Festival della Valle d´Itria 2017

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Festival della Valle d´Itria, Paolo Conserva

 

Südlichstes Musikfestival Italiens: Vielfalt und Kooperationen

Halb geglückte Ausgrabung von Meyerbeers „Margherita d´Anjou“

 

Die 43ste Saison des Festivals della Valle d´Itria präsentierte sich vielseitiger denn je. Präsident Franco Punzi setzt verstärkt auf Wiederentdeckung vergessener Werke, Ausweitung der Auf-führungsorte, Kooperationen und sängerische Nachwuchsförderung durch die Accademia del Belcanto „Rodolfo Celetti“, benannt nach dem legendären Gesangspädagogen und Belcanto -Theoretiker, er war von 1980 bis 1993 künstlerischer Direktor des Festivals. Sänger dieser Ausbildungsstätte wie auch der „Accademia del Maggio Musicale Fiorentino“ wurden denn auch in eine reizvolle Ausgrabung der Oper „Le Donne Vendicate“ (nach Goldoni) des aus Bari stammenden, in Neapel ausgebildeten Niccolò Piccini eingebunden. Leider orchestral von Ferdinando Sulla nicht eben historisch informiert aufegführt. Aber erstmals spielte man in einer außerhalb Martina Francas gelegenen, zauberhaften Masseria, eigentlich einem veritablen Landschloß. Auch Puccinis „Gianni Schicchi“ wurde von Nachwuchssängern beider Institu-tionen im Innenhof des Klosters San Domenico aus „Arme Leute“-Perspektive, quasi alla na-poletana (Regie Davide Garatini Raimondi) gegeben. Der junge Nikolas Nägele überraschte mit klugem Dirigat trotz arg reduzierten Orchesters des ICO della Magna Greca. Kooperationen mit der Fondazione Paolo Grassi di Martina Franca, der Accademia delle Belle Art di Bari sowie der Fondazione Puglia ermöglichten eine Workshop-Aufführung der frühen Verdi-Oper „Un giorno di Regno“. In Kooperation mit dem venezianischen Teatro La Fenice zeigte man im Palazzo Ducale, dem traditionellen Aufführungsort des Festivals, Antonio Vivaldis „Orlando Furioso“ mit Diego Fasolis am Pult des Ensembles I Barocchisti. Mit dem festivaleigenen Barockensemble führte man Monteverdi-Madrigale auf. Mit zahlreichen Sänger- und Orches-terkonzerten, die das im benachbarten Taranto ansässigen Orchesters des ICO della Magna Greca bestritt, konnte das wichtigste Festival Süditaliens in knapp drei Wochen immerhin 33 Veranstaltungen aufbieten.

 

Höhepunkt des respektablen Programms war die Ausgrabung von Meyerbeers “Margherita d`Anjou”, der von ihm für die Karnevalssaison 1890/20 der Mailänder Scala geschriebenen zweiaktigen Oper. “Margherita d`Anjou” ist ein Werk des „Nicht mehr und Noch nicht“. Sie ist zwar noch ganz dem Vorbild der Sängeroper aus dem Geist Rossinis verpflichtet, überrascht aber doch mit bis dato ungehörter Klangdramaturgie, neuartigen Großszenen, Ensembles und Ariengestaltungen, sowie romantisch idyllischen Situationen und prachtvollen Genrechören, aber auch mit einer integrierten komischen Figur (der des Michele), die immer wieder humo-ristische Kontrapunkte setzt und die Gattungsbezeichnung „Melodramma semiserio“ recht-fertigt. Dass das Festival della Valle d´Itria diese zweiaktige, hierzulande in den letzten hun-dertfünfzig Jahren kaum mehr gespielte, gegenüber den französischen Werken Meyerbeers ins Hintertreffen geratene Oper ausgegraben hat, ist mutig und ehrenvoll, doch leider nur ein halber Sieg in Sachen Meyerbeer.

Schon die Inszenierung von Alessandro Talevi, die das Stück als punkige Modenschau back-stage und am Filmset vor einem Birkenwäldchen im barocken Palazzo Ducale gibt, mit arg schrillen Kostümen Madelaine Boyds, erschöpft sich in banalem, voyeuristischen Theater des Kleiderwechselns, Posierens und Tanzens im Discostil(Choreographie Riccardo Olivier) und wird dem „mélodrame historique“ von René-Charles Guilbert de Pixérécourt, auf dem das Libretto von Felice Romani basiert, nicht gerecht und langweilt in seiner Beliebigkeit und Vorhersehbarkeit. Geradezu grotesk ist die zum Frottéspaß verulkte Bauerngenreszene.

 

In der auf einem „mélodrame historique“ des von Meyerbeer geschätzten René-Charles Guil-bert de Pixérécourt basierenden, von Felice Romani zum Libretto umgearbeiteten Oper geht es eigentlich um einen historischen Privatkonflikt Margheritas, der Witwe des von seinen Gegnern grausam zu Tode gebrachten Heinrichs VI. den sie mit Hilfe des Herzogs von Lavarenne, ihres Geliebten, zu rächen sucht. Da Lavarenne jedoch verheiratet ist und die Soldateska des feind-lichen Herzogs von Glocester weder tatenlos, noch zimperlich ist, nimmt das Unglück seinen Lauf. Als Bäuerin verkleidet, wird die Königin in einer einsamen Hütte versteckt. In höchster Gefahr wendet sich jedoch das Blatt durch die Rettungstat der Lavarenne in Männerkleidung heimlich nachgefolgten betrogenen Gattin Isaura, die Lavarennes Liebe zurückgewinnt und mit ihrem Gatten Glocesters Truppen schlägt. Die Königin siegt zwar, verzichtet aber als Frau auf die Liebe Lavarennes und geht leer aus.

 

Sängerisch kann man diese außergewöhnliche Oper eindrucksvoll besetzen. Die erst 30-jährige dramatische Koloratursopranistin Giulia de Blasis singt die Titelpartie virtuos, der russische Tenor Anton Rositskiy, Ritter des hohen C, begeistert als Duca di Lavarenne (obwohl in der Parodie eines blödelnden Popstars). Mit samtigem Mezzosopran singt Gaia Petrone die Hosen-rolle der Isaura. Bastian Thomas Kohl singt den Duca die Glocester mit schwarzem Bass, roter Irokesenfrisur und im Schottenrock. Gefeierter Clown des Abends ist der stimmprächtige Buffo-Bariton Marco Filippo Romano, der den Chirurgen Michele Gamautte als Moderator, Kommentator, Inspizienten der Show und Tunte von höheren Gnaden gibt. Auch der Chor des Teatro Municipale di Piacenza singt tadellos. Leider gelingt es dem inzwischen 58 jährigen dirigierenden Hans Dampf in allen Gassen, Fabio Luisi, seit 2015 Musikdirektor des Festivals, vom Pult aus nicht, die außergewöhnliche musikalische Qualität der Oper zu beglaubigen. Er hält das Orchestra Internazionale d´Italia zu durchweg konturen- und kraftlosem Spiel ohne Esprit an, setzt auf breite Tempi und lässt es an der für Meyerbeer so wichtigen Clarté und Durchhörbarkeit des musikalischen Satzes mangeln. Schade!

 

 

Verschiedene Beiträge in „die Deutsche Bühne und „Das Orchester“ (Schott)