Koskys Meistersinger in Bayreuth 2017

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

 

In der Spaßgesellschaft angekommen

Barrie Koskys „Meistersinger“ in Bayreuth 2017

 

"Wollt ihr den totalen Spaß?" So titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 30. Juli einen kritischen Artikel über die diesjährigen Bayreuther Festspiele. Ein treffender Titel, denn noch nie war so viel Spaß auf dem Grünen Hügel wie heuer. In den "Meistersingern", um es genau zu sagen. Barry Kosky hat die Oper inszeniert, "der erste jüdische Regisseur", der das Werk in Bayreuth auf die Bühne brachte, wie allenthalben betont wurde. Warum eigentlich? Geht es hier um die Sache oder um was? Die Frage ist doch, ob ein Regisseur gut ist oder schlecht, ob er sein Handwerk versteht, verantwortungsvoll mit einem Werk umgeht, es dem Zuschauer verständlich machen kann, oder nicht? Ob er Jude, Christ, Buddhist ist oder was auch immer, sollte heute, nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts doch wohl egal sein!

 

Was das Werk, also die "Meistersinger" angeht: Barrie Kosky hat eine handwerklich und bühnentechnisch tadellose Inszenierung hingelegt, aber es ist ein psychologischer, entstehungs- und wirkungsgeschichtlicher Kommentar zum Werk, nicht das Werk selbst, das er dem geneigten Publikum präsentiert. Ob das heutige Bayreuther Publikum das Werk versteht, es hat sich seit Wolfgangs Tod ja grundlegend verändert, die Pausengespräche legen Zeugnis davon ab, muss bezweifelt werden. Aber will es das Werk überhaupt verstehen? Man hat den Eindruck, es will sich einfach nur amüsieren, einem Event beiwohhnen, will vor allem Spaß haben, jene anspruchsloseste Form von Freude, die ja laut Seneca durchaus "eine ernste Angelegenheit" ist. Nie wurde so viel gelacht in einer Bayreuther "Meistersinger"-Aufführung.

 

Barrie Kosky zeigt während der "Meistersinger"-Ouvertüre einen Geburtstag n der Villa Wahn-fried. Das Publikum erfährt es durch Textprojektionen auf dem Gaze-Zwischenvorhang. Rebecca Ringst hat Wagners Salon detailgenau nachgebaut. Man erfährt das exakte Datum dieser biogra-phischen Begebenheit, sogar die Uhrzeit der gezeigten Begebenheit und das Wetter: Das Publi-kum lacht. Franz Liszt und Hermann Levi haben sich angesagt, Cosima hat Migräne. Richard kost seine beiden Neufundländer: Das Publikum Lacht schon wieder. Immer wieder im Laufe der Inszenierung lacht es, über jeden noch so banalen Klaumauk. Die Gäste kommen an, Kaffee wird serviert, Wagner packt Geschenke aus: Schuhe, Stoffe, Parfum. Er setzt sich mit Franz Liszt ans Klavier. Hermann Levi, dem Hofkapellmeister König Ludwigs erläutert er seine Musik. Dann plötzlich formiert man sich zum Choralsingen in Wahnfried, als wäre man in der Nürnberger Katharinenkirche, in der Walther von Stolzing mit Eva anbandelt. Der Chor kommt indes aus dem Off.

 

Man spielt "Meistersinger" im Salon: Cosima ist Eva, das Hausmädchen deren Amme Magdalene, Liszt ist der Goldschmied Veit Pogner. In den Figuren des Stolzing, Sachs und dessen Lehrbuben David vervielfältigt Wagner sich selbst. Hermann Levi muss Beckmesser spielen, den Kosky gnadenlos als Pedanten und Versager zeigt, vor allem aber als Judenkarikatur.

Dann fällt eine verrückte Karnevalsgesellschft von überdrehten Blödelheinis in den Wahnfried-Salon ein, so scheint es. Es sind die kindischen Meister. Da darf chargiert werden, dass sich die Bühnenbalken biegen. Das Publikum quittiert es mit Schmunzeln, Kichern, Lachen und Schenkelklopfen. Mit albern pennälerhaftem Schlagen der Löffel an die Kaffeetassen wird jeder Meister begrüßt. Lachen.

