Offenbachs König Karotte in Hannover

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Jörg Landsberg

Vom Publikum frenetisch gefeierte Dt. EA der Opéra bouffe-féerie „König Karotte“ von Jacques Offenbach in der Staatsoper Hannover

 

Fast 150 Jahre nach der Uraufführung kam am 4.11.2018 (etwas gekürzt) Jacques Offenbachs große Polit-Satire „Le Roi Carotte“ an der Staatsoper Hannover zur deutschen Erstaufführung in ihrer originalen vieraktigen Fassung, die erst seit 2015 existiert. Das Werk erlebte bei der Uraufführung 1872 in Paris einen Sensationserfolg mit fast 200 Vorstellung en suite in nicht einmal einem Jahr und feierte anschließend Triumphe in Wien, Lon-don und New York. Nach dem sensationellen Erfolg der Wiederentdeckung des Werkes 2015/16 in Lyon (zuvor gab es lediglich einige unvollständige, willkürlich bearbeitete Fassungen des Stücks zu sehen) läutet nun die Staatsoper Hannover mit „König Karotte“ , ins Deutsche übersetzt von Jean Abel das Offenbach-Jahr 2019 in Deutschland ein. Die koprodu-zierende Wiener Volksoper übernimmt in der Spielzeit 2018/19.

 

 

Opéra bouffe-féerie nennt Jacques Offenbach seinen „Roi Carotte“, der in Hannover in deutscher Übersetzung von Jean Abel als „König Karotte“ auf die Bühne kommt. Mit ihrer Opéra-bouffe-féerie schufen Offenbach und sein kongenialer Librettist Victorien Sardou (der auch für Puccinis „Tosca“ das Libretto schrieb), ein neues Genre. Es fusionierte den Prunk der französischen Zauberoper mit dem scharfen Witz der Offenbachiade zu einem hinreißenden Lehrstück über Macht, Korruption und Liebe. Frank Harders vom Verlag Boosey & Hawkes, der 2015 die erste komplette originale Fassung des Stücks herstellte, erinnert daran, dass das Stück aus jener Zeit nach dem Deutsch-Fanzösischen Krieg 1870/71 stammt, in der Offenbach …

„ … am Théâtre de la Gâité gearbeitet hat, in der er seine eigenen Offen-bachiaden zu Opéras féeries umgearbeitet hat, große Ausstattungsschlach-ten, organisiert hat mit hunderten von Kostümen. Es war ja immerhin tota-les Theater vor der Erfindung von Film und Fernsehen. Und ein großes Spektakel, was ein spektakelsüchtiges Publikum befriedigt hat.“

 

Dass dieses Meisterwerk, eines der aufwendigsten und facettenreichsten Stücke Offenbachs, so einen epochalen Erfolg hatte, liegt natürlich auch an der Handlung: Es spielt im fiktiven Königreich Krokodyne, in dem es He-xen und Zauberer gibt, einen königlichen Schwarzmagier und einem kor-rupten Polizeichef. Prinz Fridolin ist der Regent des Landes : durch und durch verwöhnt, vergnügungssüchtig und verschwenderisch. Der gute Geist Robin hat sich in den Kopf gesetzt, Fridolin zum Wohle seines Landes auf den Pfad der Tugend zu bringen. Unverhofft bekommt er Hilfe von der Hexe Kalebasse, die den Prinzen stürzen will. Mitglieder des königlichen Gemüsebeets übernehmen die Macht: König Karotte und sein Gefolge aus Radieschen, Rübchen und Roten Beten. Eine Zeit der Prü-fungen und Erfahrungen soll Fridolin Maß und Demut lehren, um ihn zu einem guten, aufgeklärten Herrscher zu formen. Fridolin reist durch fan-tastische Welten: Zum Zauberer Quiribibi, der ihn auf die Suche nach dem magischen Ring des Salomon schickt. In einen sozialistisch anmutenden Arbeiterstaat der Ameisen und zur Frühlingsfeier der Insekten (dieses aufwendige Bild wurde in Hannover gestrichen), ins antike Pompeji (samt Vulkanausbruch) und zurück. Die Eisenbahn macht´s möglich (mal abgesehen von Zauberei). Eine augenzwinkernde Reverenz an die technischen Innovationen jener Zeit, die Offenbach mit einem Eisenbahnrondo gewitzt musikalisch in Szene setzt.

