Dresden "La Juive"

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Matthias Creutziger

Rezension in MDR Figaro am 13. Mai 2013, 10.10 Uhr (Musikforum):

 

Jacques Fromental Hálevys "La Juive" an der Semperoper Dresden

 

Ein Gespräch

 

Moderator: Gestern abend, fast auf den Tag genau 80 Jahre nach der sogenannten Reichskristallnacht, hat man an der Semperoper Dresden ein Werk auf die Bühne gebracht, das so eindringlich und erschütternd wie keine andere Oper das Grauen des Antisemitismus zum Thema hat: Jacques Fromental Hálevys fünfaktige Grand Opéra "La Juive" (Die Jüdin) aus dem Jahre 1835. Unser Kritiker Dieter David Scholz war für uns in der Premiere gestern abend. Herr Scholz, was macht diese Oper über den historischen, politische Anlass hinaus für uns heute so aktuell?

 

Scholz: Also man muss sich ja nur mal umschauen in Europa, und da sieht man, wie der uralte, scheinbar unausrottbare Antisemitismus gefährlich wiedererstarkt, nicht nur in Ungarn, nicht nur in Russland...vom nahen Osten ganz zu schweigen. Der Antisemitismus ist eine der hässlichsten Krankheiten der menschlichen Geschichte, und man tut gut daran, auf diese gefährliche Krankheit immer wieder aufmerksam zu machen. Das tut die Semperoper mit dieser Oper Halévys, die auf geradezu erschütternde Weise ein mittelalterliches Paradebeispiel von christlichem Judenhass auf die Bühne bringt, als Parabel zweier Väter, eines jüdischen und eine christlichen, die beide auf ihre Weise gleichermaßen Opfer wie Täter sind. Im Mittelpunkt die Geseschichte einer schönen Jüdin, der Tochter des Goldschmieds Eléazar, Rachel mit Namen, die eigentlich keine Jüdin ist, sondern die vom Juden Eléazar aus den Flammen gerettete Tochter des Kardinals Brogni. Sehr pikant... Sie ist die Geliebte des Reichsfürsten Leopold, der wiederum von Prinzessin Eudoxie geliebt wird. Es kommt zur Katastrophe. Eleazar und sein vermeintliche Tochter werden zum Tode verurteilt. Und die Oper endet in einem furchtbaren Judenpogrom. Hálevy und sein Librettist Eugéne Scribe führen alle Stereotypen des christlichen Judenhasses in einer Drastik und Dramatik vor, dass es einem heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust schwerfällt, Fassung zu bewahren, wenn man diese Oper erlebt auf der Bühne.

 

Moderator: Um so mehr stellt sich die Frage: Wie inszeniert man dieses Werk heute? Die Inszenierung, die man in der Semperoper herausbrachte, ist die Übernahme einer Produktion der Staatsoper Stuttgart aus dem Jahre 2008. Wie haben Regisseur Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito diese brisante Oper denn auf die Bühne gebracht?

 

Scholz: Wenn der Vorhang hochgeht, könnte man denken, man ist in einem Filmstudio: Links sieht man die Fassade eines Kirchenportals, – die Handlung spielt 1414 zur Zeit des Kons­tanzer Konzils – rechts das puzzelige altdeutsche Fachwerkhaus des jüdischen Goldschmieds Eléazar, dazwischen ein Platz, der den Blick auf einen Wehrgang freigibt, auf dessen Rückseite ein übergroßes Gemälde von Jerusalem hängt. Alles nur Kulisse, deren Rückseite nackte Holzgerüste darstellen, wie man sieht, nicht nur, wenn sich die Bühne zu drehen beginnt und man dann auch noch das Boudoir der Prinzessin Eudoxie als Künstlergarderobe wahrnimmt. Das steckt den Rahmen ab.

