Die Fledermaus. Villazon. Deutsche Oper Berlin

Dieter David Scholz

 

 

Photo: Thomas Jauk

 

Die Neandertaler lassen grüßen oder

Fledermaus auf Zeitreise

 

Am Samstag, den 28. April hatte an der Deutschen Oper die Neuinsze-nierung einer „Fledermaus“ von Johann Strauß Premiere. Kein Geringerer als der Tenor, Entertainer und Spaßmacher Rolando Villazón hat insze-niert. Am Pult stand GMD Donald Runnicles.

Die „Fledermaus“ ist ein ironisches, bitterbösartiges Stück über Schein und Sein in der untergehenden K & K Monarchie. Ein Stück, in dem dem großbürgerlichen Publikum Wiens ein Spiegel vorgehalten wurde. Villazón wurde von einem Teil des Premieren-publikums ausgebuht, weil er eine außergewöhnliche, alle Erwartungen Lügen strafende Interpretation wagt.

 

Eine "wienerische" Operette zeigt Villazón nur im ersten Akt, aber dann macht er einen Zeitsprung. Das Fest beim Prinzen Orlovsky läßt er Mitte der 50er Jahre im russischen Sektor Berlins spielen und den Schlußakt verlegt er in die Zukunft , in eine Weltraum-station. Seine Idee ist es, das Archetypische, das in allen Zeiten immer Gleichbleibende der menschlichen Spezies in dieser Zeitreise zu zeigen: die erotische wie gesellschaft-liche Doppelmoral, das Bedürfnis nach Verkleidung, Rausch, nach Feier, nach Exzess und Grenzüberschreitung, ja Vergessen der Unbillen des Lebens. Die Botschaft seiner Inszenierung entspricht der Message in Verdis „Falstaff“: „Tutto nel mondo è burla“, was soviel meint wie „Alles auf Erden ist Komödie“, man könnte auch sagen „Die Welt, also die Gesellschaft ist nichts als ein Narrenhaus“. Und das ist ja auch im Grunde die Botschaft der „Fledermaus“ von Strauss und Genée. Villazón kennt das Stück und nimmt es ernst. Deshalb gerät es ihm so komisch.

 

Im ersten Akt wohnt man einer grotesken Slapstickkomödie in einem bürgerlichen Wohnzimmer um 1870 bei, in dem Möbel und Zimmerpalme grotesk hin- und herge-rückt werden, der zweite Akt spielt in einem subversiven Untergrund-Etablissement im geteilten Berlin in den 50er-Jahren und der dritte spielt in einer Orbital-Haftvollzugs-anstalt. Und so, wie Villazón und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker sich da un-verhohlene Anspielungen ans Stanley Kubricks „Odysse im Weltall“ gestatten, denkt man im zweiten Akt an Billy Wilders Film „eins, zwei drei“. Es ist köstlich, wie da Russen und Nachkriegsdeutsche im Suff über die Stränge schlagen. Auch kostümlich ist das herrlich ausgestattet von Thibault Vancraenenbroeck. Dass diese „Fledermaus“ auch ein gesellschaftskritisches Stück ist, wird von Villazón nicht unter den Teppich gekehrt. Im Gegenteil, er zeigt alle Akte hindurch einen Obdachlosen, einen aufmerksam reagierenden Penner, der am Bühnenportal sitzt und sich in seiner Existenznot nur wundert, was für Probleme diese sogenannte „ bessere Gesellschaft“ und ihre Angestell-ten haben … Der Gefängnisdiener Frosch übrigens wird als Roboter vorgeführt (der Wiener Schauspieler Florian Teichtmeister spielt ihn), ein Android, der sich über die Menschen lustig macht, diese Menschen, die es so wenig verstehen, ihr Glück auf Eden verwirklichen zu können. Ein philosophischer Zukunfts-Frosch gewissermaßen.

