Der Freischütz Leipzig 2017

Dieter David Scholz

 

 

Fotos: Ida Zenna

 

Frau Samiel oder Die Angst des Mannes vor der Frau

 

Webers „Freischütz“ in Leipzig

Premiere Oper Leipzig 4.3. 2017

 

Carl Maria von Webers Romantische Oper „Der Freischütz“ gilt seit Ihrer Uraufführung 1821 in Berlin als deutsche „Nationaloper“ und erfreut sich bis heute großer Popularität. Carl Maria von Weber und sein Librettist Friedrich Kind verlegten die Handlung in die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. Sie spielt unter Jägern und Landleuten, in einem Wald; Max muss bei einem Probeschuss treffen, um seine Verlobte Agathe und dazu das prestigeträchtige Forsthaus zu gewinnen. Aus Angst und Aberglauben verbündet er sich mit Kaspar, der selbst dem Teufel in Gestalt Samiels seine Seele vermacht hat. Freikugeln, von denen sechs nach Wunsch des Schützen treffen, die siebente aber vom Teufel gelenkt wird, sollen den Erfolg garantieren.

Regisseur Christian von Götz hat den „Freischütz“ nicht in der Zeit nach dem Dreissig-jährigen Krieg belassen. Er hat ihn auch nicht etwa zu Webers Zeit angesiedelt, sondern er hat ihn von der Uraufführungszeit um gut hundert Jahre nach vorn verlegt. Die Oper spielt also Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Inszenierung zeigt eine Art Wirtshaus, es kann auch eine Försterei sein, mit großer gusseiserner Treppe, ein repräsentativer Raum, der sich drehen kann. Auf dessen Rückseite befindet sich das Schlafzimmer von Agathe, das ein wenig nach erstem Akt „Rosenkavalier“ aussieht. Dieter Richter hat die Räume entworfen und auf die grosse Drehbühne der Leipziger Oper gestellt. Das sieht hübsch aus, ist solide gebaut und dient Regisseur Christian von Götz dazu, zu zaubern und zu geheimnissen, um das Stück zu entgeheimnissen. So paradox das klingt, er will den Freischütz entzaubern und von seiner biedermeierlich-christlichen Ideologie befreien und stattdessen zeigen als ein Stück über die Angst der Menschen vor dem Bösen und die Angst der Männer vor den Frauen.

 

Diese Lesart überzeugt nur bedingt. Und sie ist nicht neu. Ähnliche Konzepte gab es schon mehrfach. Das Grundproblem des „Freischütz“ ist allerdings seine Zeitverhaftetheit. Die gesellschaftlichen und religiösen Konflikte und Konstellationen, die in dem Stück verhandelt werden, sind nicht mehr unsere Konflikte. Sie lassen sich nur sehr schwer glaubwürdig auf die Bühne bringen. Christian von Götz bemüht sich um einen Ausweg, indem er ein szenisches Ablenkungsmanöver einschlägt, das die heiklen Fragen und Themen des Stücks - der Text läßt sich allerdings nicht eliminieren - vergessen machen soll. Er deutet die Schauerromantik des Samiel gewissermaßen Freudianisch. Samiel, der Teufel und Menschenverführer ist bei ihm eine Frau, eine hagere Ballettänzerin, die als staksiges Gespenst durch die ganze Aufführung geistert. Die Wolfsschluchtszene wird als harmloser Hexensabbat gezeigt. Immer wieder Anspielungen auf Tod, Männerängste und Frauenängste. Böse Träume. Die Botschaft des Regisseurs ist klar, aber das Werk an sich wird durch diese psychologische Interpretation nicht klarer, nicht verständ-licher, zumal die Inszenierung nicht mehr als handwerklich solide, aber alles andere als phantasievoll oder gar aufregend genannt werden darf.

 

Nun braucht man für diese Oper mindestens ein halbes Dutzend erstklassiger Sänger. Die Leipziger Besetzung ist insgesamt rollendeckend, aber nicht spektakulär. Eindrucksvoll finde ich den Max von Thomas Mohr, der diese Partie mit Intelligenz und mit seinem inzwischen baritonalen Tenor sehr unkonventionell gestaltet. Er ist eigentlich die interessanteste Figur in dieser Inszenierung. Auch der Bariton Tuomas Pursio als dämonischer Teufelsagent Kaspar macht bella figura. Die israelische Sopranistin Gal James, neu im Ensemble der Leipziger Oper, singt eine sehr lyrisch verinnerlichte Agathe, aber doch mit - für meinen Geschmack - allzu weinerlicher Stimme. Das Ännchen von Magdalena Hinterdobler wurde vom Premieren-publikum am heftigsten gefeiert. Es ist die dankbarste Partie. Aber auch sie hat man schon weit brillianter auf der Bühne erlebt, selbst in kleineren Opernhäusern, um ehrlich zu sein.

 

Kapellmeister Christoph Gedschold stand am Pult des Gewandhausorchesters. Er geht den „Freischütz“ ziemlich bodenständig und robust an. Romantische Gänsehaut kommt nicht auf bei seiner dramatisch-forschen, eher rustikalen als sensiblen Herangehensweise an diese romantische Vorzeigeoper. Das Dirigat deckt sich zwar mit der szenischen Lesart, lässt aber doch manche Wünsche offen. Im Gensatz zum prachtvollen Chor der Oper Leipzig und dem tadellosen Gewandhausorchester, das neben einer wunderbaren Bläserbesetzung auch einige sehr beeindruckende, kultivierte Solocello- und Soloviola-Momente hören liess.

 

Rezension auch in MDR Figaro