Götterdämmerung in Wiesbaden

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Karl und Monika Forster / Staatstheater Wiesbaden

Zwischen Germania und Science Fiction

 

Musikalisch hinreißende „Götterdämmerung“ komplettiert den neuenWiesbadener „Ring“.

Premiere 23.04.2017

 

Nun hat sich die Linzer „Ring“ Produktion des Jahres 2013 auch in ihrer bearbeiteten Version am Hessischen Staatstheater gerundet. Ohne Frage ein außergewöhnlicher Kraftakt: Innerhalb von nur einer Spielzeit ließ Intendant Uwe Eric Laufenberg alle vier Premieren von Richard Wagners Nibelungen-Tetralogie über die Bühne gehen. Und doch lässt der Schlussstein in Uwe-Eric Laufenbergs Inszenierung eigentlich alle Fragen offen, wenn der Schlussvorhang fällt. Ausgerechnet Gutrune, die harmlos uninteressanteste der Überlebenden nach dem Menetekel des Welten- und Walhallbrandes, sucht mit dem Fernrohr den sich erleuchtenden Zuschauerraum des prachtvollen Wiesbadener Theaters ab. Wonach sucht sie nur? Wo doch zuvor nach Brünn-hildens Schlußgesang Uwe-Eric Laufenberg in einer opulenten Video-Mischung aus hollywood-reifen SF-Weltunter-gangsvisionen keinen Zweifel daran ließ, dass es mit dem Geschlecht der Menschen und Götter aus ist. Der Blick des Videos richtet sich ins Kosmische... Planeten, Sterne, Galaxien rauschen an den Zuschauern vorbei. Irgendwo da draussen muss es doch noch Leben, wenigstens einen neuen Anfang geben. Freilich, mit dem Hobbyfernrohr lässt es sich ganz sicher nicht ausmachen. Einer der vielen unglaubwürdigen Regieeinfälle Laufenbergs. Seine Inszenie-rungs-Tetralogie ist nicht wirklich von überzeugender Geschlossenheit. Er hat die Tetralogie in Gisbert Jäkels aufwendigem Bühnenbild, durch die Epochen springend erzählt, vom nomadischen Altertum über die „Walküre“ im Weltkriegsambiente und den „Siegfried“ in vom Kapitalmarkt beherrschter Gegenwart bis zu einer großen Untergangsvision unserer Zivilisation mit Nuklearraketen, Atompilzen und Naturkatastrophen (Videos:Falko Sternberg) . Dazwischen die steinerne Germania.

Das sind Immer wieder starke Bilder. Aber da ist auch viel Leerlauf und Beliebigkeit. Brünnhilde und Siegfried bewohnen einen schicken Glaspavillon mit Schiebetüren. Um ihn wickeln die Nornen (Bernadette Fodor, Silvia Hauer und Sabina Cvilak) ihre „Seile“ mit Laserstrahlen, die aus den Fingern schießen. Die Rheintöchter (Katharina Konradi, Martha Wryk und Silvia Hauer) treten mit beachtlichem Sexappeal vor dem Aquarium einer zwielichtigen Rheingold-Bar auf. Schön und gut. Aber warum, bitte, wird gelegentlich ein wie aus Marmor gemeißeltes, übergroßes Trojanisches Pferd à la Breker herein geschoben? Soll das Brünnhildes Luftroß Grane sein? Realistischer ist da schon das viele tote Wild, das von der Jagdgesellschaft der Hagenschen Mannen herbei geschleppt wird zum Sterbegesang Siegfrieds. Zu Siegfrieds Rheinfahrt darf das Publikum dann einem Videoflug übers Rheintal beiwohnen. Irgendwo oberhalb der Marksburg wird gestoppt. Dort befindet sich dann wohl die Gibichungenhalle. Laufenberg zeigt sie als Theater auf dem Theater. Ein Theaterportal mit rotem Vorhang. Basta. Viele Ideen. Ein Konzept ist das nicht.

