Orpheus in der Unterwelt in Dresdens neuer Staatsoperette

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Stephan Floss

Die Eröffnungspremiere im Kraftwerk Mitte.

Eine vertane Chance der Staatsoperette Dresden

 

Am 17.12. 2016 wurde im Kraftwerk Mitte die neue Spielstätte der Dresdner Staats-operette eröffnet. Die erste Premiere in diesem Haus galt Jacques Offenbach und seinem "Orpheus in der Unterwelt", dem wegweisenden Modell heiter-satirischen Musiktheaters und markiert die Geburt der Mythentravestie. Aber es gibt zwei Fassungen dieses Werks, die sich sehr stark voneinander unterscheiden, genau genommen sogar vier Fassungen, wie der Offenbach-Herausgeber Jean-Christophe Keck uns im Progemmheft wissen lässt. Er hat übrigens gerade auch noch einen grossen Neptun-Ballett-Akt gefunden, der bisher als verschollen galt. Der ist für Dresden allerdings zu aufwendig. Aber im Prinzip gibt es tatsächlich zwei grundverschiedene Versionen des Stücks, eine erste zweiaktige Opéra-bouffon-Fassung aus dem Jahre 1858, das ist eine bissige Satire, und dann eine grosse Opéra Féerie-Fassung aus dem Jahre 1874, eine spektakuläre Ausstattungsrevue in vier Akten. In Dresden spielt man eine Mischfassung aus Beidem. Grundlage der Dresdner ist die zweiaktige Erstfassung, die erweitert wurde um einige Nummern aus der Zweitfassung. Aus der hat man unter anderem einige Ballettnummern entlehnt. Und man hört in Dresden zum ersten Mal nach Offenbachs Tod ein wunderbares Quartett, die Barque à Caron.

 

Nun ist diese Opéra-bouffon ein Stück, das im antiken Mythos das gegenwärtige Verhältnis von Herrschenden und Beherrschten spiegelt und ins Wanken bringt. Da ist die Regie gefordert. Leider schafft Regisseur Arne Böge diesen Spagat nicht, denn er arrangiert nur sehr harmlos und brav an der Handlungsoberfläche des Stücks herum, ohne dem Stück irgendeinen doppelten Boden zu geben. Da nützt auch alles aufgesetzte Kreischen, Lachen und Lustigtun nichts. Einen doppelten Boden braucht das Stück aber, um eine echte Satire zu sein. Das Stück ist nun mal eine Mythentravestie, das heisst, Offenbach spiegelt im antiken Orpheusmythos die Gegenwart des französischen Kaiserreichs seiner Zeit. Damit macht sich Offenbach über die Verlogenheit der bürgerlich-patriarchalisch kapitalistischen Gesellschaft lustig. Und eben daraus bezieht das Stück seinen Witz, sene Sprengkraft und seine Aktualität. Auch jede heutige Inszenierung schreit nach irgend einer Aktualisierung. Die aber lässt Regisseur Arno Böge vollkommen aussen vor. Bis auf eine Anspielung auf das alte und das neue Dresdner Operettenhaus im Couplet des Hans Styx. Aber das ist ein bißchen wenig für so einen langen Abend.

 

