Herzog Blaubarts Burg & Bremer Freiheit in Halle

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Tobias Kruse

 

Fragwürdiger Eintopf

 

"Herzog Blaubarts Burg" & "Bremer Freiheit" ineinander…

 

Gestern Abend (06.05.2017) fand im Opernhaus Halle eine ungewöhnliche Premiere statt. Die Schauspielregisseurin Thirza Bruncken gab ihr Debüt als Opernregisseurin. Sie inszenierte die Oper "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók, gekoppelt mit dem Schauspiel "Bremer Freiheit" von Rainer Werner Fassbinder.

 

 

Wie kommt man auf die Idee, zwei so gegensätzliche Formen von Theater, Schauspiel und Oper miteinander zu verbinden? Wo es sich doch um grundverschiedene Formen, ja Gattungen von Theater handelt, die sehr verschiedene Anforderungen und Funktions-weisen auszeichnet. Freilich, man kann so ein Vorhaben - freundlich gesagt - als gewagtes "Experiment" bezeichnen. Inhaltlich verbindert dieses Schauspiel aus dem Jahre 1972 und den Operneinakter von 1918, dass es in beiden Stücken um Mörder geht, und zwar um Serientäter. Im Falle des Fassbinderstücks geht es um eine Mörderin, die historische Gesche Margarethe Gottfried, bei Fassbinder heisst sie Geesche, die nach und nach eine Reihe von Familienmitgliedern ermordet. Bei Bartok geht es um die märchenhafte Figur des blutrünstigen Ritters Blaubart, der eine Ehefrau nach der anderen ermordet. Er ist männlicher Narzisst, der die Frauen ermordet, wenn sie zu viel von seinen seelischen Abgründen wissen wollen. Wohingegen Geesche bei Fassbinder eine Frau ist, das "Haustier" wie's im Stück heisst, eines despotischen Ehemannes, die aufbegehrt gegen Unterdrückung der Frau und ausbricht aus einem Ehegefängnis und aus überkommener Weiblichkeitsrolle. Nur: Das Schauspiel ist ein ein aufklärerisches, man könnte fast sagen "feministisches", ein glasklares bürgerliches Trauerspiel der Siebzigerjahre des letzen Jahrhunderts, das andere ein märchenhafter, von Sigmund Freuds Psychoanalyse inspirierter, opulenter Operneinakter. Beides großartige Stücke, aber doch von sehr verschiedener Stoßrichtung und Machart.

 

Das Scharnier, mit dem die Regisseurin die beiden Stücke, die Oper und das Schauspiel miteinander verzahnt ist das Bühnenbild von Christopher Sprenger, eine rosarote Ritterburg wie aus dem Kinderbuch, eine fadenscheinige Barbie-Puppen-Burg. Sie steht auf der Drehbühne. Aber es ist eine Burg, die wie aus Pappe wirkt. Die beasichtigte Fassadenhaftigkeit, ja sichtbare Kulissenhaftigkeit der Konstruktion desillusioniert. Sie soll es wohl auch. In dieser Burg gibt es bürgerliche Wohnelemente: ein Badezimmer, ein eheliches Schlafzimmer im ersten Stock, eine Küche, eine Sitzecke, all das ziemlich spießbürgerlich, und all das vor einem Plastikbahnen-Rundhorizont. Kostümlich wird ein Paar von parodistisch wirkendem Ritter, der vorn Rüstung, hinten ohne, ständig mit dem Schwert herumfuchtelt und ein Burgfräulein wie aus dem Carneval einem anderen Paar gegenübergestellt, einer hochgeschnürten, glatzköpfigen Bürgerin aus dem 18. Jahrhundert und einem wie Nosferatu daherkommenden schwarzen Gesellen. Thirza Bruncken zeigt zuerst das Bürgerliche Trauerspiel in diesen Koordinaten, dann folgt die Oper. Und alles wird kräftig ineinandergeknetet mit Mitteln der Figurenverdopplung, des Rollentauschs, der chargierenden Übertreibung, angereichert mit allerhand Slapstick, primitiven Blödeleien und holzhammerhaften Gender-Klischees, karikaturenhaft überzeichnet und ironisiert. Im Trauerspiel geraten die Personen völlig durcheinander, die Texte werden von wechselnden Schauspielern und Schauspielerinnen gesprochen, jeder spielt mal jeden, Männer und Frauen sind ununterscheidbar, in der Oper wird die weibliche Protagonisten verdopppelt, das Personal des Schauspiels mischt sich in die Oper ein, sprechend vor allem, was einigermassen befremdet. Sänger übernehmen Schauspielrollen, Schauspieler singen. Das hat etwas von absurdem Theater, von Kasperlspiel, von Komödienstadel und Schülertheater.