 

Der folgende eigentliche Diskurs über Neue und Alte Musik, die Singschul, geht unter im allgemeinen Remmidemmi. Stattdessen darf man sich über Wagner im Kreise kleiner Klone amüsieren, die aus dem Konzertflügel entsteigen. Die Lehrbuben, kostümiert wie ihre Lehr-herren, platzen durch die Salontür herein und trollen umher wie Kinder. Es darf wiederum gelacht werden. Nur warum eigentlich? Comedy halt. Kosky bekennt sich dazu. Dass es sich in diesem ersten Akt um eine der ernsthaftesten Szenen Wagners handelt, einen Diskurs um Tradition contra Innovation, geht völlig unter. Aber wen interessiert das schon? Hauptsache, man kann Lachen!

 

Während Stolzings Gesang im Gezetere der Meistersinger untergeht, fährt der Wahnfried-Saal nach hinten. Ein amerikanischer Soldat nimmt Aufstellung vor der offenen Verwandlung. Plötzlich steht Sachs/Wagner im Saal der Nürnberger Prozesse im Zeugenstand. Zu Beginn des 2. Aktes ist der Boden des Gerichtssaals mit Rasen ausgelegt. Picknickszene Wagner-Cosima. Am Aktschluss, wenn Beckmessers groteskes, von Sachsens Hammerschlägen immer wieder unterbrochenes Ständchen, das man seit den Naziaufführungen, die auf CD dokumentiert sind, nicht so antisemitisch karikiert hörte, führt der Lärm zum Aufruhr der aggressiven Spießbürger und damit zur Prügelfuge. Beckmesser muss nun einen Pappkopf tragen, der verdächtig den fratzenhaften Judenkarikaturen des „Stürmers“ gleicht. Der Rasen wird nach oben weg gezogen. Beckmesser vollzieht einen Grotesktanz, während sich über dem Zeugenstand ein bühnenfüllen-der „Juden“-Kopf-Ballon mit Hakennase und bösem Blick zu den Schläfenlocken aufbläht, eine Judenfratze, ein Popanz, der einen erschaudern lässt angesichts der Erinnerung an das braune Kapitel deutscher Geschichte. Richard Wagner weicht entsetzt zurück. Während der Nachtwäch-ter aus dem Off „Bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk“ singt, sinkt der Riesenkopf in sich zusammen, bis nur noch die Kippa mit dem Davidstern zu sehen ist. Pause. Und dann zum grandiosen, leider gänzlich verharmlosten Vorspiel des dritten Aktes der projizierte schriftliche Hinweis auf die tückische Abwehr des nächtlichen britischen Bomberangriffs auf Nürnberg, unter dem Codenamen "schräge Nachtmusik".

 

Der Nürnberger Schwurgerichtssaal ist nun komplett und modern eingerichtet, Sitzungspause, Akten liegen auf den Tischen, die vier Fahnen der Alliierten stehen vor der Rückwand. Der Kunstdisput wird als Zwiegespräch zwischen den beiden Richard Wagners (Sachs in heutiger und Stolzing in Renaissancekleidung) ausgetragen. Das Meisterlied wird geschmiedet. Der arg demolierte Beckmesser tritt auf, den Arm in der Schlinge, mit Verbänden und zerrissenem Hemd. In seiner Pantomimenmusik läßt Wagner ihn noch einmal die Qualen des Ständchens und der Prügelfuge durchleiden. Fünf kleine Ostjuden treten auf und begleiten ihn in den Zeugenstand. Sie sind seine Kronzeugen. Und doch malträtieren sie ihn. Leiden am Judentum.

Nebenbei in Erinnerung gerufen: Das Amt des Stadtschreibers in Nürnberg war ausschließlich Christen vorbehalten. Auch gibt es eine Äußerung Richard Wagners vom 16. März 1873 gege-nüber Cosima, die es in ihrem Tagebuch festgehalten hat, die jeden Verdacht, Beckmesser sei die Karikatur eines jüdischen Kritikers, ad absurdum führt: "mit der ehrwürdigen Pedanterie, dacht ich mir den Deutschen in seinem wahren Wesen, in seinem besten Licht."