Kein Wunder, dass das Stück nicht zündet. Die Inszenierung ist banal. Sie langweilt, denn sie ist sehr konventionell und bieder, sie wagt nichts und verschenkt viele Chancen, am eklatantesten im grandiosen Fliegenduett des zweiten Aktes. Es fehlt an Drive, das Timing ist lahm. Und die Ausstattung der Videokünstler Momme Hjnrichs und Torge Møller, das Team nennt sich fettFilm, tut ein übriges, das Stück zu verharmlosen und zu verblödeln. Da werden im ersten Akt in überdimensionale Bilderrahmen berühmte Gemälde projiziert. Was im antiken Theben spielt, wird mit Caspar David Friedrichs winterlicher Klosterruine dekoriert, dann folgen van Goghs Kornfeld, ein Seerosenbild von Monet, eine Graphik von Andy Warhol. Und so weiter... Für das Götterbild im Olymp fällt den Ausstattern dann ausser Wolken nichts mehr ein. Und im Hintergrund des Unterwelt-Aktes sieht man alpine Bergeshöhen und schliesslich eine Kamerafahrt durch ruinenhafte Raumfluchten. Nicht sonderlich sinnig. Auch die beliebigen Kostüme Uta Heisekes stehen dem Stück eher im Weg, als dass sie es erhellen. Warum sich dann im Schlussbild zum berühmten Cancan plötzlich die Pariser Moulin Rouge dreht, wo doch vorher stundenlang Paris überhaupt keine Rolle spielt in dieser merkwürdig uninspirierten und drögen Inszenierung, das bleibt ebenso fragwürdig und uneinsichtig wie das offene Ende des Stücks, wo man die grandiose Schlusspointe Offenbachs vorenthält, das Umschreiben der Mytholigie nämlich, um Eurydike entgegen dem klassischen Mythos in den Götterhimmel aufnehmen zu können.

 

Leider muss man auch dem Dirigenten Andreas Schüller bescheinigen, nicht gerade Temperament versprüht zu haben. Er dirigiert diese Opéra bouffon recht opernhaft breit, langsam und schwerfällig. Auch musikalisch ist in dieser Produktion nichts von Ironie, von Raffinesse, von Satire zu spüren. Alles Aufmüpfige, Freche, Pfeffrige und Bissige, das ja in dieser Musik ist, wird einem vorenthalten. Es mangeklt an motorischem Überschuß im Orchester! Auch musikalisch ist der Abend lahm und langweilig.

Und was die Sänger angeht, so kann man nicht gerade von einer Sternstunde des Offenbachgesangs sprechen. Im Grunde ist die sängetische Besetzung ein Missverständnis. Alle singen mehr oder weniger Oper, ausgenomnen Hans Styx von Andreas Sauerzapf. Der hat etwas vom Geist Offenbachs verstanden, umzusetzen. Opéra bouffon ist keine Oper. Die ältesten Offenbach-Aufnahnen lassen ja hören, dass es bei Offenbachgesang auf etwas ganz anderes als nur schöne Stimme ankommt. Wenn es denn schöne Stimmen sind. Ich darf daran erinnern, dass der legendäre Theatermann Max Reinhard, gemeinsam mit dem gestrengen Otto Klemperer am Pult - in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts - das Stück ausschlieslich von Schauspielern singen liess. Was sensationell gewesen sein muss. Wie hipp, um mal ein modisches Wort zu verwenden, Operette aber auch heute sein kann, wie anspringend, zeitgemäss und rebellisch unspiessig, das demonstriert ja Barrie Kosky mit dem grössten Erfolg an der Berliner Komischen Oper. Aber diese erste Operettenproduktion der Dresdner Staatsoperette in ihrer prachtvollen, unkonventionellen neuen Spielstätte, im Kraftwerk Mitte ist alles andere der Auftakt einer neuen Operettenära, die sich Mancher wünscht, und zu der diese Spielstätte inspirieren könnte. Trotz allen Fettfilms schnurrt das Räderwerk dieser glänzenden Offenbachiade glanzlos ungeschmiert und holprig ab. Eine herbe Enttäuschung diese erste Premiere in der neuen alten Staatsoperette Dresden.

