Don Carlo in Leipzig 2017

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Kirsten Nijhof

 

Gefangen im kafkaesken Labyrinth

Giuseppe Verdis „Don Carlo“ in der Oper Leipzig

 

Am 30. September hatte im Opernhaus Leipzig Verdis Oper „Don Carlo“ Premiere. Zum letzten Mal kam diese Oper in Leipzig vor 12 Jahren heraus. Es war eine Inszenierung ohne rechte Fortüne. Der damalige Chef des Leipziger Schauspiels, Wolfgang Engel, versuchte sich erstmals an Oper. Die jetzige Neuinszenierung stammt dagegen von einem erfahrenen, erfolgreichen Opernregisseur, von Jakob Peters-Messer. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Anthony Bramall, stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, der mit Ende der Spielzeit Leipzig verlässt, um GMD des Münchner Gärtnerplatztheaters zu werden.

 

Nun gibt es sieben verschiedene Fassung dieser Oper. Verdi hat 20 Jahre lang an seiner Don Carlos-Oper herumgefeilt und sie immer wieder verändert. In Leipzig spielt man die vieraktige, italienische Fassung, die Verdi für Mailand angefertigt hat. In dieser Fassung wurde der erste Akt, die Ballettmusik und das Schlusstableau der ursprünglichen, originalen Pariser Fassung ersatzlos gestrichen. Auch der Auftritt des Groinquisitors wurde stark gekürzt. Einiges wurde neu komponiert. Insgesamt fiel etwa die Hälfte der Partitur dem Rotstift zum Opfer. Ein Drittel kam neu hinzu. Es ist also eine reduzierte, aber auch sehr konzentrierte Fassung. Seit ihrere Erstauf-führung 1884 avancierte sie zur meistgespielten Version dieser Oper. Durch den Verzicht auf die Vorgeschichte, in der das Liebesglück der Verlobten Elisabeth und Carlos geschildert wird, bekommt das Stück etwas zwanghaftes, vor allem aber tritt die politische Komponente stärker hervor. Diese Fassung betont deutlich mehr das politische Ideendrama Schillers zu Ungunsten der Liebestragödie.

 

Im Don Carlo geht es um die Unvereinbarkeit von privatem Glück und Staatsräson, Kirche und Freiheit. Jakob Peters-Messer inszeniert den Konflikt zwischen individueller Freiheit und öffent-lichem Zwang, von Loyalität gegenüber Staat, Kirche und Institutionen und Selbstbestimmung und Verantwortung für andere. Dieser Kampf geht gnadenlos aus, wie er mit aller Deutlichkeit zeigt Die schrankenlose Herrschaft des Staates und der Kirche siegt am Ende und hinterlässt nur Tote, (Rodrigo), Zerstörte (Elisabeth und ihre Rivalin Eboli), und einen Selbstmörder, Carlo nämlich, der sich am Ende höchst theatralisch erschießt. Der Aufstand in Flandern wird blutig niedergeschlagen. Andersdenkende und Regimekritiker werden ausgemerzt. Ein grausames, ernüchterndes, politisches Stück von zeitloser Aktualität.

 

Markus Meyer hat für diese Konzeption ein kongeniales, ein kafkaeskes, labyrinthisches Büh-nenbild auf die Drehbühne gestellt. Es ist ein Gefängnis ineinander verschachelter fensterloser, schwarzer Räume, ein geschlossenes System, könnte man sagen. Guido Petzold beleuchtet diese klaustrophobische Szenerie magisch. Das hat grossen Schauwert, macht Sinn und gewinnt in der zeremoniellen, rituellen, strengen Personenführung von Jakob Peters Messer etwas ausseror-dentlich Bedrückendes, Beklemmendes, ja Verstörendes, was dem Stück entspricht. Sven Bind-seil hat prachtvolle Kostüme beigesteuert, die den Spagat versuchen zwischen dem Spanien Philipps des Zweiten, der Verdizeit und Heute, um den überzeitlichen Konflikt zu betonen. Soviel auf der Habenseite. Unnötig finde ich einige geschmäcklerische Regieeinfälle.

