Mathis der Maler in Dresden 2016

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Jochen Quast

 

Kunststück

 

Paul Hindemiths "Mathis der Maler" an der Semperoper Dresden.

Premiere 1. Mai 2016

 

70 Jahre nach der deutschen Erstaufführung in Stuttgart, die Uraufführung fand 1938 in Zürich statt, kam das opus summum des von den Nazis verbotenen Komponisten Paul Hindemith endlich auch in Dresden auf die Bühne, nachdem der erste Anlauf in den Fünfzigerjahren - den Hochzeiten des Kalten Kriegs - wegen politischer Unstimmigkeiten nicht gelang.

 

"Mathis der Maler" ist ein tiefgründiges Werk geistig-künstlerischer Auseinandersetzung mit deutscher Kunst- und Geistesgeschichte, ein todernstes Künstler-Drama, das mit dem Rückzug der Titelfigur aus allen politischen Aktivitäten endet. Doch die Oper nur als Resignation eines von den Nationalsozialisten vertriebenen Komponisten zu verstehen, würde zu kurz greifen. Die Oper ist auch eine Parabel über den Künstler in Zeiten der Bedrängnis, eine Stück über Sinn und Fragwürdigkeit aller Kunst sowie über Fragen persönlicher Verantwortung des Künstlers, über Obrigkeitsdenken und Gehorsam, Verweigerung und Anpassung.

 

Im Mittelpunkt der Oper steht das Leben des Malers Matthias Grünewald zur Zeit der Refor-mation und der Bauernkriege. Inspiriert zu diesem Werk wurde Hindemith durch die Bilder des Isenheimer Altars, mit denen er sich bereits vor der Ausarbeitung der Oper in der Symphonie Mathis der Maler auseinandersetzte, die Wilhelm Furtwängler 1934 in Berlin uraufführte, was, zum berühmten "Fall Hindemith" führte, zum Aufführungsboykott der Werke Hindemiths und zu Furtwänglers Rücktritt von allen seinen Ämtern.

 

Doch die Entstehungsgeschichte interessiert Regisseur Jochen Biganzoli in seiner Inszenerung kaum. Nur eine Anspielung gestattet er sich. Zu Beginn steigt eine nackte Dame, die "Muse des Mathis" in eine überschäumende Badewanne. Man muss wissen, dass in Hindemiths Opern-scherz "Neues vom Tage", eines seiner satirischen Zeitstücke der zwanziger Jahre, in dessen Aufführung sich eines Tages Adolf Hitler verirrte, eine nackte Dame in der Badewanne den nachmaligen „Führer des deutschen Reichs“ so empörte, dass er von da an den Stab über diesen Komponisten brach.

Ansonsten geht es Biganzoli in seiner strengen, ja puristischen Inszenierung ausschliesslich um die Kunst, um politische Vereinnahmung und Instrumentalisierung von Kunst. Andrea Wilkens hat ihm dafür einen modernen "Denkraum" gebaut, in dem moderne Menschen auftreten (Kostüme Heike Neugebauer) und nacheinander Schlüsselwerke moderner Kunst zu sehen sind, etwa Popart von Roy Lichtenstein, Ernst Ludwig Kirchners Selbstporträt als Soldat oder eines der Seerosentücke von Claude Monet. Auf die Zwischenvorhänge werden program-matische Zitate von Exponenten künstlerischer Avantgarde projiziert. Und doch ist diese szenische Auseinandersetzung um Fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst kein trockener Theaterdiskurs, kein kopflastiges Bekenntnis- oder Lehrtheater. Biganzoli gelingt im wahrsten Sinne des Wortes das Kunststück, den sieben Bildern der langen, ungekürzten Oper aus der Sicht von heute zu sinnlichem Theater zu verhelfen, mit vielen aktualisierenden Anspielungen und bei weitgehender Ausklammerung der Grünewald-Zeit. Der Isenheimer Altar wird erst spät, im 5. Bild gezeigt. Biganzolis Inszenierung stellt die Oper über Kunst selbst als optisches Kunstwerk aus.

Es ist suggestives, mit Licht und Farbe zauberndes Theater, das Biganzoli entfaltet. Er wartet mit teilweise frappierenden szenischen Einfällen auf, etwa im vierten (Schlacht-) Bild, in dem das Bundesheer die rebellierenden Bauern von der Beleuchterbrücke aus mit rotem Glimmerkonfettibeschuss bei Suchscheinwerferballett niedermäht.

 

Die Aufführung hat aber auch musikalisch ihre Meriten. Simone Young, die schon zum Amtsantritt ihrer Hamburger Intendanz bereits mit "Mathis der Maler" für Aufsehen sorgte, trägt mit ihrem energischen Dirigat dem kraftvollen musikalischen Erneuerungsgeist Hindemiths Rechnung, der in strengem Klassizismus die musikalische Moderne mit der Formentradition der europäischen Musikgeschichte vom Gregorianischen Choral bis zum Wagnerschen Musikdrama verband. Die sängerische Besetzung ist exquisit. Aus dem großen Ensemble ragt vor allem der Bassbariton Markus Marquardt heraus, ein souveräner Sänger-darsteller, der der Titelpartie eindringliches Profil verleiht. Aber auch John Daszak als Kardinal Albrecht von Brandenburg, Matthias Henneberg als Domdechant Lorenz und Michael Eder als lutherischer Bürger Riedinger überzeugen in der Männerriege. Annemarie Kremer als Ursula, Emily Dorn als Regina und Christa Mayer als Gräfin Helfenstein verkörpern eindrucksvoll das Damentrio dieser selten gespielten Oper, die in der Dresdner Erstaufführung das Vorurteil widerlegt, dröge zu sein.

 

Beitrag auch in Freie Presse Chemnitz