 

 

Zum Haus:

 

Es war ein Drama in fünf Akten, bis die neue Spielstätte der Staatsoperette Dresden mit Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ eröffnet werden konnte. Jahrzehntelang spielte man im abgelegen Stadtteil Leuben in einem Provisorium. Im Jahre 2001 wurde der Neubau der Staatsoperette politisches Thema, aber schon im nächsten Jahr verkündete der damalige Oberbürgermeister die Schließung der Staatsoperette. Nach Protesten und Resolutionen mit mehr als Einhunderttausend Unterschriften wurde die drohende Schließung abgewendet. Die Stadt erwog zunächst einen Neubau mittels eines Investorenmodells. Doch kein Investor fand sich für eine Operetten-GmbH. Dann überlegte man, ob man das alte Haus sanieren oder gar die Staatsoperette mit dem Staatsschauspiel fusionieren solle. 2011 schließlich verabschiedete der Stadtrat die Ausschreibung für den Ausbau des ehemaligen Kraftwerks Mitte als multifunktionalen Kulturstandort, an dem die Staatsoperette ihre neue Heimat finden könne, aber auch das Theater junge Generation mit seinen drei Sparten Schauspiel, Puppentheater und Theaterakademie, sowie das Heinrich Schütz-Konservatorium. Staatsoperettenintendant Wolfgang Schaller:

 

"Schon in 50er und 60er Jahren wurde darüber gesprochen, dass die Staatsoperette zurück in die Stadt ziehen müsste, es gab ja außer Oper und Schauspiel in Dresden drei Theater, in denen regelmäßig unterhaltendes … Musiktheater gespielt wurde, nämlich das Residenztheater, das Zentraltheater und das Alberttheater. Und dass jetzt diese Idee unserer Vorfahren und unserer jetzigen Theaterleute endlich in die Tat umgesetzt werden kann, ist natürlich wunderbar."

Der Energiestandort wurde also zum neuen „Kulturstandort. Es ist ein gigantischer Industriebau, der im Jahre 1900 als Maschinenhalle für Dampfdynamomaschinen zur Gleichstromerzeugung für den Straßenbahnbetrieb in Betrieb genommen wurde. Er wurde umgebaut zu einem aufregend alten und doch ganz neuen Komplex. Weiße moderne Wandelemente treffen auf denkmalgeschützte Maschinenfundamente aus Backsteinziegeln, über die sich Stahlstützen und Treppenhäuser erheben. Darin das neue Operettentheater mit 700 Plätzen. Der Zuschauerraum ist in Rot und Schwarz gehalten. Es gibt großzügige Foyers. Die Bühne ist mit neuster anspruchsvollster Technik ausgestattet. Und die Finanzierung des Operettenhauses ist zumindest mittelfristig gesichert. Wolfgang Schaller:

 

"Auch im Haushaltsbeschluß für die Jahre 2017 und 2018 ist das abzulesen, und es ist auch der Erhalt des Ensembles in der Personalstärke, wie wir jetzt sind, mit unseren 56 Musikern, 27 Chorsängern, 18 Tänzern und 25 Solistenstellen gesichert durch den Haustarifvertrag. Der beinhaltet ja, dass wir für den Neubau auf erhebliche Verdienst-anteile verzichten, aber andererseits, der Träger, die Landeshauptstadt Dresden auch auf eine Kürzung des Ensembles im Vertragsdeutsch betriebsbedingte Kündigungen verzichtet."

 

Seit 2009 verzichten die Ensemblemitglieder auf 8 Prozent ihres Gehaltes und stellten so 13 Mio. Euro bereit für den Neubau, der insgesamt 100 Millionen kostete. Das Kraftwerk Mitte liegt im Herzen der Stadt, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hochschule für Musik am Wettiner Platz. Chefdramaturg Heiko Cullmann:

 

"Ich hoffe, dass durch den Umzug in die Mitte von Dresden mehr Besucher kommen, die früher den Weg nicht nach Leuben gefunden haben. Der Weg mit der Straßenbahn war doch schon sehr weit. Man brauchte 45 Minuten. Ich denke, dass jetzt auh mehr Touristen kommen, mehr Leute, die hier in den Bezirken selbst wohnen, und vielleicht auch Studenten… "

 

 

 

Beiträge in SWR 2, BR 2, MDR Kultur und DLF