 

Da gibt es beispielsweise einen wie ein riesiger Alien an der Wand klebender Kokon einer Got-tesanbeterin (oder ist es eine Heuschrecke), der immer wieder demonstrativ und symbolschwang-er gezeigt wird. Sehr klischeehaft werden die Ketzer als barmende Statisteriepantomimen vor-geführt. Das hat etwas unfreiwillig komisch Oberammergauhaftes. Auf das feurige Autodafe wird verzichtet. Stattdessen wird die Unterbühne hochgefahren, um zu zeigen, dass der ganze Eskorial Philipps des Zweiten auf einer gigantischen Gruft aufgebaut ist. Die Unterbühne ist voll von übereinandergestapelten Totenschädeln. Sie starren den Zuschauer bebrillt an wie die Inquisitionsdiener auf der Bühne. Das ist, mit Verlaub gesagt, ein etwas großer egielicher Holz-hammer. Der hätte nicht sein müssen. Die ansonsten recht starke Inszenierung lässt ja keine Fragen offen.

 

Der britische Dirigent Anthony Bramall steht am Pult dieser Verdi-Produktion in Leipzig. Er hat schon mit mehreren italienischen Opern das Leipziger Publikum begeistert und grosse Erfolge eingefahren. Man denke nur an "Don Pasquale", "Madama Butterfly" oder "Lucia die Lammermoor".

 

Bramall dirigiert einen außerordentlich analytischen, klar strukturierten Verdi von unbarmher-ziger Schärfe, souverän disponiert, klangschön gespielt vom Gewandhausorchester. Bramall ist ein Dirigent von unsentimentaler Deutlichkeit. Das kommt Verdi sehr zugute. Diese Oper ist ja kein unterhaltsames Stück, sondern ein Staat und Kirche anklagendes, ein aufrüttelndes poli-tisches Drama. So klingt es auch unter Bramall. Einfach grossartig. Schade, dass er die Leipziger Oper verlässt. Schade, dass auch Chordirektor Alessandro Zuppardo Leipzig verlässt, denn der Leipziger Opernchor ist erstklassig, daran hat er nicht geringen Anteil.

 

Verdis Don Carlos verlangt mindestens sechs erstklassige Gesangssolisten. In Leipzig hat man auf jeden Fall mit Gaston Rivero einen Tenor der Extraklasse für die Titelpartie zur Verfügung, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte. Ein fast expressionistisch ausdrucksstarker kleiner Caruso. Er schmettert nicht nur wie dieser, sondern sieht ihm auch erstaunlich ähnlich. Ein Glücksfall ist auch Matthias Hausmann als Marquis von Posa. Ein Vollblut-Bariton aller-erster Güte. Was er an samtigem Stimmaterial so verschwenderisch verströmt, fehlt Katrin Gö-rings Prinzessin Eboli. Statt sinnlich runder Mezzoseligkeit bietet sie auf ihre Weise eine hoch-expressive, aber eher deklamatorische Studie einer Intrigantin. Auch der Philipp von Ricardo Zanellato hat keine bassschwarze Königswürde. Es singt eher ein kultiviertes Porträt einer brü-chigen Herrschergestalt, weich gezeichnet im Sound und hell im Klang, ohne imperiale Tiefe. Alles was man sich von einem Bass wünscht, hat hingegen der Grossinquisitor von Runi Brat-taberg. Das stimmgewordene Böse und Schwarze an sich. Enttäuschend finde ich die Elisabetta von Gal James, drei Akte lang hat sie sich , teilweise kaum hörbar, zurückgehalten, um in in ihrer letzten Szene aufzudrehen und zu zeigen, was für eine schöne Stimme sie eigentlich hat. Aber es ist doch eine kleine Stimme, die es angesichts ihrer stimmgewaltigen männlichen Kollegen sehr schwer hat in dieser Produktion. Die etwas altmodisch unvorteilhafte Mimik und Gestik ihres Singens hat das Publikum am Ende nicht davon abgehalten, in Jubel auszubrechen. Jubel nicht nur für sie, sondern für die ganze Produktion.

 

Beitrag auch in MDR Kultur 01.10. 2017