 

Am Ende des vieraktigen Stücks steht eine Revolution. Das Volk erhebt sich, treibt die Gemüse-Geister wieder unter die Erde und setzt den weiser gewordenen Fridolin wieder in seine alten Rechte ein. Ein sensationell politisches Stück. Mit ihm hat Offenbach – es entstand 1869 - dem Zweiten Kaiserreich einen gnadenlosen Spiegel vorgehalten, es ist ein Schlüssel-stück über Pariser Verhältnisse. Das Diplomaten-Couplet des dritten Aktes lässt keinen Zweifel. Aber „König Karotte“ ist nicht nur eines der gewag-testen, es ist auch eines der aufwendigsten und facettenreichsten Werke Offenbachs. Frank Harders ist angesichts dieser Deutschen Erstaufführung nur beizupflichten: „Im Zusammenhang mit dem 200. Geburtstag im nächsten Jahr wird man sich vielleicht die Mühe geben, den Beitrag Offen-bachs zum Musiktheater des 19. Jahrhunderts neu zu überdenken.“

 

Tatsächlich hat kein anderes Werk Offenbachs seine Feinde und Freunde zu so hitzigen Kontroversen animiert. 1870 sollte Premiere sein. Aber Revo-lution und Königssturz fanden nicht auf der Bühne, sondern in der Wirk-lichkeit des Deutsch Französischen Krieges statt. Als « Le Roi carotte » nach dem Krieg auf die Bühne kam, war es nichts weniger als ein Stück mit unmittelbarer politischer Vergangenheit und Zukunftsspekulationen. Witzig, bissig und brisant wirkt der von Jean Abel ins Deutsche übersetzte Text Sardous auch heute noch, gesättigt mit literarischen und politischen Anspielungen, die beinahe gegenwärtig erscheinen.

 

„ Alle Minister, alle Figuren sind irgendwelche Kommentare zu Personen, die es damals gab. Und das fällt im Grunde alles weg. Ich muss ja immer denken, der Zuschauer hat sich gar nicht mit Offenbach beschäftigt, das heißt, ich muss die Essenz rausholen, so dass man Offenbach nicht verrät mit seiner politischen Satire, aber trotzdem den Schritt ins Heute schaffen kann.“ Regisseur Matthias Davids schafft es ohne Aktualisierung, die nahe läge:

 

„ Ich hab´s nicht gemacht, weil die Politik sich an Aktualität immer wieder selbst überholt. Wenn ich, ich sag jetzt Mal ein nahe liegendes Beispiel, Trump als Karotte verstehen würde, wäre das langweilig, denn Trump kann man nicht toppen auf der Bühne, weil er sich selber jeden Tag toppt. Das Stück ist ja doch allgemeingültig. Man kann einfach sagen, die Leute, die Macht wollen, bekommen sie und werden ihre Macht auch missbrauc-hen. Und immer wenn man denkt, der neue Machthaber macht es besser, wird es im Zweifelsfall schlimmer werden.

 

Matthias Davids setzt in seiner die phantastische Handlung in flottem Tempo virtuos und szenisch einfallsreich erzählenden Inszenierung auf Comedy-, Revue- und Slapstick-Anspielungen. Es entsteht eine Parabel voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Dass er allerdings Karotte am Ende entkommen lässt, bleibt fragwürdig! Offenbach war da gnadenloser. Mathias Fischer-Dieskau hat ihm dazu eine verwandlungs-fähige Bühne gebaut, auf der sich simple, aber spektakuläre Bühnen- und Requisiteneffekte zaubern lassen. Man befindet sich im Theater auf dem Theater, Wolkenprojektionen, he-ranfahrende Schlosskulissen, das antike Pompei entsteht aus Ruinen, Gar-tengemüse wird lebendig. Susanne Hubrich hat ein wahres Füllhorn an kostümlicher Phantasie ausgeschüttet, von der Antike bis zur Offenbach-zeit. Der Chor und der Bewegungschor der Staatsoper Hannover tanzen dank der Choreografin Kati Farkas bewundernswert. Eine außergewöhn-liche Leistung angesichts der rhythmisch abwechslungsreichen Musik Offenbachs. Keine leichte Aufgabe, sie zu animieren. Beim neuen ersten Kapellmeister des Hauses, dem Finnen Valterri Rauhalammi ist sie in besten Händen.

 

„Es gibt große Dialoge, was an Operette erinnert, aber es gibt auch zwei lange opernhafte Finali von musikalischem Gewicht! Dieses Werk setzt sich aus Elementen ganz unterschiedlicher Gattungen zusammen. Große Theatermusik!“.

 

Mit Verve, Esprit, Tempo und Temperament brennt Valterri Rauhalammi ein musikalisches Feuerwerk ab, das auch dank des alles in allem hervor-ragenden, riesigen Sängeraufgebots (herausragend Eric Laporte-Fridolin, Mareike Morr-Robin, Athanasia Zöhrer-Rosé-Du-Soir, Stella Motina-Prinzessin Kunigunde, Sung-Keun Park-König KarotteKalebasse/Quiribiri-Daniel Drewes en travestie) das Premierenpublikum (das jede Musiknnum-mer heftig beklatschte) am Ende der Vorstellung zu wahren Begeisterungs-stürmen hingerissen hat. Ein großer Abend für die Staatsoper Hannover, ein großer Abend für Jacques Offenbach.

 

 

Beitrag u.a. auch fürs Musikjournal / Deutschlandfunk 5.11.2018