 

Einen Sinn oder Mehrwert kann ich in dieser Produktion nicht erkennen. Ich finde diese Veranstaltung nicht nur absurd, sondern geradezu leichtsinnig und abenteuerlich, um nicht zu sagen grotesk, da beide Stücke eigentlich demontiert werden. Sie wirken wie parodiert, verkarnevalisiert, zumal in der krachend chargierenden Personenführung, der grellen Übertreibung und Verzerrung durch stereotyp wiederholte, plakativ zur Schau gestellte Rollen-Klischees. Beide Werke sind doch ernstzunehmende, betroffen machende autonome Kunstwerke. In dieser Inszenierung, die ich übrigens handwerklich ziemlich schlampig und hemdsärmlig finde, einmal ganz abgesehen von der unschönen Optik der Ausstattung, aber über Geschmack lässt sich streiten, für mich verlieren beide Stücke in dieser Produktion ihr Grauen, ihre Faszination, vor allem aber ihren je eigenen Kunst-charakter. Ich kann dieses "Experiment" nur als missglückt bezeichnen. Ich lerne durch diese Produktion nichts mehr über die beiden Stücke, als ich bereits wusste. Und das Ganze ist nur unfreiwillig komisch, ja albern. Es hat für mich etwas von einer hässlichen und überflüssigen Soap opera.

 

GMD Josep Caballé-Domenech bemüht sich, die Staatskapelle Halle zu einer angemessenen Darbietung der Oper zu animieren. Auch die beiden verdienstvollen Gesangssolisten Anke Berndt und Gerd Vogel tun ihr Bestes, aber sie werden von den ohne Frage virtuosen vier Schauspielern Susanne Bredehöft, Felicitas Breest, Thorsten Heidel und Mirco Reseg gewissermassen "gestört" im Ablauf der Oper, wie sie normalerweise dargeboten wird, durch ihre willkürlichen Eingriffe. Man hatte den Eindruck, dass da einige Irritationen aufkamen. Aber auch ein Grossteil des Publikums wirkte irritiert. Die Publikumsäusserungen, die ich in der Pause und nach der Vorstellung aufschnappte und in Gesprächen zu hören bekam, will ich hier lieber nicht wiederholen.

 

Die Tatsache, dass das Opernhaus Halle bei dieser Premiere nur gut zur Hälfte besetzt war, wenn meine Augen mich nicht getäuscht haben, ist ein alarmierendes Publikumsvotum. Nicht ohne Grund hat das Theater nun selbst die Notbremse gezogen angesichts seines kontrovers aufgenommenen künstlerischen Programms und seiner finanziellen Situation, und hat für den 14. Mai eine öffentliche Diskussion anbraumt zum Thema "Ein Opernhaus für alle - Welche Oper braucht Halle?" Die Beantwortung dieser Frage scheint dringend notwendig. Die besorgniserregende Situation der Oper in Halle, ihrer Finanzen, ihres besorgniserregenden Publikumsschwunds und ihrer bedrohten Zukunft ist ja inzwischen in aller Munde. Ob diese neuste Produktion des Hauses ein positives Signal ist, sei dahingestellt...

 

 

Rezension auch in MDR Kultur