Die Perlen der Cleopatra Komische Oper Berlin

Dieter David Scholz

 

 

„Die Perlen der Cleopatra“ von Oscar Straus

Wiederentdeckung an der Komischen Oper Berlin

 

Am 3. Dezember 2016 wurde in der Komischen Oper Berlin, die inzwischen als das avancierteste und ausgrabungsfreudigste Operettentheater Deutschlands gilt, ein vergessenes Werk ans Licht gezogen: Oscar Straus’ Die Perlen der Cleopatra. Das Stück war seit seiner Berlin-Premiere 1924 vergessen. Uraufgeführt wurden „Die Perlen der Cleopatra“ zwar in Wien 1923, aber Oscar Straus, der eigentlich Nathan Straus hieß und mit der Wiener Strauß-Dynastie nicht verwandt war, ist schon als junger Mann der Hauskomponist von Ernst von Wolzogens Berliner Literatenkabarett „Überbrettl“ , gewesen. Man merkt es den „Perlen der Cleopatra“ an. Die Partitur atmet Berliner Luft. Hausherr Barrie Kosky hat das Stück inszeniert. Impressionen und Gedanken nach einer der letzten Proben vor der Premiere.

 

Die Handlung der Operette ist nicht sonderlich tiefgründig. Das Stück ist eine lustvolle Verballhornung des Mythos von der liebestollen Herrscherin. Man erlebt Cleopatra ganz privat in ihrem Alltag, der mehr von Erotik als von Politik geprägt ist. Die mächtigste Frau der antiken Welt hätte eigentlich alle Hände voll zu tun: Zur drohenden Hungerkatastrophe durch das Ausbleiben des Nilhochwassers tritt eine veritable Staatskrise ein: Aufruhr im Volk, Putschisten wollen an die Macht. Und aus der Ferne nähern sich unter Marc Antonius römische Heere. Aber Cleopatra bleibt gelassen. Sie ist nur mit ihrer Erotik beschäftigt. Die Ägypterin macht erst einen römische Offizier, dann einen orientalischen Prinzen zu ihrem Liebessklaven, bevor Marc Antonius sie erobert. Diese Handlung wurde vom Berliner Erstaufführungspublikum nicht wirklich ernst genommen. Aber das Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald hat historische Fakten mit Anspielungen auf die politischen Zeitumstände gespickt und so den Zeitgeist getroffen. Spießbürgerglücks-vorstellungen werden darin ebenso Ziel des Spotts wie gesellschaftspolitische Abgründe, die für das damalige Berliner Publikum jedenfalls Straßenwirklichkeit waren.

 

„Die Perlen der Cleopatra“ waren eine Reverenz an die Ägyptomanie ihrer Urauffüh-rungszeit. In Berlin wurde 1924, im Jahr der Berliner Erstaufführung die Büste der Nofretete der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit Erscheinen des Tutanchamun-Sonderhefts der Ber-liner Massenillustrierten Die Woche brach die Begeisterung für den Kind-König auch über Berlin herein. Ab jetzt rauchte man Nil-Zigaretten mit Orienttabak; Modemacher, Juweliere, Dekorateure und Friseure gestalteten ihre Werke nach antikem Vorbild. Manchmal durchaus fern vom Original: Ägyptisch war, was ägyptisch aussah. Oscar Straus und seine Librettisten lagen mit ihrem Song vom »König Tutanchamun« ganz im Trend der Zeit. Mit der Operette „Die Perlen der Cleopatra“ war nicht das Altertum, sondern die Gegenwartwart gemeint.

 

„Die Perlen der Cleopatra“ wurden explizit für die Königin der Operette vor der Hitler-Dik-tatur geschaffen, für Fritzi Massary. Auf der Bühne der Komischen Oper Berlin, die das Stück mehr als 90 Jahre nach der Berliner Erstaufführung wiederentdeckt, verkörpert Dagmar Manzel die Cleopatra. Auch wenn sie ganz anders als ihr Vorbild ist, ist sie doch eine seelenverwandte Schwester der Massary. Sie hat nicht die Mittel der Massary. Aber sie hat auch nicht die Absicht, wie Fritzi Massary zu singen oder zu spielen. Die Massary kann man ohnehin nicht nachahmen. Als waschechte Berlinerin verwandelt die Manzel die Ägypterin, die sich ihre Liebhaber mit-hilfe rätselhafter aphrodisischer Perlen gefügig macht, in eine nymphomanische Berlinerin.

 

Dagmar Manzel, die in wechselnden, hinreißenden Kostümen die Aufführung beherrscht, macht aus der Cleopatra eine mal zuckersüß säuselnde, mal ordinär berlinerisch auftretende Quasselstrippe. Sie ist alles Andere als eine Femme-fatale à la Elisabeth Taylor. Und sie verblüfft als Bauchrednerin mit einer fortwährend berlinerisch dreinredenden, satirischen Katze namens Ingeborg. Es darf gelacht werden. Umworben wird Ihre Hoheit von einer Liebhaberschar aus dem hauseigenen Ensemble. Ihr dienst-eifriger Minister Pampylos, der sie umhegt und umpflegt, ist der Schauspieler und Chansonnier Dominique Horwitz. Er gibt damit sein szenisches Debüt an der Komischen Oper Berlin.

 

 

Tempo und Timing des skurril-frivolen, von Kalauernund Pointen überquellenden Bühnenspaßes liegen bei Barrie Koskys vierter Operettenarbeit am Haus in bewährten Händen. Dirigent Adam Benzwi hat die Partitur von Straus bearbeitet und neu arrangiert. Er macht sie in ihrem ganzen Facet-tenreichtum erlebbar, von Chansons mit kammer-musikalischer Begleitung, bis hin zu zahlreichen großen, dynamischen Tanz- und Chornummern. Jazz der 1920er-Jahre vermischt sich mit Jazz, Kabarett , Wiener Walzerseligkeit und Spätromantik. Aber auch ironische Anspielungen an Orient-Opern des 19. Jahrhunderts, vor allem Anklänge an Verdis „Aida“ mit ihren exotischen Tänzen sind unüberhörbar. Das Ballett der Komischen Oper ist in seinem Element. Otto Pichler hat den Abend mitreißend choreographiert.

 

 

Die opulent ausgestattete und höchst vitale Aufführung der Operette „Die Perlen der Cleo-patra“ lässt das Publikum der Komischen Oper erahnen, wie die spektakulären Revuen der 20er Jahre gewesen sein müssen. Rufus Didwiszus’ schwarz-weißes Art-Deco-Bühnenbild und die ebenso extravaganten wie farbenprächtigen Kostüme von Viktoria Behr sorgen für ein in jeder Hinsicht exotisches und garantiert historisch inkorrektes Ägypten auf der Bühne. Aber sowohl Barrie Kosky als auch Adam Benzwi verstehen „Ägypten“ ja nur als ein Code-Wort für »Berlin«. Straus und seine Librettisten Brammer und Grünwald haben im Grunde ein Berlin-Stück geschaffen. Für das Wiener Urauffüh-rungspublikum muss es befremdlich gewesen sein, denn alle Anspielungen und Doppel-deutigkeiten beziehen sich auf Berlin. Barrie Kosky hat das Stück jetzt nach Berlin zurückgeholt und damit ein Juwel, oder besser gesagt, eine Perle der Operettenliteratur wiederentdeckt.

 

Beitrag auch in SWR 2 Cluster