Die Walküre Laufenberg Wiesbaden

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Hessisches Staatstheater Wiesbaden

 

 

Ein ungeahnter Nachruf auf Gerd Grochowski (siehe Nachtrag)

Fulminante "Walküre" am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Premiere 15.01.2017

 

Stürmisch ist er, der Beginn der "Walküre", die in Wiesaden nur 8 Wochen nach dem "Rheingold" über die die Bühne geht. Zu den diesjährigen Mai-Festspielen soll der neue "Ring" bereits komplett gezeigt werden. Dieses rasante Premierentempo konnte man wohl nur erreichen, da die Produktion auf einer basiert, die Laufenberg in Linz herausgebracht hatte. Doch schon während er in Linz probte und seine Ernennung zum Intendanten in Wiesbaden erhielt, nahm er sich vor, die Tetralogie auch an seinem neuen Haus zu zeigen. Allerdings nicht als Eins-zu-Eins-Übernahme, sondern mit einem komplett neuen Sängerensemble. Den noblen Wotandarsteller Gerd Grochowski allerdings nahm er mit nach Wiesbaden. Er war eine singschauspielerische Autorität.

 

Ein Grossteil der realistisch prächtigen "Ring"-Ausstattung von Gisbert Jäkel wurde von Linz nach Wiebaden übernommen, einige Bilder wurden allerdings neu und anders gebaut. Auch in der Personenführung änderte sich Manches, schon weil Laufenberg - mit genannter Ausnahme - in Wiesbaden ein Ensemble mit Rollendebütanten zur Verfügung steht, das jung, sportlich und ohne jede Routine an das anspruchsvolle Werk herangeht. Die grösste sängerische Entdeckung ist Sonja Gornik als Wotanstochter Brünnhilde, eine neue hochdramatische Sängerin, die starke Bühnenpräsenz mit Stimmkraft und Wortverständlichkeit vereint, ein Glücksfall.

 

Die "Walküre" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Siegmund und Sieglinde, die Vorge-schichte der eigentlichen Siegfried-Tragödie. Es gab zwischen den Inszenierungen von Wieland Wagner, Patrice Chéreau und Frank Castorf, die als Marksteine der Aufführungs-geschichte nach 1945 gelten dürfen, zahllose "Ring"-Inszenierungen. Unter allen möglichen Gesichtspunkten ist diese gesellschaftskritische Parabel Wagners durchleuchtet und auf die Bühne gebracht worden. Eine Herausforderung für jeden "Ring"-Regisseur heute. Ist diesem Werk noch eine neue Facette abzugewinnen? Uwe Eric Laufenberg wagt in seiner Interpre-tation der Wagnerschen Tetralogie, in der es um der Welt Anfang und Ende geht, einen Gang durch die Menschheitsgeschichte. Und beruft sich dabei auf Wagner.

 

"Er wollte die Welt und unsere Probleme, in denen wir immer noch stecken, archetypisch beschreiben: die Grundübel Liebe, Macht, Geld, die sich gegeneinander ausrechnen lassen. Und diese Grundthemen führen bei Richard Wagner zur Götterdämmerung, und es bleibt jeder Zeit überlassen, zu untersuchen, ob wir uns in einer Zeit der Götterdämmerung befinden."

 

Laufenberg beginnt im "Rheingold" in archaischer Zeit. In der "Walküre" ist man aber bereits in unserer Gegenwart. Der erste Akt spielt in einem Wirtshaus, das um einen gewaltigen Baumstamm gebaut ist, aus dem der Halbgott Siegmund das Nothungschwert zieht. Der junge Tenor Richard Furman, auch er Debütant wie seine grossartige Bühnenpartnerin Sabina Cvilak als Sieglinde, hat alles, was man für die Partie braucht, er ist blond, sportlich und verfügt über eine jugendlich heldische Stimme.

 

Im zweiten Aufzug sieht man ein Militärzelt, eine Art Hauptquartier, in dem Göttervater Wotan als kriegführender, moderner Feldherr zur Lagebesprechung geladen hat. Der dritte Akt zeigt eine Mischung aus Aufbahrungs- und Reithalle, in der die 8 vorzüglich singenden Walküren getötete Krieger hereinschleppen und mit Leichenteilen nur so um sich werfen. Eine makabre Zene der amazonenhaften Spezialtruppe Wotans. Sogar ein echtes Pferd hat seinen temperamentvollen Auftritt. Die stärkste, bewegendste Szene ist das Schlussbild, in dem eine Monumentalstatue einer Göttin von den Walküren auf die Bühne gefahren wird. Es ist eine Kreuzung aus Pallas Athene und Germania. Womit Laufenberg sehr sinnig auf den Antikenbezug des Werks, aber auch auf seine deutsche Rezeption anspielt. Nach sehr intimem, bewegendem Vater- Tochter-Abschiedsritual wird die abtrünnige Brünnhilde in dieses Götterbild eingemauert, aus dem sie nur der stärkste Held einst wird befreien können. Und dann lässt Laufenberg einen Feuerzauber abbrennen, wie man ihn lange nicht gesehen hat. Seine pyrotechnischen Zaubereien werden allerdings durch Videos überblendet, die das kommende Menetekel der Tetralogie schon vorausahnen lassen. Man wohnt einem Nachtflug über dem Lichterdschungel des New Yorker Times Square bei. Bombergeschwader prophezeien Ungutes.

