Dvoráks "Vanda" in Osnabrück

Photo: Theater Osnabrück / Jörg Landsberg

Dieter David Scholz

 

 

Die Deutsche Erstaufführung der Oper "Vanda" von Antonin Dvorák

Am Theater Osnabrück, Premiere 15.03.2014

 

Man kennt und liebt Antonín Dvoráks tragische Märchenoper "Rusalka". Ebenso berühmt ist seine 9. Sinfonie "Aus der neuen Welt". Doch er weiß, dass der große tschechische Komponist noch mindestens weitere neun Bühnenwerke komponierte? Auch "Vanda", 1875 vom damals 34 jährigen Dvorák geschrieben, gehört dazu. Noch nie wurde dieses Werk in einem deutschen Opernhaus gespielt. In Osnabrück hat man sie jetzt ausgegraben und auf die Bühne gebracht. Die Handlung der Oper "Vanda" basiert auf einer Erzählung um die gleich-namige polnische Königstochter aus vorchristlicher Zeit, als Polen noch keine Nation und seine Siedlungsgebiete ein begehrtes Ziel für Invasoren waren. Einer war der deutsche Herzog Roderich, der Vanda den Krieg erklärte. Vanda schwor den Göttern, ihr Leben zu opfern, wenn sie den Krieg gewinnen würde. Die Götter erhörten sie. Eigenhändig enthauptete sie den Feind, danach stürzte sie sich in die Weichsel. Die junge chinesische Sopranistin Lina Liu singt die Titelpartie in Osnabrück. Ein sängerischer Glücksfall!

 

Die Oper "Vanda" ist die fünfte Oper Dvoráks, und seine zweite, die im Prager Interimstheater aufgeführt wurde. In Auftrag gegeben wurde sie vom Komponisten Bedrich Smetana, er war damals erster Kapellmeister des Hauses und einer der Köpfe der böhmischen Nationalbewegung war. Ob die Titelheldin Vanda wirklich existierte, ist nicht erwiesen. Aber sie lebt bis heute als Teil des polnischen Gründungsmythos. Aus welchem Anlass der Böhme Dvorák sich ausgerechnet diesem polnischen Mythos zuwandte, der seit dem 15. Jahrhundert existiert und hunderte Male in der Musik, in der Literatur und in der Bildenden Kunst Thema war, ist ebenso rätselhaft wie die Frage, wer eigentlich und nach welchen Vorlagen das Libretto für Dvorák verfasste. Klar sein dürfte, dass der Stoff im Vorfeld der Gründung der ersten tschechischen Republik von den Böhmen und Mähren auf die eigene politische Situation bezogen werden konnte. "Polen gegen Deutschland, das war Böhmen und Mähren gegen das übermächtige Habsburgerreich", so Regisseur Robert Lehmeier. Dramaturgin Ulrike Schumann:

 

"Es ist und bleibt ein Märchen. Es ist trotzdem auch die Thematisierung eines großen Nationalepos und wir stehen gerade aktuell in diesem sehr traurigen Kontext mit der Ukraine, das wird sich nicht vermeiden lassen, das Sie solche Anspielungen wiedersehen werden. Auch wenn wir es nicht eins zu eins übertragen haben."

 

Regisseur Robert Lehmeier zeigt das Stück jenseits von platten Aktualisierungen in Bildern und Kostümen Tom Muschs, die zwischen Barock und Moderne angesiedelt sind. Er inszeniert die fünfaktige Grand Opéra im Stile Meyerbeers mit ihren riesigen Chrortableaus, Gebeten, Fahnenweihen Triumphmärschen und harfengeschwängerten Apotheosen als zeitlos aktuelle politische Parabel. Er zeigt auf den Brettern eines schwarzen Guckkastens, im Spannungsfeld zwischen Mann und Frau, unstandesgemäßer Liebesgeschichte und Heldinnen-Tod, Schwesterndrama und Staatsaktion wie nationale Gründungsmythen funktionieren. Der Erste Kapellmeister, Daniel Inbal betont denn auch, diese Oper passe daher ideal zu dem, ...

 

" ... Thema, was wir - "Friedensstadt Osnabrück" - immer haben: Krieg, Frieden, Friedensstadt."

 

Zur Erinnerung: „Frieden als Aufgabe – dem Frieden verpflichtet“ - diese Maxime bestimmt das politische und kulturelle Leben der Stadt. Nach 30 Jahren Krieg, Verwüstung, Plünderung, Mord und Vertreibung in der Mitte Europas wurde 1648 von der Rathaustreppe in Osnabrück der Westfälische Friede verkündet.

