Herheims Parsifal

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Bayreuther Festspiele GmbH / Enrico Nawrath

 

Stefan Herheims "Parsifal" in Bayreuth.

Premiere am 25.07.2008

 

"Erlösung dem Erlöser" oder Eine deutsche Zeitreise

 

Am zurückliegenden Wochenende begannen sie, die 97. Bayreuther Richard Wagner-Festspiele. Und zwar mit einer Neuinszenierung des „Bühnenweihfestspiels“ Parsifal. Es ist die neunte Inszenierung des Werks in Bayreuth. Sie löst die umstrittene Produktion von Chrisoph Schlingensief ab. Inszeniert hat der norwegische Regisseur Stefan Herheim, der seit seiner Salzburger Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ zu den gefragtesten Regisseuren seiner Generation gehört.

 

Man war gespannt auf die Eröffnungspremiere der diesjährigen Bayreuther Festspiele, denn es sind die letzten der 42 Jahre langen, alleinigen Amtszeit Wolfgang Wagners, der am 28. Juli als Festspielleiter verabschiedet wird, damit der Stiftungsrat am 1. September seinen Nachfolger wählen kann: Aller Wahrscheinlichkeit nach seine beiden Töchter Eva aus erster und Katharina aus zweiter Ehe. Katharina trat schon jetzt, bei der Eröffnung der diesjährigen Festspiele wie die künftige Chefin auf. Ihre Halbschwester Eva wird es nicht leicht haben mit ihr.

 

Viel wird bereits jetzt am Grünen Hügel spekuliert über die Zukunft Bayreuths, das ja längst nicht mehr maßstabsetztende, modellhafte Aufführungen produziert. In aller Welt sieht man heute meist bessere, interessantere Wagneraufführungen als in Bayreuth. Um so erfreulicher die diesjährige Eröffnungspremiere neben den nichts Neues versprechenden Reprisen von Katharina Wagners kontrovers aufgenommenen "Meistersingern" vom Vorjahr, Marthalers langatmigem "Tristan" und Dorsts und Thielemanns – mit Verlaub gesagt - langweiligem "Ring".

 

Er beginnt verblüffend, der zweite Akt dieses neuen "Parsifals". In Strapsen, wie ein Transvestit tritt der Zauberer Klingsor bei Stefan Herheim auf. Er sieht aus wie der Conférancier aus Bob Fosses Film „Cabaret“. Der erste Akt verblüfft nicht minder. Schon während des Vorspiels schaut man in der realistisch nachgebauten Bibliothek der Villa Wahnfried, dem Wohnhaus Richard Wagners, dem Sterben einer Frau zu. Man denkt unwillkürlich an Cosima Wagner. Und doch ist es Herzeleide, die Mutter Parsifals, deren Tod sein männliches Trauma auslöst. Ihr Bett wird zum Zentrum der Inszenierung. Alle müssen durch dieses Bett, verschwinden darin und tauchen darin wieder empor. Dann plötzlich ist man im Park hinter Wahnfried, und schließlich im Festspielhaus auf der Festspielhausbühne. Die Räume verwandeln sich unaufhörlich: In ein Lazarett im Ersten Weltkrieg, in ein Nazi-Tableau, in den Deutschen Bundestag. Man sieht Germania und Karl den Großen. Die Zeiten wirbeln durcheinander. Illusion und Wirklichkeit durchdringen sich. Theater auf dem Theater. Stefan Herheim nimmt in seiner Inszenierung ernst, was Gurnemanz, dem Kwangchul Yun seine balsamische Stimme leiht, Parsifal verrät: „ Zum Raum wird hier die Zeit“.

 

Stefan Herheim steht – er hat es öffentlich bekundet - Wagners „Parsifal“ skeptisch gegenüber, vor allem seiner dubiosen Bay­reuther Aura, die als kunstreligiöses Erlösungsversprechen durch die deutsche Geschichte der Wagner­rezeption wabert. Herheim hat genau diese Erwartungshaltung an das Erlebnis dieses Werkes in Bayreuth zum Thema seiner Inszenierung gemacht. Er spielt mit der Erlösungs­be­dürftig­keit, Erlösungsmöglichkeit und der Erlösungsfähigkeit des Werkes in der deutschen Geschichte. Es sind deutsche Geschichts-räume, die Stefan Herheim und seine Bühnenbildnerin Heike Scheele aneinanderfügen, ineinander verwandeln, in ständiger Durch-dringung von Bayreuther Räumen und Allgemeinem, Phantastischem und historisch Konkretem, Träumen und Alpträumen. Auch die exquisite Kostümierung von Gesine Völlm zieht an diesem Strang. Cosima-Zeit, Phantastische und Filmzeit durchdringen sich surrealistisch. Kundry darf zum Beispiel - wenn sie gerade nicht wie Cosima gekleidet ist - wie Marlene Dietrich im „Blauen Engel“ als Femme fatale im schwarzen Frack auftreten. Mihoko Fujimura macht das glänzend, schauspielerisch, und sie überrascht mit opulenter, sinnlicher Stimme.

 

Aber nicht nur Kundry ist eine Filmfigur in Herheims „Parsifal“. Herheim zitiert immer wieder Filmisches, von Bob Fosses „Cabaret“, über Josef von Sternbergs „Marokko“ bis hin zu James Ivorys „Remains of the day“. Auch historische Kriegsfilme werden diskret eingeblendet, zumeist im Innern der Villa Wahnfried. Es ist eine vielschichtige Inszenierung, die Stefan Herheim präsentiert. Er erzählt auf individueller Ebene den musiktheatralischen Rei­fungsprozess Parsifals als Geschichte eines reinen Toren, der Auswirkungen von Gewalt zu erkennen und somit seine eigene Biografie zu reflektieren lernt. Diese Reflexion wird aber in einem kulturgeschichtlichen Raum – dem Bayreuther Raum des Wanerclans – durch die Geschichte gebrochen, die deutsche Geschichte. Der junge Parsifal darf im zweiten Akt als kleiner Hitler - von Hakenkreuzflaggen umweht - aus dem Gralsaltar aufsteigen. Bei Kundrys Fluch marschieren Nazis auf. Kriegsversehrte treiben es mit Krankenschwestern, die zu Blumenmädchen mutieren, assistiert von Revuegirls. Im dritten Akt zieht Parsifal in den Deutschen Bundestag ein.

