Edward II. Scartazzini Deutsche Oper Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Monika Rittershaus / Deutsche Oper Berlin

 

Starkes Stück!

 

"Edward II." Musiktheater-Uraufführung an der Deutsche Oper Berlin

 

Am Sonntag, 19.02. 2017 gibt es in der Deutschen Oper Berlin die Uraufführung eines "Musik-theaters" des 1971 geborenen schweizerischen Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini. Ein Auftragswerk der DOB. Scartazzini hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Komponist einer sehr kraftvollen Sprache für das Musiktheater gemacht. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm mit der Uraufführung von „Cammina cammina“ bei den Salzburger Osterfestspielen 2000. Gemeinsam mit dem Librettisten Thomas Jonigk bringt er nun sein „Musiktheater“ über die tragische Figur des spätmittelalterlichen homosexuellen Königs Edward II. heraus, der seit dem Shakespeare-Zeitgenossen Thomas Marlowe immer wieder auf dem Theater verarbeitet wurde. Regie führt Christof Loy.

 

 

Es ist starke Musik zu einem starken Stück, die der 46-jährige Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini geschrieben hat. Es geht um die schillernde und polarisierende Figur eines mittel-alterlichen englischen Königs. Vor allem Edwards erotische Zuneigung zu Piers de Gaveston, einem Spielkameraden aus Kindheitstagen, ging in die Geschichte ein als Beispiel höfischer Günstlingswirtschaft, aber auch als Bekenntnis eines Herrschers zu einem nicht standesgemäßen Mann als Freund und Geliebten. Doch Thomas Jonigk, der seit 1991 Theaterstücke und Romane schreibt und nun schon zum zweiten Mal mit dem Komponisten Scartazzini zusammen arbeitet, geht es um mehr als ein Historienstück. Er betont,…

 

" … dass ich es nicht für so sinnvoll halten würde, einfach über einen historischen König zu schreiben, von dem wir vergleichsweise wenig wissen, bis auf die dramatischen Eckdaten, und dass ich gerne eine Art Zeitreise mit diesem Stoff erzählen würde von damals bis in die Gegenwart um so eine Art, wie soll man das nennen, kulturhistorischen Spaziergang zu machen zum Thema Außenseiter und Gesellschaft, Selbstausdruck und Zwang am Beispiel von dem Thema Homosexualität, auch wenn es das natürlich damals in der Form gar nicht gegeben hat. Damals hieß das ja Sodomie."

 

Jonigk hat neben Marlowes Drama über Edward den Zweiten auch noch andere Quellen für sein Libretto benutzt:

 

"Unter anderem die Vita Edwardii, das ist eine offenbar zeitgenössische Chronik, die noch zu seinen Lebzeiten begonnen wurde. Und dann noch von Ralph Holinshed die Chroniken von England, Schottland und Irland. Das ist kurz bevor Marlowe seinen Edward geschrieben hat, herausgekommen und Marlowe hat diese Chronik auch gekannt."

 

Thomas Jonigk macht aus diesen Vorlagen ein gegenwärtiges Stück über Traum und Albtraum eines schwulen Königs, zeigt in freiem Umgang mit den Vorlagen filmschnittartig neben-einander gesetzte Szenen aus Edwards Leben, die den Bogen schlagen von den Albträumen des Königs über Hetzjagden des Mobs, Buffo-Szenen in Shakespeare-Tradition bis hin zu Fragen nach Tod und Transzendenz. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und klagt in heutiger Sprache Kirche, Mächtige und die wankelmütige breite Masse mit ihrem sogenannten "gesunden Volks-empfinden" an. Es ist ein brutales, ein gnadenloses Stück über die grauenhafte Ausgrenzung und Ermordung eines Außenseiters, eines homosexuellen Königs, der beispielhaft vorgeführt wird und für den Homosexuellen an sich steht. Edward II. wurde über die Jahrhunderte hinweg zu einer Ikone der Schwulenbewegung. Die Produktion ist nichts für Zartbesaitete, weder das Stück, noch die Musik.

 

Regisseur Christof Loy inszeniert das Stück von Scartazzini über den historischen Edward II. wie ein Gegenwartsstück. Nur wenige kostümliche Anspielungen erinnern an die Stoffvorlage. Annette Kurz hat in die Mitte der schwarzen Bühne eine runde, gotisierte Architektur gestellt, eine Mischung aus Kirche und Kaminzimmer. Ein angemessener Assoziationsraum. Der Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini:

 

"Ich geh an den Stoff, als wäre er von heute, mache keinen Unterschied zwischen Historie und dem Heute. Man muss dazu auch sagen, dass der Stoff selber in der Fassung des Librettos von Thomas Jonigk sehr heutig wirkt. Also das sind Figuren, die sprechen unsere Sprache. Natürlich ist es die Zeitfolie des Mittelalters. Das schafft eine angenehme Distanz, die umso mehr Emotionen zulässt. Und ich geh auch so an die Figuren, als wäre ich selber betroffen, also ich versuche mich in die Figuren so einzuleben, so einzuspüren, dass ich eben diese Psychologie oder diese Emotionalität hörbar machen kann qua Musik."

 

Das 90-minütige Stück ist harter Tobak, ist aufrüttelnd, bewegend, geht unter die Haut! Dicht ist der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Text, dicht ist auch die Musik: Chor und Orchesterpassagen, Syntheziserklänge, Tonbandaufnahmen wie aus der Ferne, Geräusche, Vogelgezwitscher. Es ist eine dramatische, sinnliche, immer wieder auch sehr zärtliche, atmos-phärische Musik, Arien im klassischen Sinne gibt es zwar nicht in Scartazzinis Musiktheater, aber seine Musik bietet dem exzellenten Sängerensemble wirkungsvolle kantable Ausdrucks-möglichkeiten.

 

"Ich schreibe sehr gestische, theatralische Musik, sie ist nicht unbedingt melodisch. Ich würde sagen, ich lege großen Wert auf Farben. Sie hat ‘nen großen Perkussionsapparat. Also es geht mir darum, eine große Palette von Klängen auch zu zeigen, und das nicht als Selbstzweck, sondern eben auch um die Figuren, um das, was die Figuren auch durchleben, dass ich dem so viel Leben einhauchen kann, wie es eben auch wichtig ist."

 

Dirigent Thomas Søndergaard setzt die Musik Scartazzinis so expressiv und sensibel um, wie Christof Loy das Stück in Szene setzt. Sonntag Abend ist die Uraufführungspremiere. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen. Eine große Aufführung eines großen Stücks!

 

Vorbericht für MDR Kultur, Opernmagazin am 18.2. 2017