Leipzig: Liebesverbot

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Oper Leipzig / Karsten Pietsch

 

 

Quasi eine Offenbachiade

Richard Wagners "Liebesverbot" in Leipzig

 

Am 29.09. 2013 hatte in der Oper Leipzig eines der selten gespielten Werke Richard Wagners Premiere: „Das Liebesverbot oder die Novize von Palermo“. Die Inszenierung von Aron Stiehl ist zugleich Eröffnungs­premiere der neuen Spielzeit in Leipzig und Schlussakkord der Kooperation mit den Bayreuther Festspielen (BF Medien) anlässlich des Wagner-Jahres 2013.

 

Die Leipziger Aufführung unterscheidet sich von der Bayreuther Aufführung im Frühjahr nicht. Sie ist so gut wie unverändert. Und es ist nach wie vor eine zauberhafte Produktion. Die komödiantische Opernhandlung spielt ja im sizilianischen Palermo, wo ein deutscher Statthalter den Karneval und die Liebe verbieten will und am Ende eines Besseren belehrt wird. Es ist eine Opera Buffa – Wagner nennt sie große komische Oper - frei nach Shakespeares „Mass für Mass“, in der es Wagner um die Frage geht, ob und wie Sinnlichkeit und Sexualität frei ausgelebt werden können. Und er handelt dieses Problem ab am Beispiel der Verführbarkeit eines puritanischen deutschen Statthalters durch eine junge Nonne. Wagners Oper übt Kritik an der reaktionären Moral der Biedermeierzeit und ist ein Affront gegen deutsches Wesen. Der überschäumende Karneval in Palermo, den Wagner zeigt und auch hörbar macht, ist Plädoyer für Anarchie und freie Sinnlichkeit ganz im Geiste der Emanzipationsbestrebungen des soge-nannten Jungen Deutschland. Regisseur Aron Stiehl hat gemeinsam mit seinem Ausstatter für das Anarchische, Sinnliche die Bildmetapher des Urwalds auf die Bühne gebracht. Die Welt des Deutschen ist eine Amtsstube. Das Ganze in einem sehr praktischen, auf- und umklappbaren Bühnenbild von Jürgen Kirner. Aaron Stiehl inszeniert das Stück als launige Operette zwischen Dschungel und Schubkasten-Welt, als ein beinmuskel­anregendes, turbulentes, Maskenspiel à la Offenbach, mit einem ausgeprägten Faible für Travestie-Theater. Sven Bundseil hat karnevaleske Kostüme beigesteuert, die zwischen Steinzeit, Tarzanwelt und Biedermeier vermitteln. Der Abend ist eine große Gaudi, die vom Publikum stürmisch gefeiert wurde.

 

Die Vorbehalte gegen diese Opera Buffa sollten allmählich vom Tisch geräumt und Wagner von seiner humorigen, ganz „undeutschen“ Seite wahrgenommen und anerkannt werden. Man darf nicht vergessen, dass Wagner mit dieser, seiner zweiten Oper sich als europäischer Komponist etablieren wollte, wovon er seit seiner Jugend träumte, und den Sieg der „freien Sinnlichkeit“ über puritanische Heuchelei feiern. "Das Liebesverbot" zeigt Wagner von seiner wenig bekannten Seite. Aber die gehört nun einmal zu ihm. Und beleuchtet den späteren, den uns wohlvertrauten Wagner ganz neu. Außerdem ist diese Oper ein herzerfrischend-komisches, launiges, amüsantes Werk, das sich durchaus im Repertoire behaupten könnte. Ich finde ja, gerade das frühe, gar nicht zu reden vom unvollendeten Werk Wagners, zeigt ihn als Europäer durch und durch, bestätigt seinen jugendlichen Ausspruch „Hinweg aus Deutschland gehöre ich!“ und bestätigt Nietzsches Diagnose, Wagner sei „Unter Deutschen bloß ein Missverständnis“. Man darf nicht übersehen: Es gibt bei Wagner ein Werk neben dem offiziellen Œuvre. Das gilt es, wiederzuentdecken. Vielleicht gehen ja von dieser vitalen, amüsanten Leipziger Ausgrabung des Stücks Impulse in diese Richtung aus.

 

Was die Besetzung angeht, gibt es Unterschiede zur Bayreuther Besetzung: drei Partien wurden umbesetzt. Insgesamt darf man der Sängerriege – drei Paare, die sich am Ende kriegen plus fünf Nebenrollen - Glaubwürdigkeit und Spielwitz bestätigen.Allen voran Christiane Libor, die die enorme Partie der resoluten Novizin Isabella mit großer Stimme bewältigt. Trotz angekündigter Erkältung. Thomas Pursio gibt gibt den sittenstrengen deutschen Statthalter Friedrich mit markigem Bariton und ironischer Oberlehrerhaftigkeit. Als jugendlich-erotischer Springsinsfeld ersingt sich der Tenor Mark Adler als Luzio die besondere Sympathie des Publikums (ich zog allerdings die Bayreuther Besetzung des Luzio vor). Herausragend in Singautorität und Spiel ist Reinhard Dorn in der Bassbuffo-Rolle des Brighella. Nicht zu vergessen der geradezu spielwütige Chor der Oper Leipzig, der unter Leitung von Alessandro Zuppardo keinen Wunsch offen läßt.

 

In Bayreuth dirigierte Constantin Trinks das "Liebesverbot". Die musikalische Leitung des Gewandhausorchesters hat in der Leipziger Aufführung der erste ständige Gastdirigent Matthias Foremny übernommen. Auch er hat ein ähnlich "gutes Händchen" für dieses Frühwerk. Wagner zeigt sich ja in dieser seiner zweiten Oper, er war 22, als er sie fertig geschrieben hatte, als temperamentvoller Heißsporn. Er wollte eine italienische Oper schreiben. Es ist seine keckste, frechste, antiautoritärste und heiter-anarchistischste Oper überhaupt. Matthias Foremny hat den Spagat zwischen Auber, Rossini und Bellini, den der jungen Wagner da gewagt hat, glänzend umgesetzt. Und er hat das Stück trotz seiner Leichtigkeit keineswegs zu leicht genommen, im Gegenteil, er trumpft ganz schön auf mit den jungdeutsch-romantischen Tönen Wagners. Das hat Dramatik neben allem Witz und aller jugendlichen Vitalität Wagners. Aber es hat auch Italianità. Und das Gewandhausorchester zeigt sich in Bestform. Eine der rundum gelungensten, ja empfehlenswertesten Produktionen der Oper Leipzig seit langem.

 

 

Beitrag in MDR Figaro 30.09.2013