Les Contes d´Hoffmann Kosky Komische Oper

Bestürzende Offenbach-Verhackstückung

 

Les Contes d'Hoffmann von Barrie Kosky inszeniert an der Komischen Oper Berlin

Premiere 2. Oktober 2015

 

Es ist hinlänglich bekannt, daß Jacques Offenbach über der Komposition seines "Weltabschiedswerks" verstarb, daß es keine endgültige Fassung letzter Hand gibt und daß jede Neuinszenierung der "Contes d'Hoffmann" die Entscheidung zu treffen hat, was für eine der mehreren möglichen Fassungen gespielt werden soll. Was aber nicht heißt, daß die Partitur zum Ausweiden und Bearbeiten, ja Neuzu-sammensetzen nach Belieben freigegeben ist. Barrie Kosky, der im Programmhefte seiner Neuinszenierung freimütig bekennt, er finde die Figur des Hoffmann unsympathisch und habe so seine Schwierigkeiten mit der Realisierung des Phantastischen, auch mit der Figur der Muse habe er Probleme (warum inszeniert er dann das Stück?), hat sich die Opéra fantastique kurzerhand so zurechtgelegt, daß sie für ihn kompatibel ist. Das Egebnis ist eine "Verhackstückung", wo nicht Exekution des Stücks. Das Paradebeispiel einer Inszenierung, bei der man sich einmal mehr fragt: Wie weit darf ein Regisseur eigentlich eingreifen in die dramaturgische und musikalische Struktur eines Kunstwerks?

 

Kosky scheint allen Respekt gegenüber dem Werk über Bord geworfen zu haben. Nicht nur, daß er wesentliche Musiknummern der Oper streicht, er betrügt das Opernpublikum nicht zuletzt um die Künstlerdimension des Stücks und um das ergreifende Finale der Oper, eine der tröstendsten Botschaften, die die romantische Oper für alle vom Leben und von der Liebe Enttäuschten breit hält. Daß Offenbach dieses Ende wollte, dürfte angesichts der Erkenntnisse der inzwischen vorliegenden Edition Keck außer Frage stehen.

Kosky stutzt das Stück über den Trinker, der von seinen drei unglücklichen Amouren erzählt, zurecht auf den selbstzerstörenden Alptraum eines Kopferotikers. Er läßt nach Gutdünken zwischen den französisch gesungenen Musiknummern deutsche Passagen aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Don Juan" rezitieren (Uwe Schönberg als Hoffmann I macht das grandios, wenn auch zeitweise zu arg tuntigem Jiddeln, Nuscheln und Outrieren angehalten) und Musik aus Mozarts "Don Giovanni" spielen und singen. Man fragt sich immer wieder in dieser Inszenierung, ob man im richtigen Stück ist. Nicht wenige Zuschauer dürften, wenn sie nicht ausgewiesene Kenner des Stücks sind, die Orientierung verlieren.

 

Koskys Mißtrauen dem Stück gegenüber ist derart groß, daß er es einschließlich der Frauenfiguren lediglich als halluzinatorische Ausgeburt eines Säufer zeigen kann, als kranke Projektion männlicher (wie er betont: heterosexueller) Phantasien, Ängste und Obsessionen, als ein Stück über tödlich endenden Identitätsverlust. Kosky zeigt auf permanent sich hebender, kippender und senkender quadratischer Spielfläche eine Groteske, eine szenische Paraphrase über "Hoffmanns Erzählungen", aber nicht die eigentliche Oper von Offenbach. Zugeben, manche Szenen sind handwerklich brilliant einstudiert, vor allem der Olympia-Akt verblüfft. Eine Olympia als Mischung aus Drehorgel, Schrank und Puppentheater hat man noch nie zur gesehen. Doch warum schon wieder Männer in Frauenkleidern? Der Männerchor als Tuntenballett. Warum? Natürlich, das alles sollen Kopfgeburten Hoffmanns sein. War Hoffmann verklemmt schwul? Woher will der Regisseur das wissen? Im Libretto steht nichts davon. Nahezu jede Inszenierung von Hausherr Kosky gefällt sich inzwischen als verkappte Travestieshow. Es ermüdet allmählich.

 

Daß Kosky auf den Berliner Weinkeller wie auf Venedig verzichtet, kann man verschmerzen. Er zeigt schließlich das Finalstadium eines Alkoholikers. Trostlos der Anfang wie das Ende. Der Dichter Hoffmann sitzt einsam inmitten von Flaschen und rezitiert aus Hoffmanns "Don Juan"-Novelle. "Don Giovanni" wird zum roten Faden im Labyrinth dieser Produktion. Noch am Ende der Oper krächzt Hoffmann I aus dem Sarg heraus "laci darem la mano" aus Mozarts "Don Giovanni". Kosky spielt in seiner Inszenierung mit der Idee des romantischen Doppelgängermotivs, schön und gut, doch sein Konzept, Hoffmannn gleich in dreifacher Gestalt zu zeigen, bringt nichts. Es gibt ihn als Sprecher und aufgespalten in zwei Gesangspartien. In den beiden ersten Akten singt Dominik Köninger (Hoffmann II) zum ersten Mal die ursprünglich von Offenbach so vorgesehene Baritonfassung. Der Tenor Edgars Montvidas übernimmt dann als Hoffmann III im letzten Akt. Eine ganz und gar unnötige Aufspaltung der Figur, die nicht überzeugt. Auch die Figur des Teufelsgeigers wird immer wieder bemüht. Wer spielt nicht alles Geige in dieser Inszenierung der Verdoppelungen und Übertreibungen. Und es darf chargiert werden, daß sich die Bühnenbalken biegen.

 

Musikalisch hat der Abend allerdings seine Qualitäten. Stefan Blunier dirigiert einen saft- und kraftvollen Offenbach, er nimmt den grandiosen Musikdramatiker und Romantiker ernst, viel ernster als der Regisseur. Aber auch sängerisch ragt die Aufführung erfreulich weit über andere Produktionen der Komischen Oper heraus. Nicole Chevalier singt alle drei Partien der unglücklich geliebten Frauen mehr als überzeugend. Ihre Olympia im Schrank, gelingt durch bloße Gesichtsmimik zum Ereignis. Auch der Mezzosopran von Karolina Gumos als Muse betört, was um so bedauerlicher ist, als Kosky die Partie so zusammengestrichen hat, dass die Figur überflüssig erscheint. Dmitry Ivashenko gibt die Bösewichte mit ausdrucksvollem, schwarzem Bass. Der unverwüstliche Spiel- und Chraktertenor Peter Renz brilliert einmal mehr in den drei skurrilen Dienerpartien. Doch daß auch er überwiegend als tuntiges Mädchen auftreten muß, gereicht ihm nicht wirklich zum Vorteil. Manchmal wäre weniger Travestie mehr. Barrie Kosky hat aus der grandiosen Oper ein kaum wiederzuerkennendes Patchwork-Machwerk gemacht, das das Stück all seiner Romantik, seiner Künstlerapotheose, seiner tröstlichen Botschaft und damit seiner Substanz beraubt. Wie bedauerlich!

 

 

Photo: Komische Oper Berlin

Monika Rittershaus

Dieter David Scholz