Jossi Wieler und Sergio Morabito machen aus der Grand Opéra, die bei der Uraufführung in Paris ein historisches Ausstattungsspektakel war, eine ironisch-parodistische Verkleidungsshow mit derben Laientheateranleihen. Menschen von heute schlüpfen in Mittelalter-kostüme, Kardinäle balgen sich, Kinder spielen Kreuzzugszenen, der Mob tobt, man führt antisemitische Massenhysterie als Mischung aus Karn-valstaumel und Judenhass vor. Wenn der Chor dann in diesem beklemmend karnevalesken Alptraum mit Hakennasen, angeklebten Bärten, Judenhüten und Taschenlampen zur Hetzjagd bläst, dann zum Trauermarsch in Anzug und Mantel kofferschleppend den endlosen Zug der Juden in die Shoah andeutet – wird das Grauen unserer historischen Erfahrungen als Theater vorgeführt und zugleich karikiert. Die Inszenierung zeigt in dem desillusionierenden Bühnenbild von Bert Neumann das Stück als grauenhafte Handlung als Groteske, einerseits als übertriebene und nicht ganz faire Parodie der Grandopéra, andererseits als politische Warn-Parabel aus der Sicht nach 1945, mit für meinen Geschmack etwas zu viel regielichem Holzhammer, zu viel Parodie. Aber es ist doch eine Inszenierung, die einen bewegt und erschüttert und bei der dem Zuschauer der Schrecken im Halse stecken bleibt. Ein wichtiges Stück und eine wichtige Inszenierung.

 

Moderator: Nun beruhte ja der sensationelle Uraufführungserfolg dieser Oper nicht nur auf spektakulären Ausstattungswundern, sondern auch auf einer hochkarätigen Sängerbesetzung. Wie hat man diese anspruchsvolle Sängeroper in Dresden besetzt.

 

Scholz: Also um es gleich zu sagen: Es ist kein Sängerfest, was man da in Dresden erlebt, die Besetzung ist sehr inhomogen, nun muß man allerdings auch sagen, dass es ausserordentlich anspruchsvolle Partien sind, die Ausnahmesänger verlangen. Die findet man heute nicht so einfach, und kann sie womöglich auch nicht bezahlen. In Dresden bäckt man sängerisch kleine Brötchen, Tatiana Pechnikova als Rachel und Nadja Mchantaf als Eudoxie tun zwar ihr Bestes im Rahmen ihrer stimmliche Möglichkeiten, virtuoser Schöngesang ist das nicht. Bei den Männern sieht es schlimmer aus. Zwar sind Liang Li als Kardinal de Brogni und Matthias Henneberg als Ruggiero einigermassen glaubwürdig besetzt, aber die beiden Tenöre sind das Problem der Aufführung. Dmitry Trunov als Léopod ist schlicht überfordert mit seiner kleinen, nicht sehr ausdrucksfähigen Stimme und Gilles Ragon als Eléazar schreit und quält sich derart grenzwertig durch die Stimmregister und durch die Noten , dass man sehr viel Toleranz auf-bringen muss, um wenigstens seine schauspielerisch intensive, sehr bewegende Leistung in dieser Rolle des geschundenen Juden zu würdigen. Ohne jede Einschränkung darf man allerdings dem Sächsischen Staatsopernchor, den Pablo Asante hervorragend einstudierte, Beifall zollen, der Chor der Semperoper war eigentlich, und er hat ja viel zu singen und zu spielen, die vokale Sensation der Aufführung.

 

 

Moderator: Der Welterfolg dieser Oper, die ja bis zu ihrem Verbot durch die National-sozialisten hierzulande viel gespielt wurde, beruht auf der originellen Musik Halévys. Hat der tschechische Dirigent Tomas Netopil dieser Originalität Rechnung getragen mit seinem Dirigat?

 

Scholz: Ja, das kann man mit Fug und Recht behaupten, er hat - und die Staatskapelle war in großer Form gestern Abend - vor Ohren geführt, was für eine grandiose Musik Hálevy geschrieben hat, ein musikalisches Panorama auf der Höhe seiner Zeit vom Tänzerischen bis zum Hochdramatischen, mit starker Instrumentierung, die nicht selten an Berlioz erinnert, mit kühnen Harmonien und großartigen Melodien, eine Musik, die einen kaum ruhig auf den Stühlen sitzen läßt. Kein Wunder, dass selbst der Antisemit Richard Wagner diese Oper zeitlebens bewunderte und verteidigte, und sich übrigens ihrer originellsten Effekte bediente. Wenn beispielsweise hinter der Bühne eine Orgel spielt, während die Gemeinde im Dom ein Te Deum singt, und gleichzeitig der Vorhang sich zum ersten Akt hebt, ist dies ein so hin­reißender Effekt, dass ihn Richard Wagner später in seinen „Meistersingern“ kopierte, ebenso wie die Hammerschläge aus Eleazers Werkstatt für den „Siegfried“. -

 

Dirigentisch, orchestral ist diese Aufführung ein mitreißendes Erlebnis auf höchstem Niveau. Unbedingt anhörenswert. Und wenn man mal über die sängerischen Unzulänglichkeiten hinwegsieht, dann gehört diese Produktion zu den unbedingt Sehenswerten !