Jephta Wiesbaden

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Karl & Monika Forster

 

Zum Bild wird hier die Bühne

 

Premiere 04.02.2018:

Händels „Jephta“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

 

Nicht dass „Jephta“ besonders opernhaft wäre, aber es ist Händels "Weltabschiedswerk" mit einigen sehr persönlichen Bekenntnissen: Beispielsweise dem Chor der Israeliten „How dark, O Lord, are thy decrees!“ Das hört sich sehr nach Schicksalsergebenheit an. Und der Satz, „What ever is, is right!“ klingt nach Hoffnungslosigkeit und Weltabschied. Dabei ist die Hand-lung sehr weltlich, und auch wieder nicht. Händel und sein Textdichter Thomas Morell greifen in "Jephta" auf die Geschichte des jüdischen Helden Jephta, wie sie im 11. Kapitel des Buches der Richter im Alten Testament beschrieben wird, zurück: Jephta gelobt, dass er, wenn er die Ammoniter besiegt, das erste Lebewesen, das ihm bei seiner Rückkehr zu Hause begegnet, Gott opfern werde. Als er siegreich zurückkehrt, begegnet ihm als Erstes seine eigene Tochter. Dann folgt aber kurz vor deren Hinrichtung eine glückliche Wendung: Ein Engel tritt wie ein Deus ex machina auf der Opernbühne auf und verhindert das Opfer. Jephtas Tochter bleibt am Leben. Ein "lieto fine". Ein glückliches, wenn auch etwas aufgesetzt wirkendes Ende.

 

Achim Freyer ist einer der großen, alten Zauberer des Musiktheaters, hat wieder einen seiner typischen anti-illusionistischen Spielräume geschaffen, bei denen man an Vorbilder von de Chirico, Dali, Magritte, aber auch Kandinsky denkt. In einer für ihn so typischen Kunstwelt voller Zeichen und Bilder, Rätsel und Symbole, will er den permanenten Krieg an sich an-prangern. Verkohlte Holzstämme haben ihn wohl inspiriert zu expressiven, schwarzen Schrei-en auf weißer Leinwand, die die Bühne beherrschen. Das hat etwas Visionäres, ohne Frage, seine Beleuchtungskunst ist nach wie vor Magie. Aber das strenge, extrem ritualisierte Büh-nengeschehen, das zwischen antikem Drama und "höherem Karneval" rangiert, erreicht in dieser Aufführung Grenzen des Zumutbaren. Die Handlung wird nicht erzählt, was auf der Bühne geschieht, läuft meist in Zeitlupe ab, es ist ein Theater der grell verzerrten Masken. Nur Puppen mit aufgerissenen Augen und überschminkten Mündern werden vorgeführt, weder Typen noch Charaktere. Tableaus, Gesten und Pathos verdichten sich zu statischem Bilder-theater, das das Sitzfleisch strapaziert, zumal das Vokabular der Freyerschen Bühnensprache sich seit Jahren wiederholt. Man könnte von Theater des Stillstands sprechen, und gegen Ende hin wird es zu Theater des Unsichtbaren, denn es verwischen sich die Konturen. Immer neue weiße Schleier senken sich vom Bühnenhimmel herab und lassen nach und nach nichts mehr erkennen. Ein Ritual des Verschwindens aller Hoffnungen im Stück, das glückliche Ende wird verweigert, es ist aber auch ein Ritual des Verschwindens von Theater. Zum weißen Bild wird hier die Bühne.

 

Konrad Junghänel, Lautenist und ausgewiesener Kenner der Alten Musik, versteht es immer wieder fabelhaft, konventionelle Opernorchester auf Alten Musik Klang zu trimmen. Das gelingt ihm auch in Wiesbaden, wo das Orchester ganz klein besetzt ist, was kein Nachteil ist. Er präsentiert einen überwiegend vitalen, frischen Händel, gegen Ende hin wird er allerdings immer langsamer und leiser, sodass auch musikalisch das Stück quasi verschwindet im Unhör-baren, so wie es im Szenischen im Unsichtbaren versinkt. Sängerisch ist die Aufführung kein Sängerfest. Die 5 Solisten (Jephta- Mirko Roschkowski, Storè – Anna Alàs i Jové, Iphis Gloria Rehm, Hamor Terra Wey, Zebul – Wolf Matthias Friedrich) boten keine überdurchschnitt-lichen Leistungen, der Chor des Hessischen Staatstheaters überzeugte hingegen durch Präzision und subtile Gestaltung.

 

Beiträge auch in DLR Kultur /Fazit) und Orpheus