Gottfried von Einems Dantons Tod in Magdeburg

Dieter David Scholz

 

 

 

Photos: Kirsten Nijhof

Die Revolution frisst ihre Kinder

 

Anlässlich des 100sten Geburtstags von Gottfried von Einem hat das Theater Magdeburg seine Oper "Dantons Tod", frei nach Georg Büchner, ausgegraben. 1947 wurde die Oper mit großem Erfolg bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. In den letzten Jahrzehnten war es aller-dings still um von Einem geworden. Nun erinnert man sich wieder ihn, der sich selbst einmal als lebenden Dinosaurier bezeichnete und so gar nicht in irgendeine Schublade passt. Er galt Zeit seines Lebens als ein Mensch, der aus der Zeit gefallen schien. Auch musikalisch. Jetzt scheint die Zeit für seine Renaissance gekommen. In Wien, wo der kauzig-knorzige Einzel-gänger unter den „Componisten“ (er bestand auf diese Schreibweise) halb respektvoll, halb ironisch "der Eine" genannt wird, kommt an der Staatsoper im März "Dantons Tod" heraus, gleichzeitig im Theater an der Wien sein "Besuch der Alten Dame" und die Salzburger Festspiele bringen, konzertant, aber immerhin, seine Oper "Der Prozess" heraus.

 

In "Dantons Tod" geht es um die Französische Revolution, aber auch um Terror, Massenmani-pulation und Populismus. Themen, die auch in der heutigen Welt vielerorts aktuell sind. Karen Stone belässt das Stück denn auch nicht in der Zeit des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Sie zeigt das Stück stattdessen in zeitloser Moderne mit Anklängen ans Historische auf meh-reren Ebenen, die durch Treppen verbunden sind. Bühnenbildner und Ausstatter Ulrich Schulz hat sich vor allem inspirieren lassen von der Mode der Sechzigerjahre, ohne aber beispiels-weise auf die sogenannte Achtundsechziger-Revolution hinzuweisen, auch Anspielungen auf Kommunismus oder Faschismus bleiben außen vor. Also keine konkrete, eindeutige Aktua-lisierung. Nein, Karen Stone geht es wirklich um die zeitlos-aktuelle Frage, wie und auf wessen Kosten ein gerechtes System politisch durchgesetzt werden kann. In der Konfrontation der beiden Hauptfiguren, des fanatischen grausamen Machtmenschen Robespierre und des idealistischen Freiheitskämpfers Danton macht sie nur zu deutlich, dass das Sprichwort, dass am Ende meist die Revolution ihre eigenen Kinder frisst, meißt recht behält. Nicht nur in Frankreich. Und nicht nur am Ende des 18ten Jahrhunderts. Karen Stone führt ein eindrucks-volles Stück moralischen, um nicht zu sagen politischen Musiktheaters demonstrativ vor. Sie lässt den Chor der manipulierbaren, wankelmütigen und sensationslüsternen Masse immer wieder die geballte Faust gen Himmel strecken. Erinnerungen an Massenveranstaltungen in zwei unterschiedlichen Regimen Deutschlands kommen hoch. Das wirkt zuweilen etwas plakativ. Aber es hat durchaus seine massenpsychologische Wahrheit. Am Ende ihrer drasti-schen Inszenierung lässt Karen Stone ein riesiges Guillotinenmesser vom Bühnenhimmel herabfahren, auf dem die Worte Fraternité, Egalité und Liberté geschrieben stehen, also das republikanische Motto: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber Hektoliter von Blut fliessen an ihm herab. Ein starkes Bild. Auch die Musik dieser Oper ist stark. Aber wie wirkt sie auf uns Heutige? Gottfried von Einem, er war übrigens Schüler von Boris Blacher, hat sich nie einer musikalischen Schule der Moderne angeschlossen. Seine Musik ist im Wesentlichen tonale Musik, also traditionelle Musik und erschließt sich dem breiten Opernpublikum relativ leicht. Es ist wirkungsvolle, dramatische Theatermusik. Natürlich hat sie bei der Uraufführung 1947 eine wesentlich stärkere Wirkung gehabt, nach dem Ende des Dritten Reiches. Von Einem hat mit dieser Oper ja nicht zuletzt den überwundenen Totalitarismus Deutschlands angeprangert. Heute kommt uns seine Musik weit harmloser vor, als den Opernbesuchern damals. Was haben wir auch alles hören müssen / dürfen inzwischen! Kimbo Ishi, der GMD des Magdeburger Theaters, hat alle Register gezogen, die Qualität dieser eigenwilligen Musik zwischen Richard Strauss und Igor Strawinsky aufs Beste zur Geltung kommen zu lassen.

 

Unter den insgesamt respektablen Gesangssolisten ragen ausgerechnet zwei der kleinsten Nebenpartien, der Henker (Alejandro Muñoz Castillo und Frank Heinrich) als kantable Glanzlichter hervor. Von den Interpreten der Hauptpartien (Peter Bording als Georges Danton, Stephen Chaundy als Maximilien de Robespierre) hätte man sich allerdings etwas mehr Textverständlichkeit gewünscht, zumal von Einem einen deklamatorischen Gesangsstil schreibt. Da kommt es auf anderes als nur Phonstärke an. Grossartig ist der Chor des Hauses. Der lässt keine Wünsche offen. Das Publikum spendete begeisterten Applaus für alle Mit-wirkenden. Die Magdeburger lieben ihr Theater. Die Inszenierung ist eindrucksvoll und deutlich. Ihre Botschaft ist verstanden worden. Ob das Stück auf Dauer heute noch den Erfolg hat, Häuser zu füllen wie Ende der 40er, Anfang der 50-er Jahre, bleibt abzuwarten.

 

Beitrag u.a. auch in MDR Kultur