 

Schließlich die „Festwiese“, auch sie spielt im Schwurgesichtssaal. Zunftaufmarsch der Renai-ssancefiguren. Heftig werden Zunftfahnen im Gerichtssaal geschwenkt, Wagner umtanzt Lenbachs Cosima-Bild im Zeugenstand, wieder Auftritte der Wagnerminis (Symbole von Wagners Narzissmus), die Renaissancechorgesellschaft nimmt Platz , Beckmesser singt sein verzerrtes Preislied im Renaissancehabit, Wagner singt seine Ansprache im Zeugenstand. Dann verschwinden Schwurgerichtssaal und Volk. Bei den Worten „zerging in Dunst das Heil‘ge röm‘sche Reich..“, fährt von hinten auf einem Podest Chor und Statisten-Orchester auf die Bühne. „…uns bliebe gleich die deutsche Kunst!“ Will sagen, es bleibt die Musik. Sie hat das letzteWort in dieser Inszenierung. Wagner dirigiert Schlußchor und Orchester, leidenschaftlich und weitausholend gestikulierend. Apotheose und Freispruch Wagners? Er bleibt allein auf der Bühne zurück. Beispielloser Applaus, nur vereinzelte Buhs.

 

Barrie Kosky hat in seiner facettenreichen Meistersinger-Inszenierung Wagner angeklagt, seine narzisstischen Persönlichkeitsdeformtionen, seine antisemitischen Obsessionen, und hat sie – auf Beckmesser fokussiert - in das Werk implantiert. Eine schwarze, groteske, bitterböse „verrückte Komödie“ (Kosky), bei der einem eigentlich das Lachen im Halse stecken bleibt. „Ich glaube, die Figur Beckmesser ist Wagners Furcht vor assimilierten Juden wie Heine, Mendelssohn und Meyerbeer. Aber es geht hier nicht nur um Wagners Probleme mit Juden. Für Wagner ist Beckmesser die Personifizierung von allen, die gehasst wurden - die Franzosen, die Italiener und vor allem Musikkritiker“ (Kosky).

 

Erstaunlich, dass Kosky neben der Zeichnung der Beckmesser-Figur so wenig an regielichen Details, an inszenatorischer Phantasie eingefallen ist, die die Aufführung hätten vitalisieren können. Sie ist über weite Strecken statisch. Und was gibt es für witzige Szenen in den „Meister-singern“. Sie werden weitgehend verschenkt und bleiben fast alle unbemerkt. Im zweiten Akt herrscht ohnehin fast Stillstand in dieser Inszenierung, von Schusterstube im dritten Akt nicht die Spur.

 

Der Dirigent Philippe Jordan wurde viel gelobt für sein Bayreuther Dirigat. Ungeachtet dessen finde ich seine „Meistersinger“ weithin leichtgewichtig, kraftlos und unstrukturier. Er verschenkt wie die Regie viele Kostbarkeiten der Partitur. Vieles klingt einfach nur routiniert, teilnahmslos, unterbelichtet. Nicht nur bei der Prügelfuge geriet die Balance zwischen Bühne und Graben ziemlich ins Wanken…

 

Und die Sänger? Günther Groissböck war ein grandioser Pogner, Johannes Martin Kränzle als Beckmesser ging in seiner Karikatur weit über das in der Partitur notierte hinaus, auf virtuose Weise, gewiss, aber unerträglich in der antisemtischen Verzerrung der Figur, Anne Schwane-wilms als Eva enttäuschte. Sie war die blasseste Sängerin der Aufführung. Was hat man schon für Evas gehört, in Bayreuth, aber auch anderswo. Wiebke Lehmkuhl als Magdalene trug stets zu dick auf, Klaus Florian Vogt als Ritter Stolzing sang souverän wie immer, aber Abnutzungser-scheinungen seiner Stimme sind leider unüberhörbar. Daniel Behle als David war rollen-deckend, aber nicht mehr. Auch da hatte man schon ganz andere Kaliber gehört.

Zurecht gefeiert wurde Michael Volle als nobler, stets wortverständlich artikulierender Sachs.

 

Fazit, musikalisch-sängerisch nicht durchweg „erste Sahne“, wie man so sagt. Inszenatorisch ein verwirrendes, teilweise faszinierendes, aber auch immer wieder befremdendes, in seiner Respektlosigkeit uns Willkür verärgerndes theatralisches Kaleidoskop, das für den „normalen“ Zuschauer (der das Stück nicht genau kennt) wohl ein Rätsel bleiben dürfte in seinem Beziehungszauber. Es bezeugt zwar Koskys Intelligenz. Aber das Werk bleibt auf der Strecke. Und mit Lachen allein kommt man ihm nicht bei. Aber für die meisten Zuschauer blieb es beim Lachen… Zumindest im ersten Akt.

 

Bayreuth ist endgültig in der Spaßgesellschaft angekommen. Mit dem, was Richard Wagner einst vorschwebte, jener "Utopie der Alternative", hat es nichts mehr zu tun.