 

 

 

 

Man hat Dvoráks Oper "Vanda" mehrfach vorgeworfen, sie sei musikalisch eklektisch. Dem widerspricht die Prager Musikwissenschaftlerin und führende Dvorák-Forscherin Jarmila Gabrielovà:

 

"Natürlich, wenn man das Werk gar nicht kennt und wenn man Verdi und die französische Oper kennt, dann sagt man: ja, das ist eklektisch. Aber das entspricht einfach den damaligen Normen und Gewohnheiten des Kompo-nierens. Das Stück ist 1875 geschrieben worden. Und es markiert eigentlich den Anfang von Dvoráks Aufstieg zu wirklich reifen Werken und auch zu seiner internationalen Anerkennung."

 

 

 

Dass man es jetzt im Theater Osnabrück wagte, die schon bei der Uraufführung in Prag wenig erfolgreiche Oper, die im 20. Jahrhundert selbst in Tschechien nur dreimal aufgeführt wurde, endlich in Deutschland auf die Bühne zu bringen, in tschechischer Sprache übrigens mit deutschen Untertiteln, zeigt Mut. Intendant Ralf Waldschmidt:

 

"Das Theater Osnabrück bemüht sich seit mehreren Jahren schon, unbekannte Werke auf die Bühne zu bringen. Und ein slawisches Werk hat schon lange im Spielplan gefehlt. Wir haben uns vorgenommen, uns auf die Suche zu machen, sind in die Archive nach Prag gefahren und haben dort diese Vanda ausgegraben, ein Werk, das uns wirklich sehr überzeugt hat, weil es wirklich ganz große Oper ist."

 

Dvorak hat die Oper "Vanda" immer wieder überarbeitet. Leider ist die autographe Partitur im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Es gibt nur Kopien und Rekonstruktionsversuche der verschiedenen Fassungen. Dramaturgin Ulrike Schumann:

 

"Wir spielen es fast eins zu eins nach der Fassung, die Gerd Albrecht eingespielt hat auf CD, mit einigen kleinen Änderungen, aber keinen Kürzungen. Wir haben sogar ein Duett aus der Erstfassung wieder mit hinein genommen. Und wir haben eine andere Ouvertüre, die aus der Erstfassung, wiederbelebt. Wir haben in diesen Fällen mit den Abschriften die in Prag im Archiv liegen, gearbeitet. "

 

Dvorák hat in seiner "Vanda" polnische Rhythmen und böhmische Tänze, harmonische Kühnheiten und farbenreiche Instrumentierung miteinander verbunden und gezeigt, dass er auf der Höhe seiner Zeit war. Sein Einfallsreichtum an anspruchsvollen Arien, Ensembles, Ballettmusiken, Chornummern und durchkomponierten Szenen im Stile der Grand Opéra fasziniert. Dennoch hat das Werk Längen und mutet gelegentlich wie ein Patchwork aus konventionellen, ja plakativen musikalischen Mustern, Konventionen und Stilen an. Wagner, Verdi, die französische Grand Opéra Meyerbeers lassen Grüßen. Dennoch findet der Dirigent Daniel Inbal:

 

"Also ich finde hinter all dem merkt man den glühenden Enthusiasmus des Komponisten, der doch irgendwie über diese fast drei Stunden trägt. Ich finde, er findet doch in jedem Akt eine ganz eigene Sprache, die ich jetzt auch gar nicht mehr missen möchte. Ich hab dieses Stück jetzt liebgewonnen."

 

Vor allem aber hat er gemeinsam mit Chordirektor Markus Lafleur das Osnabrücker Symphonieorchester sowie Chor und Extrachor des Theaters Osnabrück zu einer energischen, klangprächtigen und temperamentvollen Interpretation dieser vollmundig-böhmischen Feier des polnischen Mythos der "Vanda" animiert. Erstaunlich ist auch die durchweg überzeugende sängerische Ensembleleistung des Hauses, aus dem Susann Vent als Vandas Schwester, Per Hakan Precht als Slavoj und Oleg Korotkov als Hoherpriseter herausragen. Ob Dvoráks "Vanda" eine Zukunft im Opern-Repertoire gewinnen kann, sei dahingestellt. Das Osnabrücker Premierenpublikum jedenfalls zeigte sich begeistert und feierte diese mehr als nur respektable Opernausgrabung enthusiastisch.

 

 

Beitrag dazu in SWR 2 am 17.03.2014