Fidelio Hamburg

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Arno Declair

 

 

Absurdes deutsches Wald- und Wohnzimmerstück

 

Seit der Spielzeit 2015/2016 ist George Delnon Intendant der Staatsoper Hamburg. Im zu-rückliegenden Oktober wurde sein Vertrag bis zum Jahre 2025 verlängert. Ebenso der des GMDs Kent Nagano. Nun haben beide Ludwig van Beethovens einzige Oper "Fidelio" her-ausgebracht. Eine Koproduktion mit dem Teatro Comunale in Bologna. Die Hamburger Premiere war am 28.01.2018.

 

Beethovens Oper "Fidelio" hatte eine schwere Geburt. Nicht ohne Grund nannte der Kom-ponist sein einziges Werk, das er für die Opernbühne komponiert hatte, sein "Schmerzens-kind". (Der Grund liegt in der komplizierten Entstehungsgeschichte des Stücks, dessen Vor-lage Jean Nicolas Bouillys „Léonore ou L´Amour conjugal“ - "Leonore oder Die ehelichen Liebe" mit der Musik von Pierre Gaveaux 1798 in Paris uraufgeführt wurde.) Das Libretto basiert auf tatsächlichen Begebenheiten und schildert einen eine kühne Errettungsgeschichte aus der Schreckenszeit der Revolution, die Beethoven als Apotheose von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Wahrheit und ehelicher Gattenliebe zugespitzt hat. In Delnons Inszenierung schreitet der in Weiß gehüllte Schlußchor mit seiner Botschaft plötzlich aus dem Wald in den geöffneten Raum der Vorderbühne wie eine Schar von Sektenmitgliedern.

 

An die Französische Revolution erinnert in der ersten eigenen Inszenierung, die Georges Delnon auf der großen Bühne der Hamburgischen Staatsoper präsentierte, nur ein Bildzitat. Zu Beginn des zweiten Aktes wird Florestan, blutend und mit bandagiertem Kopf in einer Art Badewanne, es könnte sich auch um einen Sarg handeln, auf die Bühne gefahren. Eine eindeutige Anspielung an das Bild "Der Tod des Marat" von Jacques-Louis David, eine der berühmtesten Darstellungen von Ereignissen der Französischen Revolution in der Bildenden Kunst. Ansonsten zeigt Delnon ein deutsches Wohnzimmerstück der 1960er Jahre. Durch die Fenster des schäbigen Raums verfolgt der Zuschauer gezoomte Kamerafahrten eines Videofilms, den das derzeit beliebte "fettFilm" - Team um Momme Hinrichs und Torge Møller produzierte, mal mit Sonnenaufgang, mal mit Hirschkuh, mal mit weissem Wolf. Was der Wald mit "Fidelio" zu tun hat? Die Frage bleibt offen, wie so manch andere der plakativen Inszenierung, die vom Publikum mit starken Buhs quittiert wurde.

 

Elf Jahre dauerte die Entstehungsgeschichte der Oper „Fidelio“. Nicht weniger als vier Fas-sungen gibt es. Mehrfach hat Beethoven seine ursprünglich "Leonore" betitelte Oper umge-arbeitet, hat immer neue Ouvertüren geschrieben, hat gerafft und gestrafft. Mehrfach haben seine Librettisten Sonnleitner und Treitschke Hand anlegen müssen, um die wegen der Zensur nach Spanien verlegte Handlung in einigermaßen glaubwürdige Bahnen zu lenken. Die Musik Beethovens hat dem Stück schließlich das überragende Format verliehen, der den drei anderen drei zeitgleichen Vertonungen des Boilly-Stücks abgeht. Innerhalb von acht Jahren haben auch die Komponisten Pierre Gaveau, Simon Anton Mayr und Ferdinando Paër die Libretto-Vorlage von Bouilly vertont.

 

Leider hat Kent Nagano das unkonzentriert spielende und alles andere als brilliant klingende Philharmonische Staatsorchester Hamburg zu keiner mitreißenden Interpretation der Beet-hovenschen Musik animieren können. Dumpf im Klang, langsam in den Tempi und nur ge-legentlich allzu aufgedonnerte Akzente setzend ist sein Dirigat keine Rettung des Abends. Sie ist so enttäuschend wie Georges Delnons Inszenierung, der es in ihrer stereotypen Personen-führung nicht gelingt, den schwierigen Spagat zwischen heroischer Rettungsoper und klein-bürgerlichem Singspiel, auch nur annähernd glaubwürdig auf die Bühne zu bringen. Stattdessen inszeniert Delnon ein bürgerliches Familienstück mit doppeltem Boden, aber als verkopftes Behauptungstheater. Im Programmheft liest man allerhand von deutsch-deutschen Wiedervereinigungsproblemen. Was haben sie mit Beethovens Fidelio zu tun? Und warum dieses Stück auch bühnenästhetisch als Reminiszenz an muffig-spießiges DDR-Ambiente? Alle Szenen spielen in einem heruntergekommenen Gartenzimmer. Aus dessen mit Blümchen-tapeten dekorierter Wand werden nach Bedarf Regale mit Gefangenen herausgeschoben. Rocco der clochardhaft gewandete Kerkermeister tippt Schreibmaschine, während seine Tochter am Klavier Beethovens „Für Elise“ spielt, wenn ihr nicht gerade Joaquin an die Wäsche geht. Nebenan bellt gelegentlich der Gefängnishund. Ein wirres Bühnengeschehen, in dem ein wenig glanzvolles Sängerensemble agiert. Am überzeugendsten ist Falk Struckmann als Rocco.

 

Einige Dialoge dieses „Fidelio“ kommen aus der Radiotruhe oder aus dem Off. Immer wieder schwarze Zwischenvorhänge. Darauf Literaturzitate wie das von Hölderlin, da liest man z.B. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Rettung dieser befremdlichen Produktion kommt leider auch nicht aus den Kehlen der Gesangssolisten. Christopher Ventris als Flo-restan hatte bei der Premiere keine gute Tagesverfassung und Simone Schneider sang mit abgedunkelter, eng geführter und oft allzu laut intonierter Stimme. Nicht geraden Schöng-esang! Auch das Buffopaar Marcelline und Joaquino hat man schon weit besser gehört. Immerhin rollendeckend sind Don Ferrando mit dem türkischen Bariton Kartal Karagedik und Don Pizarro mit Werner von Mechelen besetzt. Eigentlich ein bisschen wenig für ein Haus wie die Staatsoper Hamburg. Kein wirkliches Sängerfest. Und was hat man in Hamburg schon für großartige „Fidelio“-Aufführungen erlebt. Immerhin, der Chor der Staatsoper Hamburg singt mit gewohnter Zuverlässigkeit und Präzision.

 

 

Beitrag auch für SWR 2