Hoffmanns Erzählungen in Dresden 2016

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Jochen Quast

 

 

Dröger Offenbach ohne Esprit an der Semperoper Dresden

 

Es ist die letzte, unvollendete romantische Oper von Jacques Offenbach: "Hoffmanns Erzählungen". In der Semperoper gab´s am 4.12. 2016 eine Neuinszenierung des Stücks, einem Werk, von dem es keine Partitur letzter Hand gibt, stattdessen eine Vielzahl von Bearbeitungen und Fassungen. Bei manchen Produktionen kann man geradezu von Patchwork- Machwerken sprechen.

 

Der Dresdner Produktion liegt die Edition von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck des Schott Verlages zugrunde, die den Theatern eine Ausgabe auf Basis aller bisher bekannten Quellen zur Verfügung stellt. In dieser Spielfassung ist nun wirklich alles zusammengeführt, was Offenbach jemals zu dem Stück komponiert hat. Diese Fassung ist lang. Bei aller Liebe zu Offenbach, da gibt es neben Juwelen auch manche Durststrecken, die nur bei ganz erstklassigen Dirigenten keine sind, ums Mal so salopp zu sagen. Die reine Spielzeit beträgt in Dresden 3 Stunden. Die fordern zähes Sitzfleisch! Ich finde die Aufführung etwas strapaziös und langweilig. Aber das liegt nicht an der Fassung, sondern an der Inszenierung und an der musikalischen Realisierung.

Um mit der Inszenierung anzufangen. Sie stammt von Johannes Erath, der an der Semperoper schon Mozarts "Hochzeit des Figaro" inszenierte. Er hat gemeinsam mit Heike Scheele, der ehemaligen Bühnenbildnerin von Stefan Herheim, eine, was die Bühnentechnik angeht, sehr aufwendige Produktion auf die Bühne der Semperoper gebracht. Die Beiden schachteln Räume ineinander, hintereinander, durch verschiebbare Schleier und Wände getrennt. Sie arbeiten mit Spiegelungen. Sie spiegeln den Zuschauerraum der Semperoper auf der Bühne. Sie arbeite mit Videos, die in der Semperoper gedreht wurden. Die Aufführung hat etwas Kaleidoskopartiges. Das soll ein Spiel mit Erwartungshaltungen sein, das neue Einsichten bringt. Tatsächlich enttäuscht Erath aber vor allem die Erwartungen der Zuschauer. Olympia beispielsweise ist keine Puppe, eher eine Primaballerina im Tutu, dafür muss sich der Chor roboterhaft bewegen. Warum eigentlich? Auch die Saufszene in Auerbachs Keller wird vorenthalten. Auch Venedig. Vor allem aber darf Hoffmann, die tragikomische Titelfigur, nicht einmal eine Likörgläschen zur Hand nehmen, obwohl er doch relordverdächtiger Alkoholiker ist. Aber das wird nicht gezeigt

 

Hoffmann wird stattdessen eher als Textilfetischist vorgeführt. Er muss fortwährend mit einem Tutu hantieren, also einem weiblichen Ballettkostüm aus Tüll. Das Tutu wird zum Leitmotiv des Abends und zum Symbol des Weiblichen, mit dem Hoffmann ja so seine Probleme hat. Immer mehr Figuren treten im Verlauf der Aufführung im Tutu auf, am Ende sogar Männer. Der Diener Franz ist ohnehin in dieser Inszenierung zur trans-vestitischen Krankenschwester Antonias mutiert, bei seinem Couplet, einem Zuckerstück für jeden Charaktertenor, fällt dem Regisseur leider nichts weiter ein, als ihn die Urne mit der Asche der toten Mutter Antonias umschmeißen zu lassen, was nicht wirklich komisch ist. Ansonsten darf Franz aber auch als Meister Proper über die Bühne tänzeln. Die Muse übrigens wird als lebendes Cello missbraucht. Giulietta Muss ihre Arie als schwarze Diseuse im Tutu soulig, rauchig ins Mikrofon hauchen, darf also aus der Partitur austeigen. Was soll das? Und was bringt das? Nichts. Ein geradezu absurder Regieeinfall, so absurd wie eigentlich die ganze Inszenuerung mit ihren vielen kopfigen, aber für die meisten im Zuschauerraum wohl unverständlichen Gags, Verfremdungen, Verrätselungen und symbolischen Überfrachtungen. Es ist eine ziemlich verquaste, diffuse Regie, die ihre Behauptungen nicht beglaubigt, ohne Spannung, ohne Dramatik und innere Logik. Sie ist psychologisch uneinsichtig und handwerklich recht dröge. Was man sieht, wird sehr schnell langweilig.

 

Kommen wir zum Dirigenten. Fréderic Chaslin stand am Pult der Sächsischen Staats-kapelle. Chaslin hat das Stück zu romantisch und zu monumental dirigiert. Schwerfällig könnte man auch sagen, ohne Esprit. Das Rebellische, Scharfe, Pfeffrige, das zu Offenbach gehört, das kam für mein Empfinden entschieden zu kurz. Dadurch wurde der Abend auch musikalisch langatmig. Mich hat er jedenfalls nicht vom Hocker gerissen, obwohl die Staatskapelle wunderbar spielte. Ich habe das Stück gerade vor 2 Wochen an der Pariser Oper zum letzten noch einmal gesehen, in der Jahrhundertinszenierung von Robert Carsen. Philippe Jordan hatte dirigiert. Und unter seiner Stabführung hatte diese Hoffmann-Musik einen mitreißenden Drive, eine freche Eleganz und Biss, wie man es gestern Abend in Dresden nicht auch nur annähernd hörte.

 

Die Aufführung war aber auch kein wirkliches Sängerfest. Es wurde durchweg zu laut gesungen. Auch vom Chor! Die kleinen Partien waren sehr rollendeckend besetzt. Herausragend fand ich neben Peter Rose, der die Bösewichter eindrucksvoll verkörperte, Christina Bock als Muse. Sie hat einen sehr kultivierten Mezzosopran. Eine schöne Stimme, wie man so sagt. Was man von Sarah-Jane Brandon, die die Antonia sang, nicht sagen kann. Sie hat vor allem in der Höhe technische Probleme. Die Giulietta von Measha Brueggergosman finde ich, mit Verlaub gesagt, einfach indiskutabel. Die Olympia von Tuuli Takala ist stimmlich tadellos. Immerhin! Aber sie hat Konkurrentinnen hat, die noch etwas mehr zu bieten haben. Der Tenor Eric Cutler als Hoffmann ist mir etwas zu gewalttätig, zu heldenhaft, zu eindimensional. Er ist stimmlich souverän. Ohne Frage. Aber er hat mich nicht berührt. Was aber wohl an der Regie liegt, die weniger auf Gefühl als auf intellektuelle Absichten setzte und damit die Sänger doch eher blockierte, als animierte, ihr Bestes zugeben. Ein Platznachbar raunte mir nach der Premiere zu: "So stellt sich wohl Tante Erna schlechtes Regietheater der Achtzigerjahre vor."

 

Beitrag auch in MDR Kultur