Die Macht des Schicksals Dresden 2018

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Jochen Quast

 

Viel Verkehr, aber nix los auf dem Kreuzweg des Schicksals

„La forza del destino“ in Dresden

 

 

Für den russischen Zaren bzw. das Hoftheater in St. Petersburg hat Giuseppe Verdi eines der bedeutendsten spanischen Dramen des 19. Jahrhunderts vertont, "Don Alvaro oder die Macht des Schicksals". 1862 wurde die Oper uraufgeführt. Sieben Jahre später hat Verdi das Stück für die Mailänder Scala noch einmal überarbeitet. So recht ein Reper-toirestück wollte die Oper nicht werden. Erst der Dirigent Fritz Busch hat das Werk von Dresden aus fürs internationale Repertoire erschlossen. Am 28.04. 2018 gab es in Dresden die Premiere einer Neuinszenierun des Stücks, das dessen Libretto sich seit Verdis Zeiten den Vorwurf gefallen lassen muß, es sei eine krude, verwirrende, unwahr-scheinliche Melange aus Rassendiskriminierung, Standesdünkel und Kriegsverherrli-chung. Nicht ganz einfach zu verstehen, zumal für das heutige Publikum.

 

Regisseur Keith Warner zeigt auf der Bühne eine Strassenkreuzung, auf der sich Schicksalswege, die aus verschiedenen Richtungen kommen, überschneiden. Einen Kreuzweg des Schicksals gewissermassen. Am Kreuzungspunkt steht ein gewaltiges Haus aus der Verdizeit, das sich öffnen kann und mal Innen-, mal Außenräume ermöglicht. Ein Einheitsraum, der Bodoir und Lazarett, Kloster, Wirtshaus und Schloss, Einsiedelei, Zigeunerlager und Schlachtfeld zugleich ist. Als Arena des Lebens und des Schicksals will Regisseur Kieth Warner diese aufwendige Bühne, die ihm Julia Müer gebaut hat, verstanden wissen. Er spielt in ihr alle vier Akte des Stücks, in dem ein konservativer Vater die Hand seiner Tochter einem als Emporkömmling verachteten Brautwerber verweigert, der zudem noch indogene Wurzeln hat. Don Alvaro ist ja Sohn eines spanischen Konquistadoren und einer Inka-Königstochter. Ein ethnisch interessant unterfüttertes Ideendrama, in dem dem das Schicksal besonders stark an die Pforte klopft, oder, wie ein englischer Musikkritiker einst meinte, in dem das Schicksal "Über-stunden macht". Ein Drama, in dem die Fragwürdigkeit und Absurdität von Gott und Welt aufgezeigt werden soll. Ein an Unwahrscheinlichkeiten reiches Stück, in dem es am Ende nur Verlierer und Tote gibt.

 

Warner zeigt diese schicksalschwangere Tragödie in einer stark symbolischen Insze-nierung auf goyahaft bunt befahrener Schicksalsroute. Der optische Gegensatz weiss und schwarz soll die Richtung weisen. Es gibt weisse und schwarze Pfade, aber auch Kreuze. Ein schwarzer Inkafürst und eine weisse Madonna, die immer wieder auf- und abtreten, sind gewissermaßen die symbolischen Verkehrslotsen.

 

So sehr dieses Konzept einleuchtet: Derlei Schwarzweissmalerei simplifiziert das Stück, macht es aber nicht unbedingt einleuchtender, zumal die Ausführung sich weitgehend auf Arrangements schöner Tableaus, effektvolle Massenszenen, aber für mein Empfin-den zu dick aufgetragener, sehr konventioneller Opernklischees in der Personenführung beschränkt. Die Aufführung hat bei aller Opulenz der Optik etwas Verstaubt-Museales. Sicher, es gibt virtuose Fechtszenen, aber die Schlachtengemälde sind in ihrer Blutrün-stigkeit allzu martialisch, die Geistererscheinungen sind allzu unheimlich, die Zigeu-nerinnen schwingen ihre Hüften allzu zigeunerisch und die Mönche tun allzu fromm. Das wirkt gelegentlich fast schon wie Opernparodie. Und der Abend wird sehr lang.

 

Das Stück gilt als ausgesprochene Sängeroper. Man braucht fünf außergewöhnliche Sänger für dieses Stück. Man darf bei dieser Produktion wirklich von einem Sängerfest sprechen, was ja in Dresden nicht zu oft vorkommt. Der Bass Stephen Milling singt einen schwarz profunden Padre Guardiano, Emily Magee eine berührende, reife Donna Leonora, der Bassbariton Pietro Spagnoli ist ein grossartiger Fra Melitone. Alexey Markov ein viriler, außergewöhnlich durchschlagskräftiger Don Carlo. Die Prezio-silla von Christina Bock ist nicht ganz so aufregend, dafür aber steckt der amerikanische Startenor Gregory Kunde als schmetternder Don Alvaro, der sich schicksalsgebeutelt am Ende umbringt in dieser Inszenierung, der Besetzung das Glanzlicht auf. Er dürfte gegenwärtig einer der weltweit besten Verditenöre sein. Besonders beeindruckend sind in dieser Produktion die Chöre, die ja viel zu tun haben in dieser Oper. Jörn Hinnerk Andresen hat sie bestens einstudiert und sie singen wirklich fabelhaft.

 

Dirigiert hat der britische Dirigent Mark Wigglesworth, einstens Musikchef der English National opera. Er stand erstmals am Pult der Sächsischen Staatskapelle. Sein Verdi ist sehr beeindruckend! Er dirigiert einen sehr ausgewogenen, außerordentlich dramatisch auftrumpfenden, attackierend harten Verdi à la Toscanini. Man spielt übrigens eine Art Mischfassung der Petersburger und der Mailänder Fassung, die Ouvertüre hört man erst nach dem ersten Akt. Aber Wigglesworth schippert das schwergewichtige Werk sicher durch den Abend, hält den riesigen Apparat auf und unter der Bühne straff und souverän zusammen und er trägt die Sänger auf Händen. Musikalisch lässt diese Produktion keine Wünsche offen, zumal die Sächsische Staatskapelle zum Niederknien präzise, klangschön und mit enormer Expressivität aufspielt.

 

Rezension auch in MDR Kultur