L´Incoronazione di Poppea, Krenek, St. Gallen

Dieter David Scholz



Photo Iko Freese


L´Incoronazione di Poppea im Stil der 1930er Jahre

Claudio Monteverdis Oper in der Bearbeitung von Ernst Krenek

Ausgrabung der Oper am Theater St. Gallen. Premiere 11.05.2019

 

Für Theodor W. Adorno war er der „rätselhafteste aller Komponisten“, der Österreicher Ernst Krenek, einer der experimentierfreudigsten Komponisten der Moderne. Dessen Jazzoper „Jon-ny spielt auf“ sorgte in den 1920er Jahren für Furore. Bevor er 1938 - nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, in dem seine Werke als «entartet » ver-boten waren - in die USA emigrierte, hat er 1935/36 eine eigene Fassung von Claudio Monte-verdis Oper „Il Coronazione di Poppea“  erarbeitet. Sie wurde nach einer Probenphase in Mondsee bei Salzburg 1937 im Wiener Stadttheater uraufgeführt und ging dann in einer Pro-duktion der Salzburg Opera Guild auf eine Amerika-Tour. Danach wurde das Werk nur noch einmal konzertant in Wien 1973 aufgeführt. Jetzt hat das Theater St. Gallen in der Schweiz diese vergessene Bearbeitung der Monteverdi-Oper ausgegraben und zum ersten Mal seit 82 Jahren wieder szenisch auf die Bühne gebracht. 

 

 

„Es klang so alt und war doch so neu“ sagt Hans Sachs in Richard Wagners Oper „Die  Meis-tersinger von Nürnberg“ über den Gesang des Musikneuerers Walther von Stolzing. Ähnliches könnte man über Ernst Kreneks Monteverdi-Bearbeitung sagen, die die junge aufstrebende Di-rigentin Corinna Niemeyer - sie ist derzeit Assistenzdirigentin des Philharmonischen Orches-ters Rotterdamm - am Theater St. Gallen in einer szenischen Neuproduktion wieder auferstehen ließ.

 

„Ja, das klingt sehr anders! Krenek hat eine Version geschaffen, die eher seiner Zeit entsprach, er hatte gar nicht den Anspruch, das Stück (das ja nur als Melodielinie und Basso continuo überliefert ist) auf die Monteverdizeit hin zu bearbeiten. Sein Orchester verzeichnet  Instru-mente, die es zur Monteverdis Zeiten noch gar nicht gab. Man kann fast sagen, dass es sich um ein neues Werk handelt.“ (Corinna Niemeyer)

 

 

Ernst Krenek ging es in seiner Bearbeitung  denn auch nicht um eine Rekonstruktion des Ori-ginals, sondern um «eine Wiederbelebung mithilfe zeitgenössischer Mittel», wie er einmal schrieb.

 

„Und natürlich hat Krenek auch sehr stark gekürzt, sehr stark geschnitten, er hat immer wieder einzelne Phrasen noch irgendwo hinzugefügt, also anders hinzugefügt, also sie vorher waren, oder aufgeschnitten, er hat ganze Rollen geändert und auch weggelassen, die Götter sind alle raus. Ein rein menschliches Drama.“

 

Kreneks „Krönung der Poppea“ klingt  nicht mehr wie Monteverdi, wie man ihn aus der Alten Musik-Szene kennt, sondern sie klingt wie Musiktheater der 1930 er-Jahre. Krenek hat die Oper durchkomponiert. Geschlossene Rezitative, Duette und Sinfonien wie bei der Vorlage gibt es nicht. Das knapp zweistündige Werk ist in zwei Teile unterteilt, die wiederum in einzelne Bilder gegliedert sind, die durch Zwischenspiele getrennt werden. Zwischen den zwei Teilen befindet sich ein längeres, bemerkenswertes Intermezzo, in dem Krenek Motive der von ihm gestrichenen Partien der Oper aufgreift.

 

Krenek instrumentierte das Werk für Streicher, Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Trom-pete, Horn, Posaune, Harfe und Harmonium. Immer wieder überrascht seine Musik mit eigen-willigen Klangfarbenmischungen und Orchestereffekten. Es gibt Abschnitte, die nach Holly-wood klingen oder auch nach Oper der Spätromantik, ja nach Richard Strauss.  Aber auch An-klänge an Ravel und Debussy sind nicht zu überhören, Strawinsky und Debussy lassen grüßen. Der durchsichtige Orchestersatz lässt in der engagierten, sensiblen Interpretation Corinna Nie-meyers und des Sinfonieorchester St. Gallen verblüffende, phantasievolle Details der Partitur hören. 

