Götterdämmerung in Minden

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Friedrich Lucheterhand

 

Das Wunder Minden

Der Ring hat sich gerundet

 

Wunder gibt es noch! Im kleinen Stadttheater der ostwestfälischen Stadt Minden bei-spielsweise, wo sich am 6.09.2018 mit der „Götterdämmerung“ Wagners „Ring“-

Tetralogie rundete, finanziert mit überwiegend privatem Geld. Jutta Hering-Winckler, die „gute Seele“ des tat- und finanzkräftigen Richard Wagner Verbandes Minden, hat das ehrgeizige Projekt, das im Sommer 2015 als gewaltiges Wagnis mit „Rheingold“ begann, als Kooperation mit ihrem Richard Wagner-Verband, dem Stadttheater Minden und der Nordwestdeutschen Philharmonie erfolgreich zu Ende geführt.

 

Das Konzept dieses „Ring“ ist so einfach wie sinnig: Ein in verschiedenen Farben leuchtender Ring als Bühnenportal rahmt die Spielfläche über dem Orchestergraben ein. Die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie spielen unter ihrem Dirigenten Frank Beermann auf der Haupt- und Hinterbühne, verschleiert von einem Gaze-Vorhang, auf den illustrative Videosequenzen von Matthias Lippert projiziert werden. Symbolische Lichteffekte (Michael Kohlhagen) ersetzen Kulissen. Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann hat aus der Not des Platzmangels eine Tugend gemacht und zeigt auf der Vorbühne einen „Ring“ zum Anfassen. Nur wenige Requisiten, markieren Örtlichkeiten der Handlung. Ein mit roten Geländern eingefasstes Treppenkonstrukt ermöglicht viel-fältige Auf- und Abtritte. Der Chor wird auf einer Galerie über dem Orchester platziert. Der erfahrene Alt-Regisseur Gerd Heinz erzählt das Schlußstück der kapitalismuskri-tischen Parabel so gegenwärtig wie „werktreu“ ohne alle Mätzchen. Selten erlebte man die Götterdämmerung, wie diesen ganzen „Ring“, der im nächsten Jahr zweimal zyk-lisch komplett aufgeführt wird, so hautnah und selbstverständlich. Bei der vieldeutigen Finalmusik nach Brünnhildes Selbstopferung lässt der Regisseur alle Mitwirkenden noch einmal auf die Bühne kommen, um dem Orchester zu lauschen. Die Musik hat bei ihm das letzte Wort. Meint sie Resignation, Weltende oder Hoffnung auf Erneuerung? Alle Fragen bleiben offen. Eine Inszenierung ohne alle Bevormundung oder Belehrung.

 

Die szenische Distanzlosigkeit und das präzise wie klangprächtig aufspielende „unsicht-bare“ Orchester (die Nordwestdeutsche Philharmonie spielt fabelhaft) erweist sich als Glücksfall. Siegfrieds Trauermarsch wird - für sich sprechend - ohne szenischen Kom-mentar als erschütternde sinfonische Dichtung über Gewalt vorgeführt. Unter Frank Beermanns kluger, sensibler wie energischer Leitung kommt man Wagners Idee von der „Geburt des Dramas aus dem Geist der Musik“ recht nahe. Den Darstellern wird ermög-licht, sich ohne zu Schreien Wagners Ideal eines „deutschen Belcanto“ anzunähern. Man versteht jedes Wort. Handlung und Psychologie des Stücks nimmt man wahr, wie nur selten. Nun hat man mit Sängern wie dem konkurrenzlos kultivierten Tenor Tho-mas Mohr (Siegfried), dem Heldenbariton Renatus Mészár (Gunther), Frank Blees (Al-berich), Andreas Hörl (Hagen), Kathrin Göring (Waltraute) und der phänomenalen Dara Hobbs (Brünnhilde) ein exquisites Ensemble zusammengestellt, wie es in ersten Opernhäusern nicht besser sein könnte. Ein Glücksfall!

 

Beitrag auch in "Das Orchster" (Schott)