Erneut. John Dews Parsifal in Chemnitz

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Barbara Aumüller

 

Neuerliche Gedanken zu Richard Wagners „Parsifal“ im Theater Chemnitz

Blasphemisch-ironisches Bühnenweihfestspiel

 

 

Zu Karfreitag 2018 gab es am Theater Chemnitz wieder eine Reprise des Wagner-schen Bühnenweihfestspiels „Parsifal“ in der 2013 aus dem Staatstheater Darmstadt als Koproduktion übernommenen Inszenierung von John Dew. Ich habe die Premiere damals im MDR rezensiert. Hier Worte meiner neuerlichen Begeisterung:

 

John Dew ist einer der Regisseure, die nicht gerade dafür bekannt sind, dass sie "werktreu" inszenieren, eher doch gegen den Strich, frech und unkonventionell. Ist er diesem Ruf auch bei Wagners "Weltabschiedswerk" gerecht geworden?

Ja und nein, denn einerseits hat er - was wirklich ungewöhnlich für ihn ist - Wag-ners Bühnenweihfestspiel wie ein solches zelebriert, mit weihevollen Tableaus von fast oberam-mergauerhaftem Zuschnitt, statuarisch in der Personenführung und mit zum Teil pedantischer Befolgung von Wagners Regieanweisungen, etwa beim Schwanentod im ersten oder bei Kundrys Fußwarschung Parsifals im dritten Akt. Es gibt viel Weihrauch schon in der ersten Verwandlungsszene. Da ziehen Minis-tranten - ähnlich wie am Karfreitag in der Kathedrale von Santiago de Compostela - ein gigantisches Weihrauchfass an einem Seil hoch und lassen es durch den ga-zen Raum hin und her schwingen. Andererseits hat John Dew aber auch sehr viel nachgedacht über Wagners Weltabschiedswerk und das zeigt er auch. Dew hat über die vordergründige Handlung eine Schicht kritischer Auseinandersetzung mit dem Stück, seiner Bedeutung, auch seiner Entstehungsgeschichte gelegt. Eine Inszen-ierung mit These und Antithese. Also eins zu eins sieht man Wagners Parsifal dann doch nicht.

 

Den Zuschauer erwartet auf der Bühne denn auch eine Sakralshow von suggestiver Bildkraft, von atmosphärischen Lichtstimmungen und von einem beinahe ver-liebten Spiel mit religiösen Riten und Symbolen. Teatrum sacrum von „faulem Zauber“. Im ersten Akt wohnt man einer Art Religionsunterricht im Kloster bei, wo Ministranten auf einer Schultafel die die christliche Symbolik des Parsifal erklärt bekommen vom Pater Gurnemanz in schwarzer Soutane. Und das hinter einer Chorschranke, auf der die Namen der vier Kirchenlehrer zu lesen sind: Augustinus, Hieronymus, Gregorius und Ambrosius. In der Gralsszene senkt sich dann vom Bühnenhimmel ein gigantisches Kruzifix auf die Bühne herab und schwebt über einem Kreis aus gläsernen Speeren, die magisch aufleuchten. Pikan-tes Detail: Titurels Sarg sieht aus wie die Bundeslade. Der zweite Akt veran-schaulicht gewissermaßen die Religionskritik. Auf der Chorschranke liest man dann vier Namen religionskritischer Philosophen der Neuzeit: Spinoza, Voltaire, Marx, der die Religion als Opium des Volkes bezeichnete, und Nietzsche, der Gott für tot erklärte und den wunderbaren Aphorismus in die Weltsetzte: "Das Chris-tentum gab dem Eros Gift zu trinken. Er starb zwar nicht daran, aber er entartete zum Laster." Und das sieht zeigt John Dew eigentlich im zweiten Akt, der auf einem aufgeschlagenen Buch spielt, die Männerverführerin Kundry entsteigt diesem Nietzsche-Schmöker, das Ganze unter einem riesigen Kreuz, um das sich nun die Satansschlange mit aufgerissenem Maul windet. Und Professor Nietzsche persönlich tritt als Zauberer Klingsor auf. So fromm der erste Akt, so blasphemisch ist der zweite Akt, an dessen Ende das gewaltige Kruzifix, das über der Bühne schwebt, desillusionierend gekippt und als hohle Kulisse entlarvt wird.

 

Obwohl zwiespältig, ja widersprüchlich, überzeugt diese Inszenierung, denn John Dew veranschaulicht in ihr ganz ungeniert seine Hassliebe zum Christentum, zu christlichen Traditionen und Symbolen. Mit ins Auge springenden, gelegentlich auch augenzwinkernden Anleihen aus der Inszenierungsgeschichte, von der Ur-aufführung über Wieland Wagner bis zu Harry Kupfer. John Dew spielt mit der Parsifal-Aufführungstradition wie mit kirchlichem Ritus. Er liebäugelt mit Kirche als Himmelstheater, macht aber doch eher ein pseudo-religiöses, wo nicht ironi-sches Kirchweihfestspiel daraus. Dew zeigt den Parsifal als kritisch gebrochenen, melancholisch-religiösen wie fragwürdigen Erlösungs-Traum. Statt Erlösung senkt sich am Ende ein Schleier über die Bühne, auf der man Wagner Ausspruch liest: "Wo die Religion künstlich wird, ist es der Kunst vorbehalten, den Kern der Religion zu retten". Man soll denken in seiner Inszenierung, so Dew, und nicht beten! Das ist das Motto der von Marcelo Buscaino reanimierten Inszenierung Dews (Bühne Heinz Balthes, Kostüme José Manuel Vázquez). Es ist zweifellos eine der intelligentesten und sinnlich-sinnigsten Parsifal-Inszenierung, die derzeit auf den Opernbühnen zu sehen ist. Hoffetlich bleibt sie im Repertoire des Hauses.

 

Musikalisch war die neuerliche Aufführung bei Guillermo García Calvo, dem neuen GMD in Chemnitz, in besten Händen. Dramatisch, sinnlich, rasant und doch klug disponiert und sensibel sein Dirigat. Klangopulent die Robert-Schumann-Philharmonie. Der erste Akt dauerte nur 1 Stunde 30 Minuten! Mit Thomas Mohr hat man den gegenwärtig vielleicht am natürlichsten und am wortverständlichsten singenden Wagnertenor engagiert. Katherina Hebelkovas Debüt als Kundry war superb! Michael Bachtadzes Amfortas hat großes Format Hervorragend Martin Bártas balsamischer Klingsor. Man hängt ihm an den Lippen. Aber auch alle übrigen Solisten, samt exquisit besetzten Blumenmädchen und die Chöre der Oper Chemnitz ließen nichts zu wünschen übrig. Ein großer Abend. Karfreitagszauber eben.