 

Krenek  hat dem Drama um den Zusammenhang von Macht und Eros jede göttliche, schick-salhafte, typisch antike Bedingtheit entzogen, die bei Monteverdi noch alles menschliche Handeln steuert.  Für den jungen, vom Schauspiel her kommenden  Regisseur Alexander Nehr-lich und seinen Ausstatter Wolfgang Menardi  ein Stein des Anstoßes. Sie steuern regielich dagegen, indem sie eine stumme Rolle als Ersatz für die von Krenek eliminierte amoralische, ja anarchische Figur des Strippen ziehenden Gottes Amor in die Oper einfügen. 

 

„ Es ist typisch, dass  man in der Moderne sagt, diese alten Gottheiten, die großen allegorischen Figuren sagen uns nichts mehr, die sind nicht mehr greifbar für uns heute. Aber das sehen wir eben total anders. Gerade weil sie raus gestrichen wurden, müssen sie zurückkommen. Sie kommen zurück als schwarzes Objekt. Diese Figur ist eine Tänzerin, aber weitestgehend geschlechtslos, sie kommt sozusagen aus dem Abfluss, als das, was man einmal im Monat aus dem Abfluss heraus nehmen muss.“ (Alexander Nehrlich)

 

Nehrlich und sein Ausstatter lassen ihre St. Gallener Wiederaufführung der Krenek-Montever-di-Oper in einem verdreckten Schwimmbad spielen, das an antike Thermen erinnert. Schwarze, punkig-gruftige, gruselig geschminkte Gestalten bevölkern die Inszenierung. Einige zeigen in den von Žana Bošnjak entworfenen Kostümen Anklänge  an römische Antike. Alexander Nehrlichs Regiekonzept kreist...

 

„... rund um die Person vom jungen Kaiser Nero, der in einem Schwimmbad geboren wurde, in  einem Heilbad. Ich stell mir dann vor, dass das für ihn Zeit seines Lebens ein prägender Ort gewesen sein muss, weil er sich ja auch mit Schwimmbadarchitektur befasst hat, und auch ei-nige seiner Opponenten mussten in Dampfbädern, Schwimmbädern dran glauben. Es ist also ein Ort von Geburt und Tod. Dieses Schwimmbad hat kein Wasser, es hat sich eine ascheähn-liche Substanz ausgebreitet. Schwimmen ohne Wasser ist ein wichtiges Motiv unserer Insze-nierung.“

 

Und doch ist Trockenschwimmen nicht angesagt, denn immer wieder wird Meeresbrandung auf den gekachelten, oft nüchtern, ja grell  ausgeleuchteten  Bühnenraum projiziert. Ein Raum, der den Stimmen gut tut. Und es wird durchweg vorzüglich gesungen. Aus den zehn Sängern ragt neben dem sonoren Bass von Martin Summer, der eindrucksvoll den Seneca gibt, der pracht-volle Mezzosopran der Litauerin Ieva Prudnikovaite heraus, die die verstoßene Kaiserin Ottavia singt

 

Monteverdis „L´Incoronazione di Poppea“ ist die erste Oper der Operngeschichte, die von his-torischen Personen erzählt. Zwar ist die Handlung durchdrungen von allegorischen Figuren und Göttern, auch von philosophischen Betrachtungen, doch im Zentrum stehen der römische Kai-ser Nero sowie seine spätere Ehefrau Poppea, deretwegen er Ottavia verstößt. Ein Parade-beispiel des Triumphs amoralischer, ja asozialer Erotik. Anicio Zorzi Giustiniani und Raffaelea Milanesi leihen dem Kaisererpaar ihre bemerkenswerten Stimmen. 

 

Das Theater St. Gallen hat mit der Ausgrabung der vergessenen Monteverdi-Bearbeitung Kreneks einigen Mut bewiesen. Schon der erfreulichen sängerischen wie musikalischen Leis-tung wegen lohnt der Besuch der Produktion, die als Alternative zu historisch informierten Aufführungen äußerst interessant ist.

 

 

Bericht im „Musikjournal“ des DLF am 13.5.2019