Opernhaus Halle: Siegfried

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Gerd Kiemeyer

Ein Glücksfall: Wagners "Siegfried" in Halle

Andreas Schagers überragende Interpretation der Titelpartie

Gespräch in MDR Figaro: 30.04.2012

 

 

Vorgestern abend hat sich im Opernhaus Halle eines der interessantesten Großprojekte der letzten Jahre einen Schritt weiter gerundet. Der dritte Teil von Richard Wagners "Ring", der seit 2010 in Kooperation mit dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen geschmiedet wird, ist über die Bühne gegangen. Dieter David Scholz war für uns in der "Siegfried"-Premiere.

 

Herr Scholz, mit dem "Siegfried" nähert sich dieses ehrgeizige Unternehmen dem Abschluß. Jeder "Ring" zeigt ja erst im Prozess der fortschreitenden Realisierung auf der Bühne, wie gut das "Konzept" des Regisseurs ist. Wie schneidet denn dieser "Siegfried" im Vergleich mit den "Rheingold" und "Walküre" ab? Rundet sich das Konzept von Hansgünther Heyme?

 

Es fällt vor allem auf, dass Heyme, der ja in den beiden ersten Teilen des "Rings" ein recht politisch orientiertes Regietheater machte, ausgerechnet im "Siegfried" eine Neigung zu einer poetischen, märchenhaften, rein die Handlung erzählenden Lesart an den Tag legt. Das hätte man eigentlich nicht erwartet. Natürlich spielen alle drei Akte wieder vor den schwarzen Zahlenwänden, die man als Börsenkurse oder als Friedhof der Schubladen betrachten mag. Aber Heyme läßt doch über lange Passagen vor einem romantischen Waldprospekt spielen, die Schmiede Mimes wird ganz realistisch gezeigt, mit Amboß, Blasebalg und Metallwerkbank, auch der Auftritt der Erdmutter Erda ist Zaubertheater der alten Art. Ein richtiger Theater-Bär tritt auf. Der Waldvogel schwebt im klassischen Flugapparat auf die Bühne. Dazu viel Feuer, Qualm und Sternenhimmel. Also so verspielt, so traditionell hat sich Heyme weder im "Rheingold", noch in der "Walküre" gezeigt.

 

Nun ist ja "Siegfried" - der Name spricht für sich - eine belastete Figur, eine Figur, die in der deutschen Geistesgeschichte als nationales Heldenidol eine unrühmliche Rolle spielte. Was für einen Siegfried zeigt Hansgünther Heyme?

 

Er zeigt ihn vor allem nicht als germanischen Helden. Heyme hat ja über­haupt alles heldenhafte, teutonisch-germanophile aus seiner Inszenierung verbannt. Zurecht! Er zeigt Siegfried als jugendlichen, unbekümmert kraftvollen Hoffnungsträger einer neuen, antiau-toritären Gesellschaft. Siegfried ist für ihn der neue Mensch einer utopischen Zukunft. Er soll ja schließlich auch die Menschheit vom Fluch des Goldes erlösen. Und damit das Verbrechen Wotans sühnen. Es geht - wenn ich daran erinnern darf - in die­sem "Ring" um den Untergang einer alten und das Heraufdämmern einer neuen Welt. Das war Wagners revolutionäre Auffassung. Der "Siegfried" ist genau die Schnittstelle. Dass die Person Siegfried scheitern und tragisches Opfer einer Intrige wird, die von den Vertretern des alten Systems, mit Shaw zu reden, von den Kapitalisten angezettelt wird, das erfährt man ja erst in der "Götterdämmerung". Aber Heyme gibt in seiner Inszenierung schon ein paar Hinweise. Er läßt nämlich mehrfach traumhafte Mutterwesen auftreten, mal in der Maske der Sieglinde, mal als Vogelmensch, auch weibliche Todesboten treten auf. Und Siegfrieds Tarnhelm ist nichts weniger als ein vergoldeter Totenkopf. Also man darf schon ahnen, dass eine Tragödie ihren Lauf nimmt. Aber wie gesagt, in diesem dritten Teil der Tetralogie zeigt Heyme Siegfried noch ganz als positive, jugendlich strahlende Lichtgestalt voller Kraft und Sympathie

 

War dieser Siegfried denn auch als Sänger so eine jugendlich strahlende Erscheinung. Wagnersche Heldentenöre sehen ja meist anders aus. Und einen überzeugenden Siegfried-Interpreten zu finden, fällt ja selbst Bühnen wie Bayreuth nicht gerade leicht heutzutage.

 

In dieser Hallenser Produktion - und darauf dürfen sich auch die Ludwigshafener freuen - wohnt man dem Debüt eines "Siegfried-Sängers" bei, das als großer Glücksfall bezeichnet werden darf. Es ist der wohl gegenwärtig attraktivste, jugendlich-sportivste und stimmlich strahlendste, unange­strengteste Siegfried-Tenor. Andreas Schlager heißt der noch recht junge Sänger, der auf dem Sprung ist, einer der wohl zukunftsträchtigsten Wagnertenöre zu werden. Eine enorme Begabung! Ihn singen zu hören, ihn spielen zu sehen ist ein Vergnügen jenseits aller Klischees vom dicken Heldentor. Dagegen ist die Brünnhilde von Lisa Livingston bei aller Stimm- und Körperfülle doch eher eine konventionelle Erscheinung. Aber auch alle übrigen Partien sind hervorragend besetzt, der Mime von Ralph Ertel ist wie Siegfried ein Muster an Sprachverständlichkeit und Witz, wiederum - wie schon in den beiden vorangehenden Teilen, Gérard Kim ein ganz fabelhafter Wotan bzw. Wanderer. Auch Gerd Vogel beeindruckt wieder als Alberich. Aber auch Fafner, Erda und Waldvogel sind exzellent besetzt. Insgesamt ein Ensemble, das sich auch auf großen Wagnerbühnen behaupten könnte.

Ein Wort noch zum Dirigenten und zum Orchester, die ja auch nicht ganz unwichtig sind beim "Siegfried". Haben Karl-Heinz Steffens und die Staatskapelle Halle das Niveau, das sie in "Rheingold" und "Walküre" bewiesen haben, halten können?

Obwohl das Orchester vorgestern abend nicht ganz so gut in Form war, auch etwas unkonzentrierter schien, als bei den ersten beiden Teilen dieses "Rings", obwohl es etwas an Spannung mangelte und die Tempi etwas langsam waren, was den Abend sehr lang werden ließ, fünfeinhalb Stunden, muß man doch sagen, dass Karl-Heinz Steffens und die Staatskapelle Halle - trotz der genannten Einwände - einen sehr klangprächtigen und an Orchesterfarben reichen, einen sehr eindrucksvollen "Siegfried" auf die Beine gestellt haben. Alle Achtung für so ein Haus. Insgesamt ein ganz großer Abend. Das Publikum war außer sich vor Begeisterung. Der Applaus wollte gar kein Ende nehmen.