Nachruf auf eine grandiose Elektra in Cottbus

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Marlies Kross

 

Grandiose „Elektra“ am Staatstheater Cottbus

Eine Dernieren-Würdigung

 

Am 3. Juni 2017 ging die letzte Aufführung einer Strauss´schen „Elektra“ über die Bühne des schönen Jugendstiltheaters von Cottbus, die 2015 neu herausgekommen war. Damals wagte sich das Cottbuser Theater zum ersten Mal an das gewaltige Stück mit seinen enormen Herausforderungen. GMD Evan Christ dirigierte, Martin Schüler inszenierte. Bühnenbildnerin Gundula Martin hatte über den verdeckten Orchestergraben bis nahe ans Publikum heran ein verkommenes Badehaus gebaut als Ort, an dem einst Agamemnon getötet wurde. Die fünf Mägde beginnen schon vor Beginn des Stücks Wanne, Waschbecken und Boden vom vergossenen königlichen Blut zu reinigen. Dann tritt eine verwilderte Frau auf wie eine Furie und wirft Beutel voller Blut, um den alten Zustand wieder herzustellen. Sie will nicht vergessen, was geschah. Es ist Elektra, die Tochter ihres vor 20 Jahren in diesem Bad getöteten Vaters. Ihre Mutter Klytämnestra und deren neuer Mann Aegisth waren die Mörder.

Täglich hält Elektra Zwiesprache mit dem Agamemnon, getrieben von Rachegedanken. Ihr trauriges, erniedrigtes Leben hat nur einen Sinn: Anwarten auf die Rückkehr des Bruders Orest, den Klytemnästra am Tag des Mordens, er war noch ein Kind, aus dem Haus verbannte. Als Erwachsener kehrt er endlich zurück und vollbringt die Rachetat. Damit hat Elektras Lenben keinen Sinn mehr. In der Partitur bricht sie am Ende eines Freudentanzes nach der Ermordung Klytemnästras und Aegisths zusammen. Doch Hausherr und Regisseur Martin Schüler lässt sie in jener Badewanne, in der einst Agamemnon gemordet wurde, an einem Herzinfarkt sterben. Ein Kreis schließt sich. Ein sinniger Einfall, so sinnig und überzeugend wie die ganze Inszenierung, die das Stück in einer Direktheit und Intimität veranschaulicht, wie nur wenige der vielen „Elektra“- Aufführungen, die ich in den letzten vierzig Jahren sah. Und ich sah die „bedeutendsten“ Aufführungen in Europa. Ein „Provinz“-Wunder!

 

Dieses Cottbuser Wunder verdankt sich aber nicht nur der psychologisch einleuchtenden, auf alle Kommentare und Mätzchen verzichtenden Regie und ihrer subtilen Personen-führung, sonder auch dem höchst expressiven wie subtilen, ganz erstaunlichen Dirigat des jungen GMDs Evan Christ. Seine Realisierung der schwierigen Partitur auf der Grenzen der Spätromantik und deren Tonalität zur atonalen Moderne keinen Wunsch offenließ.

 

Das Heranholen der Sänger bis an die Rampe, quasi auf Tuchfühlung mit dem Publikum und die Platzierung der Musiker in der von Strauss autorisierten reduzierten Besetzung mit immer noch 85 Musikern inklusive vollem Blechbläserensemble im Hintergrund der Bühne war eine kluge Entscheidung und hat sich als akustischer Glücksfall für Sänger wie Orchesterklang erwiesen.

 

Vor allem ist das Wunder dieser Aufführung einem Sängerensemble zu verdanken, mit dem sich nicht nur alle 10 Nebenpartien, sonder auch alle 5 Hauptpartien exzellent besetzen ließen. An erster Stelle Gesine Forberger als in Spiel und Stimme höchst beeindruckender Elektra. Eine wahre Heroine. Eine Stimme wie Stahl, mühelos in den Spitzentönen und doch auch warmer, leiser Töne und Phrasen fähig. Und immer wortver-ständlich! Das Publikum feierte sie in ihrer letzten „Elektra“-Vorstellung mit Standing Ovations. Auch Susanne Serfling als Elektras lyrische, lebensbejahende Schwester Chrysothemis war sensationell. Ein großer, schöner, ausdrucksvoller, warmer Sopran. Imposant auch die Klytämnestra der Karen van der Walt. Nicht oft hört man eine in allen Lagen so stimmmächtige Klytemnästra. Die Partie ihres Mannes Aegisth hat Jens Klaus Wilde als grandios ironisierte, beinahe slapstickhafte Charakterstudie angelegt. Der Bassbariton Andreas Jäpel beeindruckte mit seinem großen, warm timbrierten, kraftvoll virilen, technisch makellos geführten Orest. Auch dieser Sänger ist ein Glücksfall für das Haus. Tadellos auch der von Christian Möbius einstudierte Chor. Nicht zu vergessen der Maestro suggeritore, der in der ersten Reihe des Zuschauerraums platzierte Frank Bernard, der dem mit dem Rücken zu den Sängern dirigierenden Evan Christ verdienstvoll und präzise zuarbeitete.

Manchmal ereignen sich die überwältigendsten, bewegendsten Opernaufführungen eben in der sogenannten Provinz! Eine Aufführung, die ich nie vergessen werde. Danke und Chapeau!