 

"Dadurch, dass Wagner ja über vier Abende die Urgründe ergründen will, und dann für die Zukunft eine Aussage machen wollte, scheint mir das ein durchaus legitimer Ansatz, zu gucken, wo fängt denn das an ... Das ist ja in der vorindustriellen Zeit zu suchen, auf was der Wagner fusst, und wo hört das auf, was wir an Gesellschaftsbewegungen im Augenblick haben. Man kann ja, wenn man in die Welt guckt im Moment sagen: Mit Trump, Erdogan und Putin sind drei Alberiche an der Macht, die sehr wenig Wotan-Anteil haben und auch sehr wenig Siegfried-Anteil." (Uwe Eric Laufenberg)

 

Laufenbergs inszenierung ist stark. Vor allem das Schlussbild. Seine Inszenierung macht Sinn, ist handwerklich und psychologisch gut geführt. Eine poetische wie aufrüttelnd gegenwärtige Inszenierung. Antje Sternbergs kostümlich gelungener Spagat zwischen Mythos und Moderne verleiht ihr Nachdruck. Alexander Joels rauschhaft energisches, präzise ausbalanciertes Dirigat lässt keinen Wunsch offen. Er verlangt dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden viel ab. Es folgt ihm eindrucksvoll. Chapeau! Schon jetzt darf man vom musikalisch faszinierendsten "Ring" im Rhein-Main-Gebiet sprechen, das ja in Frankfurt, Mannheim und Kasrlsruhe noch drei weitere "Ringe" zu bieten hat..

 

Beiträge in DLR-Kultur & SWR 2

 

 

17.01.2017: Als Nachtrag ein Nachruf: Nach Wotans Abschied "Nur eines will ich noch, das Ende" waren wir noch mit Gerd Grochowski bis fast 3 Uhr morgens beisammen in einer sehr herzlichen Runde. Wenige Stunden später war er tot. Unfassbar..ich bin erschüttert. Ein liebenswerter Mensch und ein großer Künstler!

 

 

Gerd Grochowski gehört zu den erfolgreichsten Sängern des dramatischen Bass-Bariton-Fachs. Nachdem er 2005 von der Zeitschrift Opernwelt mit der Titelrolle von Ferruccio Busonis „Dr. Faust“ zum Sänger des Jahres nominiert worden war, gelang ihm der Durchbruch als Kurwenal in „Tristan und Isolde“ an der Metropolitan Opera New York unter der Leitung von Daniel Barenboim. Für diese Rolle wurde er daraufhin an die Mailänder Scala eingeladen, wo er außerdem die Partie des Gunther in der „Götterdämmerung“ übernahm. Weitere Engagements als Gunther führten ihn an die Berliner Staatsoper, die Royal Albert Hall, die San Francisco Opera und unter Sir Simon Rattle zu den Salzburger Oster-Festspielen.

Einen weiteren großen Erfolg feierte er als Telramund am Royal Opera House Covent Garden, der San Francisco Opera, dem NNT Tokyo und in der Berliner Philharmonie. Als Amfortas und Klingsor war er an den Opernhäusern in Lyon, Frankfurt und an der Bayerischen Staatsoper München unter der Leitung von Kent Nagano zu Gast. Neben dem Schwerpunkt Wagner ist Gerd Grochowski aber auch ein gefragter Interpret anderer Rollen des dramatischen Fachs. So gab er sein Rollendebüt als Dr. Schön in Bergs „Lulu“ am Teatro Real Madrid, den Prus in Janáčeks „Die Sache Makropulos“ an der San Francisco Opera und der Staatsoper Stuttgart, den Scarpia an der Berliner und der Münchner Staatsoper, sowie den Pizarro an der Berliner Staatsoper, bei den Proms in der Royal Albert Hall und in konzertanter Fassung mit der Dresdner Philharmonie.

Als Schischkoff in Janáčeks „Aus einem Totenhaus“ beeindruckte er in einer Produktion mit Pierre Boulez und Patrice Chéreau bei den Wiener Festwochen, beim Festival Aix en Provence und beim Holland Festival in Amsterdam, wo er außerdem als Orest in der „Elektra“ von Richard Strauss zu hören war.

Zwei weitere Erfolge errang Gerd Grochowski in Barcelona im Palau de la Musica Catalana unter Pinchas Steinberg mit der Rolle des Blaubart in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und als Thoas in Glucks „Iphigenie auf Tauris“ am dortigen Gran Teatre del Liceu in einer Inszenierung von Pina Bausch.

Gerd Grochowski ist auch ein gern gesehener Gast auf den internationalen Konzertpodien. So sang er zuletzt unter Charles Dutoit das „War Requiem“ in der Tokyo Radio Hall und das Brahms Requiem in der Dresdener Philharmonie unter der musikalischen Leitung von Rafael Frühbeck im Salzburger Festspielhaus. Mit seiner Interpretation der Baritonpartie aus Zemlinskys „Lyrischer Symphonie“ überzeugte er im Januar 2014 in der Tonhalle Düsseldorf. Bei der deutschen Erstaufführung von Hans Werner Henzes „Der Opfergang“ unter der Leitung von Steven Sloane unterstrich er seine musikalische und sängerische Qualität bei der Interpretation zeitgenössischer Musik.

Mittlerweile sind eine Reihe von Produktionen und Aufführungen mit Gerd Grochowski auch auf CD und DVD erschienen, wie z.B. Orest/Elektra mit Marc Albrecht und dem Nederlands Philharmonic Orchestra, Telramund/Lohengrin mit Marek Janowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Schischkoff/Aus einem Totenhaus mit Pierre Boulez in der Inszenierung von Patrice Chéreau, Kurwenal/Tristan mit Daniel Barenboim in der Inszenierung von Patrice Chéreau aus der Mailänder Scala und Gunther/Götterdämmerung mit Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern.