Offenbachs Blaubart, Herheim, Komische Oper

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Iko Freese / drama-berlin.de

 

„Blaubart“ als langatmige Vanitas-Revue

Stefan Herheim wagt an der Komischen Oper Berlin den Vergleich mit Felsensteins Steilvorlage

 

 

Ein zwergenhafter, verkrüppelter Amor mit gefiederten Flügelchen (Cupido) und Gevatter Tod im schwarzen Mantel ziehen einen Theaterkarren auf die leere Bühne der Komischen Oper. Auf ihm steht „Varieté Vanitas“. Er wird nach langen Diskussionen über Liebe und Tod schließlich geöffnet zur Guckastenbühne für die Schäferszeneszene mit Fleurette und Daphnis, dreht sich mehrfach im Kreise, wird zur Barockbühne und weitet sich schließlich im Laufe des Abends immer mehr zu raumfüllend anspielungshaftem Theater über männlichen Wahn und weibliche Lust, Kunst und Realität. Die Kostüme von Esther Bialas spannen einen Bogen von Mittelalter über Renaissance und Offenbachzeit bis heute.

 

Skelette und Totenschädel mahnen permanent an die Vergänglichkeit alles Seins. Liebesgott und Sensenmann zitieren entsprechende Stellen aus Goethes Faust und Shakespeares „Hamlet“. Auch barocke Gedichte von der Eitelkeit des menschlichen Lebens und der Hinfälligkeit alles Seins fehlen nicht. Wer ist stärker, die Liebe oder der Tod? Das Offenbach-Stück soll´s zeigen, obwohl sich die beiden Repräsentanten der Über- wie der Unterwelt auch gehörig über alles fragwürdige „Tralala der Operette“ lustig machen. Dabei liefert Herheim doch selbst nur eine seichte, frivole Mischung aus Gruselkomödie und Klamotte. Gelegentlich wird sie allzu frivol, beispielsweise bei der Erweckung der scheinbar getöteten Boulotte mit einem leuchtenden Bananen-Dildo, der ihr zwischen die Beine gesteckt wird.

 

Zum ersten Mal seit Walter Felsensteins legendärer Inszenierung wird der Offenbachsche „Baubart“ an der Komischen Oper Berlin wieder gegeben. Lange war die (neben „Anatevka“ aufführungsstärkste und gefeiertste Felsenstein-Produktion aus dem Jahre 1962, die erst 1992 abgesetzt wurde, eine Steilvorlage, an die sich keiner heranwagte.

 

Stefan Herheim inszeniert daher (sich von Felsenstein absetzend, ihm aber auch durch Kostümzitate des Titelhelden wie König Bobèches huldigend) eine nekkisch sexualisierte Vanitas-Revue, in der Eros und Thanatos sich einen Wettstreit liefern, in der männliche Sexprotze, Maulhelden und Angeber, vor allem aber die Institution Ehe in Frage gestellt und mit viel Travestie, Klamauk und Frivolität ein kunterbuntes Offenbach-Pasticcio gespielt wird. Musikalische An-leihen aus diversen Offenbachwerken sind eingestreut, aber auch Wagner-, Verdi- und andere Komponistenzitate kommen nicht zu kurz. Sogar ein Stück der DDR-Hymne ist zu hören. Die kritische Edition Kecks, die man laut Programmheft spielt, ist kaum wiederzuerkennen. Manche Nummer fehlt, dafür gibt es von Clemens Finck hinzu komponierte Musik.

 

Die nicht gerade zimperlichen, heutig aufgemotzten Dialoge über den Abriss des Palastes der Republik der ehemaligen DDR und den Wiederaufbau des alten Berliner Schlosses (der Schlüterhof samt Kuppel ersteht in dieser Inszenierung neu, was technisch nicht so recht funktionieren will ), ermüden eher, als dass sie vom Hocker reißen. Bei allem Einfallsreichtum des Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach, bei aller theatralischen Virtuosität und Ausstattungspracht des Herheimschen Zaubertheaters zündet die Aufführung nicht wirklich.

 

Immerhin sind einige sängerische Leistungen im großen Ensemble beachtlich. Um nur einige zu nennen: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist ein vorzüglicher Blaubart wie aus dem Bilderbuch, Philip Meier ein nobler Graf Oscar, Vera-Lotte Böcker ein entzückendes Zwitschervögelchen von Fleurette, Peter Renz als Bobèche eine veritable Kopie der Felsenstein-Vorlage , Sarah Ferede eine für meinen Geschmack zu opernhafte Boulotte , Tom Eric Lee versieht den Alchimisten und „Frauenmörder“ Popolani mit etwas zu klischeehafter Italianità.

 

Stefan Soltesz am Pult tut zwar sein Bestes, um dieser Offenbachiade Leben einzuhauchen, doch die Produktion ist zu kopflastig, zu geschwätzig, zu langatmig in ihrer eher melancholischen als angriffslustig- frechen Gangart. Mit Wehmut denkt man an die gesellschaftskritische Stoßkraft, die der Felsensteinproduktion trotz aller möglichen Einwände eigen war! Am eindrucksvollsten an diesem langen, enttäuschenden Herheim-Abend sind der großartige, anrührend groteske Cupido von Rüdiger Frank und der deftige Sensenmann von Wolfgang Häntsch, sie wurden vom Publikum denn auch am meisten gefeiert, obwohl sie mit dem Stück an sich nichts zu tun haben.

 

 

Rezension auch in "Orpheus"