Händels Jephta in Halle

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Tobias Kruse

 

Glanzloser, enttäuschender Auftakt der Händelfestspiele 2017

 

Wir spielen jetzt Oratorium und tun so, als ob…

Tatjana Gürbaca inszeniert G.F. Händels: „Jephta“ am Opernhaus Halle

 

Premiere 26. Mai

 

Händel hat mehr als vierzig Opern geschrieben und es besteht eigentlich keine dringende Notwendigkeit, auf seine Oratorien auszuweichen auf der Opernbühne. Aber natürlich hat man das seit Langem immer wieder getan, zumal Händels Oratorien oft ausgesprochen opernhaft sind, und schon zu seinen Lebzeiten im Theater (wenn auch nicht vollszenisch meinesWissens) aufgeführt wurden. Das betrifft auch und ganz besonders Jephta, sein letztes großes Werk, man könnte es fast als Weltabschiedswerk bezeichnen, um mit Wagner zu reden, denn über der Komposition ist der Komponist erblindet. Man darf einige Textpassagen und die Radikalität ihrer Vertonung wohl als persönliche Bekenntnisse Händels auffassen: Beispielsweise den Chor der Israeliten „How dark, O Lord, are thy decrees!“ Das hört sich sehr nach Schicksalserge-benheit an. Und der Satz, „What ever is, is right“, auch er klingt nach Hoffnungslosigkeit und Weltabschied. Mag sein, dass mit diesem Satz auch auf zwei philosophische Werke der Zeit angespielt wurde: Alexander Popes "Essay on man" und Miltons "Paradise lost". Sei's drum.

 

Was die Handlung angeht: Händel und sein bewährter Textdichter Thomas Morell greifen in "Jephta" auf die Geschichte des jüdischen Helden Jephta, wie sie im 11. Kapitel des Buches der Richter im Alten Testament beschrieben wird, zurück: Jephta gelobt, daß er, wenn er die Ammoniter besiegt, das erste Lebewesen, das ihm bei seiner Rückkehr zu Hause begegnet, Gott opfern werde. Als er siegreich zurückkehrt, begegnet ihm als Erstes seine eigene Tochter. Dann folgt aber kurz vor deren Hinrichtung eine glückliche Wendung: Ein Engel tritt wie ein deus ex machina auf der Opernbühne auf und verhindert das Opfer. Jephtas Tochter bleibt am Leben. Ein lieto fine . Ein glückliches, wenn auch etwas aufgesetzt wirkendes Ende.

Tatjana Gürbacas Inszenierung erinnert mich an Aufführungen von Sandra Leupold von vor 15 Jahren, die gern Leute von der Nebenan, von der Strasse auf die Bühne brachte, nach dem Motto: Jetzt spielen wir alle Mal Oper und tun so als ob... Tatjana Gürbaca hat sich von Stefan Heyne in den völlig dekorationslosen, nackten, schwarzen Bühnenraum eine runde, leicht gekippte Scheibe stellen lassen, man denkt sofort an Wieland Wagners Weltenscheibe, sie wurde auch als seine Kochplatte bezeichnet. Und auf diese Scheibe, die zur Drehscheibe wird, strömen Leute in heutiger Strassenkleidung, die genausogut Kirchentags- wie Kaufhaus-publikum meinen könnten, und dann bricht ein Barmen und Händeringen, ein Bitten und Ringen, Flehen und Beten los, gegen das die Oberammergauer Passionsfestspiele harmlos sind. Die Mitwirkenden tun so, als ob sie den Text des Oratoriums mit Händen und Füssen kommentieren sollten. Wenn von Gottes Güte die Rede ist, werden mit frommem Blick Hände gen Himmel gereckt, wenn vom Brausen des Windes gesungen wird, flattern die Hände. Wenn vom Krieg die Rede ist, balgt und prügelt man sich. Man zieht sich auch schon Mal bis auf die Unterwäsche aus. Man spielt toter Käfer, es wird geschritten, geschunkelt und getänzelt, dass man an Eurythmie-Gymnastik denkt. Allerhand klischeehafte Posen und Übertriebes Pathos. Viele Auftritte finden im Zuschauerraum statt. Da wird auch mal kräftig Konfetti ins Publikum geworfen. Und über der Bühne senkt sich gelegentlich eine Scheibe kippend herab, die wie ein übergrosser Rasierspiegel wirkt. Sollte der was mit dem Göttlichen zu tun haben?

 

Einige Zuschauer sind bereits in der Pause gegangen.Wer will´s Ihnen verdenken. Die Aufführung ist von großer Langatmigkeit, um nicht zu sagen Langeweile, auch wenn die Regisseurin möglicherweise eine theatralische Parabel des menschichen Lebens und Leidens als Protest gegen alle Gottergebenheit auf die Bühne bringen wollte. Am Ende straft sie die Dramaturgie des Werks allerdings Lügen, indem sie das Lieto fine, den guten, den opernhaften Schluss des Werks mit dem Auftritt eines von Gott gesandten Engels ad absurdum führt und verweigert. Die Welt ist halt ein Jammertal und Gott ist tot. Ja, ja, wir wissen's doch. Wie der Gekreuzigter saß Jephta denn auch zuletzt, geblendet (von eigener Hand) oder zumindest mit geschlossenen Augen und blutend auf besagtlem Kochscheibenrand... Eine trostlose, aber auch eine kleinkarierte Interpretation, wenn auch ein anspielungsreiches, symbolschwangeres szenisches Tohuwabohu hyperaktiver, sich abstrampelnder Gottesnarren. Aber die Verrätselungen der Inszenierung machen den langen Abend nur dröge, freudlos und mühsam.

 

Er ist es auch sängerisch. In "Jephta" benötigt man immerhin sechs erstklassige Sänger. Man hat sie nicht in Halle Es sind überwiegend sehr enttäuschende, keinesfalls erwähnenswerte Stimmen zu hören. Bezeichnenderweise gab es einen einzigen begeisterten Szenenapplaus des Publikums nach dem Auftritt des Knabensoprans als Engel, der allerdings eher wie ein geschundener, blutüberströmter Bub aussah, dem übel mitgespielt wurde. Ein Kriegskind, gar ein Flüchtling? Ich sage es nicht gern, aber das war die sängerisch deprimierendste, die glanzloseste Opernaufführung der Händelfestspiele Halle, die ich in den letzten 20 Jahren gehört habe. Und was gab es für große Sängerfeste in vergangenen Jahren am Opernhaus Halle!

 

Auch Christoph Spering, der am Pult des Händelfestspielorchesters stand, konnte die Reali-sierung dieses Stücks nicht wirklich musikalisch retten. Er tat zwar sein Bestes, auch der zuverlässige Chor und das nicht sehr inspiriert spielende Händelfestspielorchester waren sehr engagiert bei der Sache, aber … Man hat dieses Oratorium auch schon mal faszinierend und mitreißend gehört.

 

 

Rezension auch in MDR Kultur