parsifal", ins Kriegsgebiet im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, genau gesagt in den Irak. Die Verortung ist eindeutig, denn während der ersten Verwandlungsmusik nimmt ein Video den Zuscher mit auf eine intergalaktische Reise. Auf dem Zwischenvorhang zoomt eine Kamera wie bei Google Earth von der Kirche aus rasant hoch ins All, saust an den Planeten unseres Sonnensystems, ja an der mächtig protuberierenden Sonne vorbei in den Orbit und wieder zurück auf die Erde in jenes gefährdete, einsame christliche Kirchlein. Dessen kuppelgewöbter, säulengetragener Innenraum ist die Einheitsspielfläche Laufenbergs.

Die Kirche hat bereits sichtbare Schäden davongetragen. Flüchtlinge lagern auf Feldbetten. Sie müssen die Kirche allerdings verlassen, wenn die Gralsritter einziehen, um ihre Gralsenthüllung zu zelebrieren. Laufenberg macht daraus ein grausiges Blutritual: Amfortas, nachdem er schon in einer grossen Badeschale seine Wunden wusch, tritt, im Lendenschurz, wie der Gekreuzigte, mit Dornenkrone auf. Man sticht ihm die Seitenwunde auf, sein Blut fließt reichlich. Die Badeschale wird zur blasphemischen Sado-Maso-Bühne. Man fängt Amfortas' Blut in einem Kelch auf, aus dem alle Gralsbrüder beherzt einen Schluck nehmen. In der letzten "Parsifal"-Aufführung der diesjährigen Festspiele, der ich beiwohnte, brach denn auch ein geschockter Zuschauer zusammen ob solch drastischer Geschmacklosigkeit.

Im zweiten Akt sieht man die Kirche in noch zerstörterem Zustand. Dafür sind ihre Wände inzwischen mit arabischen Kacheln geschmückt. Man wähnt sich in einem Harem, in dem Parsifal mit den zu orientalischen Bauchtänzerinnen mutierten Blumenmädchen, die zunächst schwarz verschleiert auftraten wie Nonnen oder Muslima, nekkisch im Wasserbassin planscht.

Der entmannte Klingsor, der bei seinem ersten Auftritt ein Kruzifix vor sich her trägt wie einen Phallus, ist bei Laufenberg ein gefallener Gralsritter, der halbherzig zum Islam konvertierte. Wenn er seinen Gebetsteppich auslegt, weiß er nicht einmal, wo Osten ist. Insgeheim kommt er von seinem alten Glauben nicht los. Er hat Unmengen von Kruzifixen gehortet in einer Art überdimensioniertem Herrgottswinkel, in dem man einer seiner Selbstgeißelungen beiwohnen darf.

Kruzifixe ziehen sich wie Leitmotive durch die ganze Inszenierung. Schon im ersten Akt wird mehrfach ein übergroßer hölzerner Christus vom Kreuz abgenommen, herumgetragen und wieder aufmontiert. Am Ende des zweiten Aktes zerbricht Parsifal den Hl. Speer Klingsors, den er ihm ohne allen Zauber aus der Hand genommen hat und bastelt daraus ein Kreuz. Im dritten Akt trägt er es, als schwer bewaffneter Soldat auftretend, mit buddhistischen Gebetsketten und -Fähnchen umwickelt - Schopenhauer lässt grüssen - durch den Akt. Warum er übrigens in der Begegnung mit Kundry "welthellsichtig" geworden ist, begreift man nicht. Die Begegnung mit dieser nicht im Mindesten zum Objekt erotischer Begierde taugenden Erscheinung, die in unsäglich unvorteilhaftem Glitzerkostüm wie die Inhaberin eines billigen Bordells wirkt und schon aufgrund ihrer Leibesfülle alles andere als verführerisch ist, selbst wenn sie sich in obszöner Aufforderungsgeste über den Tisch legt, ist von offenbar gegenseitigem Desinteresse gekennzeichnet. Man singt halt zusammen ein "Duett", denn geht man ab, sich Umkleiden für den nächsten Auftritt. Von den unsäglichen Kostümen... will ich lieber schweigen.

Im dritten Akt tritt Kundry wie eine alte, humpelnde Bäuerin mit Kopftuch auf, um eine Fusswaschungsszene zu vollführen, wie man sie bei den Oberammergauer Passionsspielen erwartet, bevor beim "allerheiligsten" Karfreitagszauber weibliche Nackedeis vor tropischer Vegetation, die inzwischen in die Kirche eindrang, einen Elfenreigen im strömenden Regen zu vollziehen.

In der Schlußszene beerdigen Muslime, Juden und Christen die Symbole ihrer Religionen, Kruzifixe, Menoras, Devotionalien und allerlei liturgische Gegenstände im Sarg Titurels. Die Religionen haben ausgespielt, will uns Laufenberg sagen. Die apokryphe Schlussformel "Erlösung dem Erlöser " wird als Absage an jede Art von Religion gedeutet. Im Programmheft ist ein Zitat des Dalai Lama abgedruckt: "Ich denke an an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religion hätten". Dabei ging es Wagner in seinem "Parsifal" doch gar nicht um Religion und Christentum, sondern um Eros und Agape, Sexualität und Triebverzicht. Doch davon erzählt Laufenberg leider nichts, gar nichts.