 

Das Konzept Villazóns geht glänzend auf, die Inszenierung schnurrg ab wie ein gut geöltes Räderwerk. Mann kann natürlich das Konzept, zumal des dritten, schwächsten Aktes nicht mögen, aber in sich schlüssig ist das Konzept allemal. Aber auch die Rea-lisierung lässt nichts zu wünschen übrig. Villazón hat auf der großen Drehbühne die so unterschiedlich verorteten Akte bewundernswert ineinander verzahnt mit dem Thema Zeit. Vom ersten bis zum letzten Akt schlurfen gelegentlich Primaten, Menschenvor-läufer, Neandertaler über die Bühne. Es es hat sich im Grunde nichts geändert seither. Fremdgegangen wurde seit eh und je. Die berühmte, zerrinnende Uhr von Salvador Dalí hängt vom Souffleurkasten herab in den Orchestergraben. Im Zweiten Akt rasen die Zeiger einer Uhrenprojektion über die Bühne. Villazón spielt das Aus-der-Zeit und Aus-der Rolle-fallen in seiner handwerklich virtuosen Inszenierung brilliant aus. Das Timing siner Inszenierung ist perfekt. Es gibt keinen Leerlauf. Ein besonders pikanter Regie-einfall: Niemand maskiert sich wirklich in dieser Inszenierung, aber alle tun so, als ob sie maskiert wären, was die Komödie noch infamer macht. Im Russenkeller Orlovskys überschreiten Männer und Frauen ihre Geschlechterrollen. Orlovsky ist eine als Mann verkleidete Frau, manche Soldaten tragen unter ihren Militärmänteln Damenunterwäsche und Strapse. Das hat trotz seiner Deutlichkeit nichts von jenem aufdringlichem Traves-tietheater, wie es in der Berliner Komischen Oper so häufig gezeigt wird. Villazón gelingt ein kurzweiliges Spiel, eine Parabel über die schmale Gratwanderung zwischen Moral, Gesetz, Rollen und Regeln. Er animiert die Sänger zu ungewöhnlich sportiven wie subtilen schauspielerischen, komödiantischen Leistungen. Keines der oft so abge-schmackten und abgenutzten Fledermaus-Klischees wird bemüht in seiner Inszenierung. Chapeau!

 

Auch die sängerische Besetzung ist fabelhaft. Thomas Blondelle singt und spielt, Jack Nicholson verblüffend ähnlich sehend, den ausbrechenden Ehemann Eisenstein, Annette Dasch ist als seine ausgefuchste Gattin Rosalinde so gut, wie ich sie nie erlebt habe, stimmlich, aber auch darstellerisch. Dass sie so komisch, so witzig sein kann, wußte man bisher nicht. Auch Markus Brück als nosferatuhafter Gefängnisdirektor Frank offenbart jenseits seiner wunderbaren Stimme ungeahnte darstellerische Qualitäten. Die aufstre-bende Mezzosopranistin Angela Brower singt und spielt einen amüsant androgynen Orlovsky. Der Alfred von Enea Scala ist als Inbegriff einer Tenorkarikatur angelegt, er schmettert mit Italianità und darf immer wieder Drei-Tenöre-Hits anstimmen. Villazón hat sich da wohl augenzwinkernd eine Art ironischer Selbstdarstellung gegönnt. Auch die junge Nicole Haslett darf als glänzende Nachwuchs-Adele gelten. Um die wichtig-sten Partien zu nennen. Ein wirklich rundes, in sich stimmiges Sängerensemble, das das Publikum verdtändlivherweise begeisterte.

 

Musikchef Donald Runnicles steht am Pult. Er hat ganz sicher nicht die höheren Weihen der Johann-Straus-Interprettion erhalten, aber er dirigiert „Die Fledermaus“ souverän äund durchweg flott, immerhin. Die Einlage-Schnellpolka, die er im Orlovsky-Akt auf-tischt, gerät ihm sogar aussergewöhnlich mitreißend. Und wenn die Inszenierung am Ende des Stücks von der Weltraumszene wieder zurückspringt in den bürgerlichen Sa-lon des ersten Aktes, wenn sich der Kreis der Inszenierung schließt, dann läßt Runncles den Anfang der sinfonischen Dichtung „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss spielen. Da ist er dann mit seinem Orchester ganz in einem Element.

 

Besprechung auch in BR Klassik, Operettenboulevard