 

Immerhin hat die Personenregie überzeugende Momente: Gunther und Gutrune sind sich bei Laufenberg näher, als es unter Geschwistern üblich ist, ihre Knutscherei ist eindeutig. Wälsungenblut lässt grüßen. Die Blutsbrüderschaft Gunthers mit Siegfried wird an langen Tisch auch schriftlich besiegelt. Auf ihm sitzt Hagen dann zur Wacht, Alberich daneben, er darf zudem als Hagens Traum per Video über eine Leinwand flimmern. Nicht uninteressant ist Laufenbergs Sicht auf Siegfried. Nachdem er in Gunthers Gestalt Brünnhilde überwältigt und ihr den Ring entrissen hat, singt er „Nun, Nothung, zeuge du, dass ich in Züchten warb“. Laufenberg straft diese Behauptung Lügen und entlarvt sie als „höhnisches Lippenbekenntnis eines skrupellosen Karrieristen, der alles nimmt, was er kriegen kann“, wie ein Kollege zutreffend formulierte. In Laufenbergs Inszenierung knöpft Siegfried sich die Hose auf und missbraucht die ohnmächtige Brünnhilde, wenn der Vorhang fällt. Siegfried ist bei Laufenberg der „moderne“ Mensch der Zukunft, ohne Furcht, ohne „Bildung“, Moral und Gewissen, der sich an der Natur versündigt, über Leichen und blind dem eigenen Untergang entgegenargeht, bevor Brünnhilde Welt und Götter vom Fluch des Rings erlöst und sich selbst aufopfert.

 

Catherine Forster singt sie phänomenal. Ohne jede Anstrengung bewältigt sie die hochdra-matische Riesenpartie, gestaltet sie souverän, gelegentlich sogar mit britischer Ironie. Beim Hochzeitszug Siegfrieds und Guntrunes nimmt sie sich, rachesicher, was sie braucht und stützt sich auf Schwächling Gunther, küsst ihn fast bis zur Besinnungslosigkeit und zieht ihn hinter Gutrune und Siegfried her. Nun zeigt sie es der Welt! Andreas Schager singt den betrogenen Betrüger konkurrenzlos kraftvoll und wortverständlich. Dieser Siegfried ist ein Helden- Strahlemann in der Pose dessen, der kam, sah und siegte. Weit weniger überzeugt der gesangstechnisch grenzwertige Matias Tosi als Gunther. Shavleg Armasis singt, wenn auch etwas zu wenig schwarz und zu kleinstimmig, aber immerhin korrekt und anständig den Hagen. Die Gutrune der attraktiven Sopranistin Sabina Cvilak ist rollendeckend. Die Waltraute der etwas gedrückt-gedrungenen Mezzosopranistin Bernadett Fodor lässt trotz scönen Materials stimmtechnisch zu wünschen übrig. Der mal mit Maschinenpistolen bewaffnete, mal rote Fähnchen schwenkende Chor singt, von Albert Horne einstudiert, sehr zuverlässig.

Sensationell darf man das Dirigat von Alexander Joel nennen. Er ist am letzten Abend des Vierteiles über sich hinausgewachsen und hat den Spagat zwischen transparenter und narko-tisierender Lesart hingelegt. Und das trotz nicht eben bester akustischer Eignung des Raums für ein solches Werk und trotz nicht eben optimaler Orchesterbesetzung. Doch seine klug ausba-lancierte, präzise strukturierte und außerordentlich raffinierte Durchleuchtung der „Götterdämmerungs“-Musik nimmt für sich ein. Alexander Joel ist ein hochintelligenter, kapellmeisterlich bestechender Partitur-Analytiker und brillianter Klangzauberer! Er hat seine überragenden dirigentischen Fähigkeiten zuletzt auch in der Amsterdamer Puccini-„Manon“ und im Antwerpener „Simone Boccanegra“ Verdis unter Beweis gestellt. Chapeau!