Am Ende ziehen alle Mitwirkenden in feierlicher Prozession einem starken Licht auf der Hinterbühne entgegen, Parsifal trägt inzwischen einen schwarzen Anzug und entschwindet, Choristen treten in heutigem Alltagsoutfit auf. Das Saallicht geht an, man tritt an die Rampe. Aha, das geht uns alle an...

Laufenbergs Inszenierung hat zwar ein ernsthaftes Anliegen, sie ist aber inkonsequent ausgeführt und kommt als verquaste Mischung aus heterogenen Versatzstücken regielicher Einfälle, politischer Aktualisierungen und altbackenem, weihevollem Wagnertheater daher. Die Personenführung entbehrt nahezu aller psychologischen Brisanz, stereotype Operngesten sind erlaubt. Konventionelle Rampengänge und rituelle Chortableaus feiern fröhliche Urstände. Ein enttäuschendes, ärgerliches, um nicht zu sagen strapaziöses Schau-"Vergnügen"

 

Um so beglückter war das Hörvergnügen dieses "Parsifals", denn Hartmut Haenchen, der in letzter Minute für Andris Nelssons einsprang, der wenige Wochen vor der Premiere das Handtuch warf und Bayreuth den Rücken kehrte, weil ihm angeblich, wie zu hören und zu lesen war, Musikdirektor Thielemannn zu viel reinzureden versucht habe, bescherte ein geradezu sensationelles Hörerlebnis.

 

Hartmut Haenchen dirigiert nicht nur unpathetisch, schlank und transparent, er vermeidet alles allzu Weihevolle, was seit Cosimas Zeiten in Bayreuth zur falschen Tradition wurde. Er dirigiert mit großem Atem, fließender "Natürlichkeit", aber auch enormem Klangsinn und immer wieder aufbrausender Emotionalität im Sinne kontrollierter Ekstase, Vor allem aber räumt er gründlich mit verkrusteten Spielkonventionen auf, korrigiert Fehler im heutigen Aufführungsmaterial und bemüht sich um eine"historisch informierte" Wagneraufführungspraxis. Er kennt Wagner und seine Intentionen s genau wie nur Wenige, weil er (bis heute leider eine Seltenheit bei Dirigenten) Wagners Schriften und Aufzeichnungen gelesen hat, aber auch Briefe, Berichte von Wagners Assistenten und Mitarbeitern, vor allem Hermann Levis, des Uraufführungsdirigenten. Auch berücksichtigt er die auf Wagner zurückgehenden Einzeichnungen in der Uraufführungspartitur und in den Orchesterstimmen, um Wagners letztem Willen auf die Spur zu kommen. Haenchen macht sich stark für eine längst überfällige Revision der Wagneraufführungspraxis. Das kann man nur begrüssen. Erfreulicherweise wird er, wie nun bekannt wurde, auch alle "Parsifal"-Aufführen 2017 dirigieren.

 

Leider war das Sängerensemble ausserordentlich durchwachsen. Wie immer war der von Eberhard Friedrich einstudierte Festspielchor hervorragend. Gerd Grochowski sang allerdings einen mulmig konturenlosen Klingsor. Ryan McKinny, der sich offenbar in der Rolle des plakativ exhibitionistischen Schmerzensmanns gefiel, setze vor allem auf Lautstärke. An Ausdruck liess er zu wünschen übrig. Verglichen mit anderen Amfortasinterpreten, die man in Bayreuth hörte, eine Enttäuschung. Klaus Florian Vogt besticht hingegen immer noch und immer wieder vor allem in den lyrischen Passagen mit seinem androgyn-engelhaften hellen Tenor. Grandios ist der balsamisch strömende, markant artikulierende, absolut wortverständliche Bass von Georg Zeppenfeld. Er führt als Gurnemanz beispielhaft vor, was Wagner mit einem "deutschen Belcanto" meinte. Das Gegenteil demonstrierte die russische Sopranistin Elena Pankratova als Kundry mit ihrer primadonnenhaften Zurschaustellung ihres grossartigen Stimmorgans. Doch tut sich die Sopranistin hörbar schwer mit der Gestaltung der Partie und lässt fast alle Ausdrucksvaleurs vermissen, die man bei dieser vielleicht faszinierendsten, sicher aber schillerndsten weiblichen Bühnenfigur Wagners erwarten darf. Und was hat man in Bayreuth für grandiose Kundryinterpretinnen gehört! Mit Nur-Singen kommt man dieser "Höllenrose" nicht bei. Vom Regisseur wurde die Sängerin leider ziemlich allein gelassen.

Fazit: Nach dem exorbitanten "Parsifal" von Stefan Herheim war dieser Laufenbergsche eine grosse Enttäuschung. Immerhin wurde man von Hartmut Haenchens exorbitantem Dirigat entschädigt.