 

Stefan Herheim zeigt den Wagnerschen „Parsifal“ als kollektive Heilssuche in der Geschichte der deutschen Nation, die sich auch politisch immer wieder fragwürdige Erlöserfiguren verschrieben hat ­ bis hin zur Hoffnung der Wagnerianer, Erlösung in Bayreuth zu finden. Herheim erzählt aber auch eine poetische, magische Kindergeschichte des 19. Jahrhunderts, in der viel Unheimliches passiert: Bilder verschwinden, Wandspiegel klappen auf, Tote werden wieder lebendig. Ein kleiner Junge im Matrosenanzug – das Parsifal-Kind im Manne - geistert wie in in einer Erzählung Thomas Manns durch die Handlung und sieht seiner eigenen Ge­burt und seinem Schwanen-Tod in einem Déjàvu-Erlebnis zu. Überhaupt geht es Herheim vor allem um Psychologie:

 

"Es geht hier darum, dass ein uraltes männliches Problem, nämlich diese patriarchalischen Machtansprüche, die Domäne, dass der Mann alles beherrschen will, und Herr seiner Selbst sein will, unabhängig eben von allerlei Schöpfung um ihn herum. Und im Falle Parsifals erlebe ich das wirklich als ein Prozess dahingehend, dass der Mann sich von seinem eigenen ohnmächtigen Anspruch, heil zu werden, erlöst. Erlösung dem Erlöser heißt, der Mann kann von niemandem erlöst werden als von sich selbst, von dem Druck, angeblich Erlöser sein zu müssen." (Herheim)

 

Ein erstaunlich gut disponierter Christopher Ventris singt bei Herheim den Parsifal. Für Stefan Herheim ist diese Figur aber nur eine von vielen Verkörperungen von Männlichkeit, die durch die Grenzüber­schreitung von Raum und Zeit ineinander fallen und sich zum Begriff Erlösung positionieren. In unterschiedlichen Stufen der Macht und Ohnmacht zeigt er diese Männlichkeit: als Titurel, Gurnemanz, Am­fortas, Klingsor und eben Parsifal. Kundry, die einzige Frau im Stück, ist nichts als die männliche Projektion von Weiblichkeit, die als "Andere" überwunden werden muss in zähem Ringen, Erkennen und Widerstehen.

 

Beflügelt, wie fast alle Figuren dieser Inszenierung, tritt Kundry auf, Inbegriff männlicher Weiblichkeits-Sehnsüchte und Ängste. Ihre Flügel – und auch die der anderen Figuren - sind Chiffren dafür, dass es in dieser Inszenierung nicht um ein reales, historisches Bayreuth geht. Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ läßt grüßen. Herheims „Parsifal“ spielt irgendwo zwischen Himmel und Erde eines Wahn-Bayreuths bzw. eines Bayreuther Wahns. Und immer mit Blick auf Wagners Grab, aus dem der Gral leuchtet. Herheims „Parsifal“ ist ein faszinierendes, sinnliches Pandämonium, ist Mysterientheater als Mix aus Bayreuther Wagnerkult, Mythischem, Politischem, Filmischem und Psychoanalyse.

 

"Das ist der Versuch, das alles durch ein künstlerisches Kaleidoskop beleuchten zu lassen." (Herheim)

 

Apropos: Man hat lange nicht mehr den Gral so schön leuchten sehen wie in dieser Inszenierung, die voller Poesie ist. Aber auch voller Ironie. Der Karfreitagszauber beispielsweise wird desillusioniert zum billigen Theaterzauber. Und wenn sich zur Gralshallenszene die nachgemalte Uraufführungskulisse von 1882 vom Schnürboden herabsenkt, erweist sich Herheims Inszenierung als technisch bewun-dernswert realisiertes Zaubertheater. Am Ende erblickt sich das zuschauende Publikum im Spiegel hinter sich drehendem Globus. Alles andere als ein Erlösungsversprechen. Schade, dass der Dirigent Daniele Gatti, der zum ersten Mal am Bayreuther Pult steht, das Stück - entgegen der Inszenierung - ganz nur als weihevolles „Bühnenweihfestspiel“ musizieren läßt, ohne Ecken und Kanten, in Verkennung der Modernität dieser Partitur, und extrem langsam. Dennoch ist dieser „Parsifal“ – der durchweg kultiviert und wortverständlich gesungen wird - eine der besten Aufführungen Bayreuths seit Langem!

 

Das Premierenpublikum feierte sie einhellig. Und versteht sie wohl schon als erstes Anzeichen einer Trendwende in Bayreuth, wo ja in wenigern Wochen eine Neue Ära anbricht. Schon wird im Festspielhaus mit Handys photographiert. Auch ansonsten verhält sich das Publikum inzwischen ziemlich ungeniert und undiszipliniert. Tabubrüche über Tabubrüche! Die "Meistersinger" werden live übertragen auf Videoleinwand auf dem Volksfestplatz. Liveübertragung auch im Internet. Die heilige Burg ist offen für alle. Die Zukunft hat schon begonnen in Bayreuth.

 

 

 

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