Die Grossherzogin von Gerolstein in Halle

Dieter David Scholz

 

 

Photos: Falk Wenzel

 

Eine Grossherzogin von Halle

Szenisch verhunzt, musikalisch geglückt!

 

La Grande-Duchesse de Gérolstein ist das Paradebeispiel der Offenbachiade. Im Jahr der Uraufführung, 1867, zumal bei der Pariser Weltausstellung, errang die dreiaktige Opéra-bouffe einen Triumph, der den Erfolg alle anderen Offenbach-Stücke übertraf. Staatsmän-ner, Politiker und Granden, Fürsten, Könige und Kaiser ließen es sich nicht nehmen, eine der 200 Aufführungen, die schon innerhalb eines halben Jahres stattfanden, zu besuchen. Von Mai bis Oktober nahm das allabendlich ausverkaufte Théâtre des Varietés allmonatlich nicht weniger als 130.000 Francs ein, was damals eine Sensation war.

 

Um so beschämender ist es, dass am Opernhaus Halle der Zuschauerraum schon wenige Tage nach der Premiere nur gut halbvoll besetzt war. Die Publikumsflucht scheint indes bezeichnend für den derzeitigen Zustand des Opernhauses Halle nach Meinung so mancher Hallenser. Kaum zu glauben bei diesem Stück: Einer beispiellosen politischen Satire, die sich über deutsche Kleinstaaterei, Duodezfürsten (bzw. –Fürstinnen), Hofleben, Politiker-karrieren, Militär und Krieg mit beißendem Spott lustig macht. Außerdem ist die Titelfigur eine einzigartige Femme fatale auf dem Thron, auf diplomatischem Parkett wie im erotisch Privaten. Sie wurde Vorbild einer Reihe von ähnlichen Frauenfiguren in der Gattung der „Operette“ (bitte nicht zu verwechseln mit Opéra-bouffe!), von der Dubarry bis zu Madame Pompadour, Kleopatra bis Lady Hamilton, Kaiserin Joséphine bis zu Lola Montez.

 

Die Großherzogin von Gerolstein ist denn auch eine Paraderolle für Kammersängerin Romelia Lichtenstein, die alle Register ihrer reichen Bühnenerfahrung zieht. Sie gibt eine edel gereifte, alters-lüsterne Hauptfigur und begeistert mit gestalterischer Souveränität, Ironie, Reife und Witz! Leider zündet der Abend dennoch nicht, da die Handlung um die barock gewandete Landesmutter in heutige politische Niederungen und Intrigen kommu-naler Hallenser Stadträte verlegt wird. Eine politische Aktualisierung, die allerdings unein-deutig, verschwurbelt und reichlich plakativ daherkommt. Es darf chargiert werden, dass sich die Bühnenbretter biegen. Die Personenregie geht übers Konventionelle nicht hinaus, Ute Raabs überwiegend mechanische „Choreografie“ der Choristen ebenfalls nicht.

 

Der Fritz von Alexander Geller ist so etwas wie eine Idealbesetzung. Der erfreuliche te-norale Neuzugang der Oper Halle singt und spielt tadellos, wortverständlich und mit durch-aus Offenbachischem Augenzwinkern. Eben dies geht leider der Regisseurin Annegret Hahn gründlich ab, die die Handlung vom Phantasie Zwergstaat Gerolstein ins Sachsen-Anhaltinische, um nicht zu sagen ins alte Hallenser Rathaus verlegt, in dem dennoch Gerolsteiner-Mineralwasserwerbung per Video im Hintergrund gezeigt wird, wie geistreich! Aber man sieht auch Filmausschnitte aus einer DDR-propagandistischen Halle-Parade des Jahres 1961 (es handelt sich um den Umzug anlässlich der 1000 Jahrfeier der Stadt) auf Video, inklusive Hammer und Sichel, Marx und Ulbricht. Ein so spießig wie nostalgisch wirkender Blick zurück in andere Zeiten. Die Hallenser Groteske, die Annegret Hahn da auftischt mit ihren plakativ gegeneinander antretenden Roten (im sozialistisch anmutenden Militärlook), Schwarzen und Grünen (mitsamt zweier Imker) gerät nicht selten an den Rand des Peinlichen. Ebenfalls per Video im Hintergrund darf Heino auftreten und „An der Saale hellem Strande“ intonieren. Darüber soll wohl gelacht werden. Aber es vergeht einem ob solch abgeschmackter Regieeinfälle (um nicht von weiteren zu reden) das Lachen. Annegret Hahn, einstige (wohl nicht ganz freiwillig abgegangene) Intendantin des Hallenser Thalia Theaters, die ein Jahrzehnt erfolgreich das Kinder- und Jugendtheater der Stadt leitete, rückt mit ihrem Halle-Comeback Offenbach mit dem Holzhammer zuleibe. Das bekommt ihm allerdings gar nicht, das hat er auch nicht verdient.

 

Dass der Abend so unerfreulich ist, liegt wirklich nicht an den Sängern, man hat insgesamt ein rollendeckendes Ensemble aufzubieten, aus dem Musa Nkuna (Prinz Paul), Rolf Scheider (General Bumm ), Kristian Giesecke (Baron Puck ) und Liudmilla Lokaichuk (Wanda) genannt seien. Die Textverständlichkeit der meisten Sänger lässt allerdings sehr zu wünschen. Warum begreifen so viele Opernsänger nicht, dass es bei Offenbach auf etwas ganz Anderes als Stimmprunk und Schöngesang ankommt?

 

Wunschlos glücklich kann man hingegen beim Dirigat von Kay Stromberg sein, er ist ein hervorragender Musiker und gründlicher Kapellmeister! Er hat Offenbach (im Gegensatz zur Regisseurin) ernst genommen und verstanden, er hat mit Präzision, Tempo, Tempera-ment, der nötigen Schärfe, Verve und Witz die Gerolstein-Musik in ihrer unwiderstehlich intelligenten Machart zu ihrem Recht kommen lassen. Man spielt die komplette Urfassung. Leider spielt man eine sehr populistische deutsche Dialogfassung, die sich nicht scheut, auch Gossenjargon einzubeziehen. Das hat mit Offenbachschem Esprit nichts zu tun. Dafür reißen die Tänze in der Strombergschen Rasanz geradezu vom Hocker. Es fehlt nur das Ballett. Auch diese Chance wurde in Halle vertan! Aber immerhin: Ein großes Hörver-gnügen, dieser Abend, zumal das Hallenser Orchester sehr engagiert aufspielt.

 

Besprechung auch in "operalounge"