La Traviata Dorn Barenboim Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Bernd Uhlig - Berliner Staatsoper im Schillertheater

 

Im Mausoleum der Gefühle

Daniel Barenboim und Dieter Dorn langweilen mit Verdis „La Traviata“

 

 

Vor 12 Jahren brachte die Berliner Staatsoper Unter den Linden zuletzt Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ heraus. Damals führte Hausherr Peter Mussbach Regie und Daniel Barenboim dirigierte. Am 19.12. 2015 kam nun eine Neuinszenierung des Werks in der Regie von Dieter Dorn an der Interimsspielstätte der Berliner Staatsoper im Schillertheater heraus. Wieder dirigierte Daniel Barenboim, seit 1992 GMD der Berliner Staatsoper und dortiger Chefdirigent auf Lebenszeit.

 

 

Eine Brünette im schwarzen Unterrock betritt die fast leere Bühne. Eine Abendgesellschaft überreicht ihr Rosen, die sie wegwirft. Ihr ist nicht nach Tanzen. Man befindet sich auch nicht in einem Pariser Ballsaal, sondern in einer schwarzen Gruft. Dieter Dorn zeigt das Stück als Passionsspiel über „Amore e morte“, Liebe und Tod, wie die Oper „La Traviata“ ja ursprünglich heißen sollte, in der es um die Krankheit, das Lieben und das Sterben der Kurtisane Violetta Valéry geht. Dorn erzählt die Geschichte hinter dem Stück, die Geschichte des Traumes einer unerfüllbaren Liebe. Daniel Barenboim läßt die Musik zu diesem Traum weitgehend in zerdehnten Tempi, quasi in Zeitlupe, mal fast unhörbar, mal ohrenbetäubend laut aufspielen. Dazu passt die langsam rieselnde Zeit der Quasi-Sanduhr auf der Bühne, ein Einfall, der zuletzt in Magdeburg im "Rosenkavalier" und davor schon in Florenz im überragenden "Tristan" von Stefano Poda die Bühne beherrschte.

 

Es ist ein kalter, steriler, halbrunder schwarzer Raum mit 6 Türen, den Joanna Piestrzyńska für Dieter Dorns Inszenierung gebaut hat. Er wirkt wie ein Mausoleum der Gefühle mit seiner kreisförmigen Spielfläche, auf der nur ein Schreibtisch mit Stuhl steht. Ein futonartiges Bett lagert vor einem transparenten Spiegel, hinter dem acht in weiß-transparenten Overalls steckende Balletttänzer sich immer wieder in akrobatischen Verrenkungen zu einer Totenkopf-formation zusammenfinden. Dieter Dorn zeigt das Stück aus der Perspektive der Hauptfigur als Rückblick in ihren letzten Sekunden vor ihrem Tod. Die Idee ist nicht neu. Sie lag schon Peter Mussbachs Inszenierung vor 12 Jahren zugrunde, die vom Publikum wenig geliebt wurde. Immerhin verfügt man in der Neuinszenierung Dieter Dorns mit der 34jährigen Bulgarin Sonya Yoncheva über eine eindrucksvolle Sängerin der Titelpartie.

 

Dieter Dorn macht aus der Oper „La Traviata“ eine Parabel hoffnungsloser Liebe und ausweglosen Sterbens im Spannungsfeld zwischen Käuflichkeit und Aufopferung. Deshalb ignoriert er alle Orts – und Szenenangaben der Partitur, die das Stück im großbürgerlichen Paris des 19. Jahrhunderts ansiedelt. Dorn geht es um eine Groteske, die auf den Unterschied zwischen gesellschaftlichem Schein und menschlichem Sein hinweisen soll. Aber durch das ernüchternde Einheitsbühnenbild und Dorns Verweigerung aller Dramatik, die Aktionen der Sänger sind auf ein Minimum reduziert, wird das Stück statisch, ja langweilig. Die Kostüme der Grand Dame Moidele Bickel sind größtenteils schauderhaft. Gottlob gibt es junge, bemerkenswerte Sänger, die immer wieder aufhorchen lassen. Neben der Sängerin der Titelpartie ist es vor allem der 33jährige marokkanische Tenor Abdellah Lasri als Violettas Geliebter Alfredo.

 

Ein Kritiker schrieb 2003 nach der Premiere der Mussbach-Inszenierung von „La Traviata“ über Daniel Barenboim: Er „lässt die Staatskapelle klangschön, aber in der rhythmischen Attacke völlig aufgeweicht spielen, so dass sich der für Verdi charakteristische vorantreibende orchestrale Unterbau über weite Strecken in ein murmelndes Waldweben verwandelt. ... Gewiss muss ein Berliner Opernorchester nicht wie eines aus Mailand oder Neapel spielen, aber ein derartiges Unverständnis für die dramatische Ökonomie dieser Musik sucht doch seinesgleichen" (Wolfgang Fuhrmann in der Berliner Zeitung). Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen! Barenboims Verdi klingt nach wie vor uninspiriert und spannungslos. Verdi ist (im Gegensatz zu Wagner) Barenboims Sache nicht.

 

Auch der hellstimmige, erst 30 jährige Simone Piazzola, der bei aller Gesangskultur, die er beweist, doch viel zu jung wirkt in der Partie von Vater Germont, irritiert in dieser Neupro-duktion von „La Traviata“. Sie ist aber nicht nur musikalisch enttäuschend. Die Inszenierung auf runder Spielfläche, wie auf einer Art Wieland Wagnerscher „Koch¬platte“ wie man die Neubayreuther Weltenscheibe nannte, hat etwas von Bühnen¬weihfestspiel . Violetta singt denn auch oft stehend in Engels- oder Heilandspose mit weit ausgebreiteten, oder wie Flügel schwingenden Armen. Am Ende verschwindet sie im Spiegel, der den Tod bedeutet. Zwar dauert dieses pausenlos durchgespielte Passionsspiel kaum mehr als zwei Stunden. Doch man ist froh, wenn der Schlußvorhang fällt

 

 

Beitrag auch in SWR 2 Cluster